Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Wenn sich auf Stellenangebote niemand meldet
Nachrichten Wirtschaft Regional Wenn sich auf Stellenangebote niemand meldet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:00 21.03.2012
Nachwuchs händerringend gesucht: Rene Goldmann probiert sich bei den Projekttagen Technik im Schweißen.
Nachwuchs händerringend gesucht: Rene Goldmann probiert sich bei den Projekttagen Technik im Schweißen. Quelle: Hinzmann
Anzeige
Göttingen

Klaus-Dieter Gläser von der Agentur für Arbeit Göttingen kennt die Zahlen: Pro Jahrgang absolvieren 700 Schüler an regionalen Berufsbildenden Schulen ihre Ausbildung im Bereich Technik, Informatik und Kraftfahrzeug. Nachgefragt werden 1400. Ebenfalls 700 lassen sich im Feld Gesundheit und Ernährung ausbilden. Angeboten werden in der Region aber 1800 Ausbildungsplätze.

Wengleich die Zahl des ausgebildeten Nachwuchses zurückgeht – an Menschen auf der Suche nach Arbeit mangelt es nicht. 4000 Personen in Südniedersachsen rechnet Franz Wucherpfennig vom Jobcenter Göttingen den sogenannten Bedarfsgruppen eins und zwei zu. Zu ihnen zählen Arbeitslose und -suchende, die das Jobcenter als sofort oder kurzfristig vermittelbar einstuft. Aber Wucherpfennig beklagt „mangelnde Durchlässigkeit“ zwischen den Berufsfeldern. Landrat Bernhard Reuter (SPD) warnt indessen vor einer „paradoxen Situation“, sollte sich am gegenwärtigen Zustand nichts ändern. „Wir müssen das Potential der Langzeitarbeitslosen besser nutzen, wenn wir die Fachkräftemangel-Problematik lösen wollen“, so Reuter. Allerdings stünde man erst am Anfang einer Diskussion, und die Umsetzung sei „schwierig“. Durch Budget-Kürzung bei den Jobcentern, so Reuter weiter, würde die Aufgabe nicht einfacher.

"Qualifikation stimmt einfach nicht.“

Die Personalverantwortlichen haben regelmäßig mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Sie berichten von Qualitätsabfall in den Bewerbungen, der sich in den vergangenen Jahren verschärft habe, von fehlenden Bewerbungen, langwierigen Einstellungsprozessen und Ausbildungsplätzen, die trotz aller Bemühungen unbesetzt blieben. „Wir suchen händerringend nach Fachkräften“, sagt Dalyn Nix, Personalleiterin im Göttinger Hotel Freizeit In. „Aber die Qualifikation stimmt einfach nicht.“ Die gewerblich-technischen Berufe, das Hotelgewerbe und Gesundheitsberufe sind es unter anderem, die den Personalleitern Kopfzerbrechen bereiten. Eine Anzeige aufzusetzen, das allein genügt heute nicht mehr, das ist auf der Fachkräftekonferenz Konsens.

Die Präsentation auf Berufsmessen ist für viele zum festen Bestandteil geworden, um neue Kräfte zu gewinnen. Wer es sich leisten kann, stellt einen Personalmanager ein. Andere versuchen, Auszubildende schon im Vorfeld eng ans Unternehmen zu binden. „Da schickt man auch schon mal ein kleines Präsent“, berichtet ein Unternehmer. Dem Qualitätsrückgang bei den Schulabschlüssen begegnen viele mit dem Ausbau der Ausbildungsmöglichkeiten im eigenen Betrieb, mit Fortbildungen oder dualen Studiengängen in Kooperation mit Hochschulen. Aber nicht nur die oft geringe Nachfrage ist ein Problem. Für kleinere und mittelständische Betriebe sind die Mehrkosten nur schwer zu tragen, weiß Carsten Kleine, Geschäftsführer bei GoePaTec  (Göttinger Präzisionstechnik).

Praxisbörse

Institutionen aus der Region haben unterschiedliche Projekte ins Leben gerufen, die die Entwicklung korrigieren sollen. Gläser stellt für die Agentur für Arbeit zwei Projekte vor, die angelaufen sind. An der Universität findet auch in diesem Jahr eine Praxisbörse statt, erstmals mit einem kostenlosen Stand für regionale Unternehmen. Eine gewerbliche Fortbildung für Studienabbrecher der Fächer Elektrotechnik und Physik bietet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Göttingen an.

Sigrid Jacobi (CDU-Kreistagsabgeordnete) gibt auf der Tagung den Startschuss für den Wettbewerb Familienfreundlicher Betrieb Südniedersachsen und wirbt mit dem Marketingeffekt. Das Echo ist positiv. Auffallend viele Peronalverantwortliche berichten von Einstellungen von Frauen, meist in Teilzeitbeschäftigung. „Wenn ich einer Mutter die Chance gebe, dreimal pro Woche bei mir zu arbeiten, ist sie doppelt so motiviert wie andere“, resümiert ein Tagungsteilnehmer.

Von Telse Wenzel