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Regional Vorstandssprecher Willuhn geht in Ruhestand
Nachrichten Wirtschaft Regional Vorstandssprecher Willuhn geht in Ruhestand
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17:01 27.02.2019
Holger Willuhn verabschiedet sich in den passiven Teil der Altersteilzeit.
Holger Willuhn verabschiedet sich in den passiven Teil der Altersteilzeit. Quelle: Hinzmann
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Duderstadt

Seit 23 Jahren ist er das Gesicht der Volksbank Mitte: Holger Willuhn. Zum 1. März tritt der Vorstandssprecher in den passiven Teil der Altersteilzeit ein, am 28. Februar gibt es eine feierliche Verabschiedung. Zeit für den passionierten Banker und Biker, einen Blick in den Rückspiegel zu werfen.

Es ist beinahe 25 Jahre her, dass Willuhn nach Duderstadt kam. Es war im August 1994, als er seinen Dienst bei der Volksbank Eichsfeld antrat. „Ich erinnere mich noch gut an den Weg zum Vorstellungsgespräch hierher. Wir sind von der Autobahn ab und haben die Strecke durch die ,Hölle‘ genommen. Ich dachte: Du meine Güte, wo kommst du den jetzt raus?“, sagt Willuhn schmunzelnd. Wirklich verlassen wollte er seinen damaligen Arbeitgeber Volksbank Dessau-Anhalt nicht. „Ich hatte mir vor Ort mühsam die Kontakte zur Treuhand und anderen Institutionen aufgebaut. Es war eine enorm ereignisreiche Zeit, der Transformationsprozess war in vollem Gang. Als Team haben wir dort super funktioniert, auch wenn wir phasenweise bis zu 100 Stunden in der Woche gearbeitet haben“, sagt Willuhn.

Zweimal am Telefon abgesagt

In Dessau drohte er allerdings als Leiter der Kreditabteilung auf der Stelle zu treten. „Ich war schon immer sehr ehrgeizig. Mein Ziel war es immer, einmal Bankvorstand einer Genossenschaftsbank zu werden, und an der Umsetzung dieses Plans habe ich kontinuierlich gearbeitet. In Dessau gab es zwei recht junge Vorstände, und ein dritter sollte nicht eingesetzt werden“, skizziert Willuhn. So kam plötzlich Duderstadt ins Spiel, denn hier sah die Altersstruktur des Vorstandes anders aus. Allerdings habe er dem Personaler zweimal am Telefon abgesagt, bis er die Einladung zum Vorstellungsgespräch letztlich doch noch angenommen habe.

Sechs Fusionen mitgestaltet

In Duderstadt angekommen, sei dann alles extrem ansprechend verlaufen, so dass sich Willuhn schnell entschied, gemeinsam mit seiner Frau Sabine den Weg ins Eichsfeld einzuschlagen. „Wir sind hier schnell heimisch geworden, haben viele Freunde gefunden“, sagt der 59-Jährige. Komplettiert wurde Familie Willuhn 1996, als Tochter Karin geboren wurde. Sie studiert jetzt in Göttingen – selbstverständlich Betriebswirtschaftslehre.

Bereits 1994 Prokura

Beruflich kam Willuhn in Duderstadt schnell voran. Bereits Ende 1994 erhielt er Prokura. Im Juli 1996 wurde er im Alter von nur 36 Jahren Vorstand. Und es gab reichlich zu tun. Nicht weniger als sechs Fusionen hat Willuhn seither mitgestaltet. Dabei ist seine Volksbank stetig gewachsen. Die Volksbank Eichsfeld wies im Jahr 1996 eine Bilanzsumme von 330 Millionen Euro aus. Die Volksbank Mitte führt in ihren Büchern zum Geschäftsjahr 2018 eine Bilanzsumme in Höhe von 1,17 Milliarden Euro. Durch die Fusion zur VR-Bank Mitte wird sich die Bilanzsumme zum Jahresende 2019 auf etwa 2,4 Milliarden Euro erhöhen. „Wir haben hier als Team einen super Job gemacht. Die Zusammenarbeit im Vorstand war immer gut, auch wenn es natürlich mal unterschiedliche Meinungen zu Sachthemen gab“, betont Willuhn.

27. April 2008 als Meilenstein

Gefragt nach dem schönsten Moment in seiner Zeit bei der Volksbank in Duderstadt, muss der Banker nicht lange nachdenken. „Das war der 27. April 2008“, schießt es aus Willuhn heraus: „Nach einjährigem Umbau und kompletter Entkernung unserer Hauptstelle hatten wir da einen Tag der offenen Tür. Es kamen mehr als 5000 Kunden und Besucher. Wir waren so stolz auf unser Gebäude und sind dies auch noch heute.“

„Wir standen kurz vor der Kernschmelze“

Aber auch der schlimmste Tag seines Berufslebens ist Willuhn sehr präsent: „Das war der Tag der Lehman-Pleite am 15. September 2008, der Auftakt der letzten Wirtschaftskrise. Wir standen kurz vor der Kernschmelze, dem Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems. Ich habe damals 40 Stunden lang nicht geschlafen“, erinnert sich der Banker. Seinen jüngeren Kollegen drücke er die Daumen, dass sie so eine Situation nie erleben werden. „Die nächste Krise kommt aber ganz bestimmt, vielleicht zieht sie schon heran. Der Handelsstreit zwischen den USA und China lässt nichts Gutes erahnen. In Europa bereiten mir der Brexit und vor allem die Wirtschaft sowie die Politik Italiens erhebliche Sorgen.“

Motorradtouren, Reisen und Zeit für die Familie

Das alles werde er aber nur als Begleiter am Spielfeldrand verfolgen. Es sei gute Tradition, sich als ehemaliger Vorstand nicht mehr einzumischen, und daran werde er sich selbstverständlich halten. Anstatt im Chefsessel möchte er nun möglichst oft auf der Sitzbank seines Motorrads platznehmen, um gemeinsam mit Ehefrau Sabine größere Touren mit seiner BMW CL zu drehen. Zudem stehen „Reisen und viel Zeit fürs Lesen“ auf seiner Wunschliste. Überhaupt will er viel der gewonnenen Zeit mit der Familie verbringen. „Ich glaube, ich muss auch ein klein wenig Entschuldigung zu meiner Familie sagen. Der Beruf stand bei mir immer an erster Stelle. Jetzt möchte ich für Sabine da sein“, betont Willuhn.

Von Mark Bambey