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Regional Viscom muss selbst auf den Prüfstand
Nachrichten Wirtschaft Regional Viscom muss selbst auf den Prüfstand
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11:02 21.07.2009
Von Helmuth Klausing
Viscom Transfergesellschaft Gewerkschaft IG Metall Prüfsystemhersteller
Rücken in der Krise enger zusammen: Viscom-Betriebsratsvorsitzender Michael Stahlhut (Dritter von links) sowie die Vorstände Ulrich Mohr, Volker Pape und Martin Heuser (von links). Quelle: Rainer Surrey
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Der Prüfsystemhersteller Viscom in Badenstedt, das sei mal ein „Ausnahmebetrieb“ gewesen, sagen Kenner des börsennotierten Unternehmens anerkennend. Mit einer jungen, technikbegeisterten Belegschaft, hervorragend ausgebildeten Bastelfüchsen, die Spaß daran haben, schier Unlösbares dennoch möglich zu machen.

So brachte es Viscom mit den Gründern Volker Pape und Martin Heuser in wenigen Jahren zu einem der Marktführer für optische Prüfsysteme in aller Welt. Mit Kameras oder Röntgenstrahlen entdecken die äußerlich eher unscheinbaren Schränke auch noch so kleine Fehler in selbst winzigsten Bauteilen – ideal für die Elektronikindustrie.

Präzise sind Viscom-Geräte nach wie vor, doch die Abnehmer sind in der Wirtschaftskrise rar geworden. Jetzt rächt sich, dass die Hannoveraner 80 Prozent ihres Umsatzes mit nun ihrerseits schwer angeschlagenen Automobilzulieferern erwirtschaften. Hinzu kommt ein Wildwuchs in den internen Abläufen und in der Logistik, der in Wachstumszeiten wohl niemanden wirklich interessierte.

Nach einem Dreivierteljahr in der Krise sieht bei Viscom vieles anders aus: „Wir müssen effizienter werden“, räumt Vorstand Heuser ein. Der Konzern musste kurzerhand selbst auf den Prüfstand. Man habe das gesamte Unternehmen von Grund auf noch einmal durchgeplant – und dabei herausgefunden, dass von den 355 Mitarbeitern in Hannover eine Kernmannschaft von 190 genügen könnte, um den Betrieb am Laufen zu erhalten.

„Wir haben immer positiv gedacht“, sagt Betriebsratschef Michael Stahlhut. Dennoch sei ein Arbeitsplatzabbau schon im September vergangenen Jahres Thema in den Gesprächen mit dem Vorstand gewesen. „Wir sprechen sehr häufig und sehr offen miteinander.“ Zunächst habe man versucht, ohne Kündigungen auszukommen.

„Wir wollten keinen Kahlschlag machen“, erinnert sich Finanzchef Ulrich Mohr. Man habe sich auf einen Umsatzrückgang von 5 bis 10 Prozent eingestellt. Doch die Auftragslage wurde immer prekärer. Ende des ersten Quartals 2009 war klar, dass härtere Schnitte nötig würden: Der Umsatz war um mehr als 50 Prozent eingebrochen „Wir sind bemüht, immer einen Konsens herbeizuführen“, sagt Vorstand Heuser, auf dessen Anregung 2002 erst der Betriebsrat gegründet wurde. „Wir brauchten doch einen Ansprechpartner.“ In der Krise habe sich die Zusammenarbeit zwischen Vorstand und der Mitarbeitervertretung bewährt.

Selbst bei der Gewerkschaft IG Metall hört man kein schlechtes Wort über Viscom. So wurde eine Transfergesellschaft für 36 Mitarbeiter ins Leben gerufen, obwohl Kündigungen für das Unternehmen billiger gewesen wären. Die sogenannte Sozialauswahl bei den dennoch vorgenommenen Kündigungen erweiterten Vorstand und Betriebsrat über das gängige Punktesystem hinaus, sodass auch eine schwierige häusliche Situation bei Beschäftigten oder die Versorgung eines behinderten Kindes Berücksichtigung fanden. „Ja, wir wollen auch unser soziales Gewissen beruhigen“, räumt Mohr ein.

Glücklich mit den gefundenen Kompromissen, mit dem Konsens, sind weder Stahlhut noch Heuser und Mohr. Doch es beruhigt sie, dass ihnen kaum Verbitterung entgegengeschlagen sei, selbst bei den Mitarbeitern, die gehen mussten.

Stahlhut spürt indes noch immer eine „Verunsicherung“ in der Belegschaft, aber die richte sich inzwischen auf die konjukturelle Lage, weniger auf das Unternehmen selbst. Für mindestens ein Jahr, darüber besteht Einigkeit, soll es nun keine weiteren Veränderungen in der Personalstruktur geben.

Stefan Winter 20.07.2009
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