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Regional Von Götz von Berlichingen zur Michelangelo-Hand
Nachrichten Wirtschaft Regional Von Götz von Berlichingen zur Michelangelo-Hand
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19:03 19.08.2011
Von Ilse Stein
Mensch und Modell: Hans Georg Näder in Wien.
Mensch und Modell: Hans Georg Näder in Wien. Quelle: Stein
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Anhand eines menschlichen Papp-Modells erläutert Dr. Hans Dietl, Geschäftsführer von Otto Bock in Österreich und Geschäftsführer der dortigen Forschung und Entwicklung, seinem Chef all das, was sich in den vergangenen sechs Monaten getan hat. Näder hatte sich eine längere Auszeit gegönnt und ist erkennbar begeistert davon, was seitdem geschehen ist.

Der Journalistin hingegen schwirrt bald der Kopf. Da geht es um Bionische Bein-Prothesen-Systeme, um die Kopplung der Technik also an den menschlichen Körper, um biomechanisch optimierte Implantat-Designs und Osseointegration. Damit ich das verstehe, hat man vorsorglich ein 30-seitiges Papier vorbereitet: Hierbei geht es um die Anbindung der Arm- oder Beinprothesen mit Hilfe von Implantaten, die im Knochen verankert werden. Die Herausforderung für die Entwickler, so lerne ich, besteht hierbei darin, zu verhindern, dass sich an den Prothesenoberflächen Mikrobakterien ansiedeln.

Weiter geht es mit dem Stichwort „Bionic Foot“, übersetzt: einer intelligenten Fußprothese. Die soll künftig, im Gegensatz zu bisherigen Modellen, durch den Einsatz von Mikroelektrik und moderner Sensorik in der Lage sein, den Fuß automatisch an verschiedene Gangsituationen anzupassen. Die Zehen etwa werden dann beim Durchschwingen des Beines angehoben, der intelligente Fuß passt sich somit an verschiedene Schuh-Absatzhöhen ebenso an wie an Rampen oder Bodenunebenheiten. Kombiniert mit Knieprothesen soll dieser „Bionic Foot“ beinamputierten Menschen noch besser helfen. Im Herbst wird die modernste dieser technologischen Entwicklungen fertig sein und dann bald als Serienprodukt auf den Markt kommen.

Nächstes Stichwort: Neuroprothesen. Schlaganfall, so erklärt Dietl, ist die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen von Erwachsenen – nicht nur in Deutschland. Eine der daraus folgenden Einschränkungen ist die sogenannte Fußheber-Schwäche. Störungen im zentralen Nervensystem sorgen dafür, dass die Signale des Gehirns nicht mehr an die Muskulatur des Beins gelangen – der Fuß kann nicht mehr angehoben werden, das Gehen wird mühsam. Die österreichischen Entwickler von Otto Bock haben nun eine Manschetten-Elektrode entwickelt, die am Wadenbein angelegt wird und genau abgestimmte Impulse sendet. Es sei ebenso bewegend wie beeindruckend, so berichten die Entwickler, wie die vom Schlaganfall in ihrer Moblität behinderten Patienten plötzlich wieder (beinahe mühelos) laufen könnten.

Weiter im Forschungvortrag: „TMR“ steht für Targeted Muscle Reinnervation oder übersetzt für eine gedankengesteuerte Armprothese. Allein durch gedankliche Bewegung des „Phantomarmes“ kann der Patient, der erste war im vergangenen Jahr Christian Kandlbauer aus der Steiermark, sieben Gelenke seines revolutionären Prothesenarmes in Echtzeit bewegen.

Nächstes Stichwort „Genium“: Bereits seit 14 Jahren hat die Firma Otto Bock ihr sogenanntes C-Leg auf dem Markt, ein modernes BeinprothesenSystem. Die Fortentwicklung nun heißt Genium: Das neue System verhilft oberschenkelamputierten Anwendern zu einem natürlichen Gehen und Stehen auf Neigungen, Steigungen oder unebenem Gelände. Wer sich davon ein Bild machen möchte, kann auf You Tube ein Video anschauen, das dies anschaulich und überzeugend demonstriert (Stichwort Genium und Hanger).

