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Regional Verzerren ADAC-Werkstätten den Wettbewerb?
Nachrichten Wirtschaft Regional Verzerren ADAC-Werkstätten den Wettbewerb?
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19:12 14.07.2011
Fühlt sich nicht durch den ADAC bedroht: Christian Vöhringer ist sich sicher, seinen Kundenstamm zu halten.
Fühlt sich nicht durch den ADAC bedroht: Christian Vöhringer ist sich sicher, seinen Kundenstamm zu halten. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Der Automobilclub testet bis zum Jahresende ein Modell, bei dem Werkstätten in Detmold, Mönchengladbach, Erfurt und München unter dem ADAC-Label arbeiten. Kunden können anonymes Feedback geben, parallel testet der ADAC die Qualität der Werkstätten. „Wenn die Testbetriebe funktionieren, überlegen wir, welches Konzept wir umsetzen“, erklärt Peter Baudrexel (46), interner Projektleiter des ADAC. Es gebe mehrere Varianten. Der Automobilclub will keinesfalls neue Werkstätten gründen, sondern bestehende freie Werkstätten mit dem ADAC-Label ausstatten – gegen eine Gebühr und wenn die Werkstätten die Qualitätsansprüche erfüllen.

„Wir wollen die Qualität von Werkstätten in Deutschland steigern“, nennt Pressesprecher Dieter Wirsich (63) als Ziel. Dabei gebe der ADAC weder Materialien, noch Preise vor. Der jeweilige Werkstättenbetreiber bleibe autonom, solange er die Qualitätskriterien einhält.

Kritik kommt von der Kfz-Innung Südniedersachsen: Pasquale Perriello (Obermeister) und Andreas Gliem (Geschäftsführer) haben einen Brief an den Präsidenten des ADAC, Peter Meyer, geschrieben, in dem sie die Sorgen der Freien Werkstätten darstellen (Tageblatt berichtete). Es wäre bedauerlich, „wenn die heterogene Struktur des Kfz-Gewerbes durch den Einzug eines Megabetriebes letztlich zerstört würde und man sich dem Diktat eines ‚Riesen‘ entweder fügen oder eben gehen“ müsse. Weiterhin fürchten die beiden um den „Fortbestand vieler Kleinst- und Kleinunternehmer, um den Erhalt damit verbundener Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie um die Vielfalt des wirtschaftlichen Treibens vor Ort“.

Wirsich wundert sich außerdem über die Kritik Perriellos und Gliems: „Sie schreiben, dass sie sich nicht gegen Wettbewerb wehren und den freien Markt lobenswert finden.“ Nichts anderes als ein Wettbewerber sei der ADAC. „Andere Ketten wie ATU gibt es ja auch.“ Außerdem schließe der ADAC niemanden als Partnerwerkstatt aus.

Werkstättenbetreiber in Göttingen kritisieren die ADAC-Idee. „Ich finde das nicht gut. Da kann ja gleich der TÜV Werkstätten aufstellen“, sagt Christian Vöhringer (48). Wenn der ADAC Werkstätten unter seinem Namen laufen ließe, käme es zur Vermischung von Interessen – von Profit und unabhängigem Service. Er selber sehe zwar kein Problem für seine Werkstatt Vöhri-Tech, wohl aber für andere Kollegen. „Ich habe meinen festen Kundenstamm und mehr Aufträge, als ich schaffe.“ Er will nicht unter dem ADAC-Label arbeiten. „Ich will keine Vorschriften, sondern frei bleiben.“

Ein anderer Werkstättenbetreiber, der anonym bleiben möchte, sorgt sich um seinen Kundenstamm: „Der Wettbewerb ist unfair, da der ADAC Autos abschleppt und die dann direkt in seine eigenen Werkstätten bringt.“ Zudem gehe es bei großen Ketten immer um Profit, worunter die Qualität leide. „Außerdem bilden wir noch echte Kfz-Mechaniker aus, bei den Ketten laufen doch großenteils Verkäufer rum“, mokiert er sich.

Berechtigte Vorwürfe oder Angst vor Konkurrenz? Ulrich Köster, Pressesprecher des Zentralverbandes des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK), sieht die Herausforderung für freie Werkstätten „gelassen und sportlich“, falls der ADAC überhaupt aktiv werde. „In diesem Fall erwarte ich aber auch kein Werkstättensterben“, sagt der 51-Jährige. Die inhaberbetriebenen Werkstätten hätten ihre Stammkunden. „Sie haben einen guten Ruf und decken die Fläche ab.“ Pressesprecher Wirsich betont zudem, dass der ADAC keinesfalls Autos nur in eigene Werkstätten abschleppt. „Wir leben doch von unserem guten Ruf und dem Vertrauen, dass die Kunden in uns haben.“ Es wäre rufschädigend, wenn Mitarbeiter 50 Kilometer zur nächsten ADAC-Werkstatt fahren, obwohl auf dem Weg andere geeignete Werkstätten lägen.

Von Michael Kerzel