Beim Gang durch die verwinkelten Räume der Wiener Altbauten dann die Begegnung mit der Michelangelo-Hand. Wörtlich genommen. Ich schüttle diese künstliche und fast perfekt erscheinende Hand, die ein behinderter Mitarbeiter der Forschungsabteilung selbst testet. Acht Jahre hat es gedauert, diese Handprothese zu entwickeln, deren Technologie sowohl aus der Raumfahrt wie aus der Autoindustrie stammt. Vier bewegliche Finger und ein separat zu bewegender Daumen bieten unglaubliche Möglichkeiten. So kann ein Finger, bei gerade mal 21 Gramm Eigengewicht, bis zu 30 Kilogramm heben. Und vor allem: Ästhetisch ist die Michelangelo-Hand der menschlichen Hand detailliert nachempfunden. Handschuhe in 18 Farbtönen sowie ein transparenter Schutzhandschuh überlassen es dem Träger, ob er die künstliche Hand als Hilfsmittel überhaupt erkennbar machen möchte.

Wie ich lerne, ist der Umgang mit solchen technischen Hilfsmitteln eine Frage des kulturellen Umfeldes. In Amerika, so die Erfahrungen der Otto-Bock-Mitarbeiter, zeige man gerne und stolz seine moderne Prothese. Im europäischen Umfeld hingegen gehe man damit nicht so offen um.

Nicht aber seinerzeit Götz von Berlichingen, deutscher Ritter mit der eisernen Hand (etwa 1480 bis 1562). Der ließ sich, nachdem ihm ein Arm amputiert worden war, eine aus heutiger Sicht unglaublich komplexe eiserner Prothese bauen und kämpfte damit in zahlreichen Schlachten. Ein Nachbau ist – wir sind am zweiten Tag unserer Reise in Berlin angekommen – im Science Center zu sehen zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor, das Näder dort vor zwei Jahren bauen ließ, und das alles das zeigt, was die moderne Technik zu besserer menschlichen Mobilität beitragen kann. Sebastian Peichl hat dort die Ausstellung „Hand-Werk“ konzipiert, die die Entwicklung von der Berlichingen-Hand zur modernen Michelangelo-Hand zeigt.

Und weil man für so viel Entwicklung natürlich auch Raum braucht, hat man uns am Morgen, bevor der Flieger nach Berlin startete, noch den Neubau in Wien gezeigt, der für mehr als 21 Millionen Euro gerade entsteht und in dem in einigen Jahren bis zu 1000 Menschen arbeiten sollen. Duderstadt bleibt also als Verwaltungszentrum und Fertigungsstätte, Wien ist der zentrale Entwicklungsstandort: sozusagen beide als Stand- und ein Spielbein des organisch gewachsenen Unternehmens-Organismus Otto Bock.

Zahlen und Fakten

Hans Georg Näder wurde am 4. September 1961 in Duderstadt als einziger Sohn der Familienunternehmer Maria und Max Näder geboren. Die Eltern waren Inhaber des Orthopädieunternehmens Otto Bock. Näder studierte Betriebswirtschaft und übernahm 1990 im Alter von 28 Jahren die Geschäftsführung der Unternehmensgruppe. Er ist geschieden und hat zwei Töchter. Näder wurde 2005 zum Honorarprofessor der Privaten Fachhochschule Göttingen berufen. 2003 wurde ihm der Titel „Entrepreneur des Jahres“ verliehen. Er erhielt 2005 für sein gesellschaftliches Engagement den Niedersächsischen Staatspreis. Sein Hobby: Segeln. Näder ist begeisterter Kunstsammler – mit eine Vorliebe für Fotografie und Bildhauerei. Die Firmengruppe Otto Bock zählt heute knapp 5000 Mitarbeiter an 44 Länderstandorten. Der letzte Neuzugang ist Otto Bock South Africa. Der Umsatz der Firmengruppe belief sich 2010 auf 629,3 Millionen Euro, der Umsatz von Otto Bock Healthcare dabei auf 528,8 Millionen Euro.