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00:21 14.04.2019
Friedrich Henniges testet am Firmenrechner die Internetgeschwindigkeit in Bodensee - mit ernüchternden Ergebnissen. Quelle: Markus Riese
Bodensee / Landkreis

 Ausschreibungen und Auftragsvergaben durch Behörden erfolgen mittlerweile immer häufiger online. Manche Betriebe stellt das vor ernsthafte Schwierigkeiten – denn ihnen fehlt bis heute der Zugang zum schnellen Internet.

Vergabeplattform der neue Standard

Seit dem 18. Oktober 2018 veröffentlicht der Landkreis Göttingen seine Ausschreibungen auf der Vergabeplattform „vergabe.niedersachsen“, die an das überregionale „Deutsche Vergabeportal (DTVP) angebunden ist. Damit entspricht die Behörde den Anforderungen einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2014, wonach bei europaweiten Ausschreibungen nicht nur die elektronische Bekanntmachung und die elektronische Bereitstellung der Vergabeunterlagen, sondern neuerdings auch die Angebotsabgabe und die Kommunikation mit den Bietern elektronisch zu erfolgen hat. Das Ganze nennt sich „eVergabe“ – und soll nicht nur lange Postwege verhindern, sondern auch den Papierverbrauch und Kosten reduzieren. Interessierte Betriebe sollen „schneller und direkter“ Zugriff auf alle veröffentlichten Ausschreibungsunterlagen bekommen.

Im Schneckentempo über die Datenautobahn

„Das Gegenteil ist der Fall“, beschreibt Friedrich Henniges, Inhaber und Geschäftsführer eines Bauunternehmens in Bodensee bei Gieboldehausen, seinen komplizierter werdenden Alltag: „Gerade bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand geht es oft um 50 oder 60 Seiten, darunter auch Detail-Zeichnungen, Antragsformulare und so weiter“, berichtet der Unternehmer. „Da muss ich den Computer über Nacht laufen lassen, um das alles runterladen zu können“, sagt Henniges – dabei sind die Datenmengen eigentlich überschaubar. Doch das relativiert sich, wenn man die zur Verfügung stehende Internet-Geschwindigkeit an seinem Arbeitsplatz kennt. Ein Speed-Test über die Seite der Telekom verrät, dass Down- und Upload-Tempo in Bodensee bei unter einem Megabit pro Sekunde (MBit/s) liegen.

Im Jahr 2019 noch Realität: Internetgeschwindigkeiten von unter 1 MBit/s in Dörfern des Landkreises Göttingen.. Quelle: Markus Riese

Doppelter Ärger in Bodensee

Das ärgert Henniges gleich doppelt: Der CDU-Mann ist nämlich auch Bürgermeister der Gemeinde Bodenseeund wird in dieser Funktion immer wieder mit Fragen nach der Breitbandversorgung konfrontiert. „Die Gemeinde hat schon 2012/13 etwa 13 000 Euro für die Telekom bezahlt, damit jeder Haushalt mindestens 2 MBit/s erhält, was nie erreicht wurde“, schimpft Henniges. Ende 2018 sei die Gemeinde mit weiteren 14 000 Euro für die Verlegung von Leerrohren in Vorleistung getreten. Doch der Breitbandausbau in Bodensee habe sich immer wieder verzögert. Zum 1. April habe die Telekom nun auch noch seinen ISDN-Anschluss gekündigt. „Sollen wir jetzt Rauchzeichen geben?“, fragt Henniges bewusst provokant in einem Schreiben, das er Anfang März unter anderem dem Landkreis, der Wirtschaftsförderung Region Göttingen und der Telekom geschickt habe. Eine Antwort habe er bis heute nicht erhalten.

Handwerk hält Versorgung für Erfolgsfaktor

„Wir nehmen den eindringlichen Hinweis der Firma Henniges zum Anlass, das Gespräch mit dem Landkreis zu suchen“, betont Christian Frölich, Kreishandwerksmeister und Obermeister der Bau-Innung Südniedersachsen. Eine solche Umstellung funktioniere seiner Ansicht nach nur, wenn alle Beteiligten unter gleichen Bedingungen arbeiten könnten. Der geförderte Breitbandausbau im Landkreis Göttingen – mit dem Ziel einer flächendeckenden Versorgung von mindestens 50 MBit/s – hat zwar im Dezember 2018 mit einem ersten Spatenstich in Ossenfeld begonnen; das hilft Henniges in Bodensee aber derzeit auch nicht weiter. Schließlich kämen heute bereits die meisten Anfragen per E-Mail, auch auf dem Lande. „Gerne werden gerade im Baugewerbe auch Fotos oder Zeichnungen als pdf oder jpg verschickt. Das Problem sind dann große Datenmengen bei komplexen CAD-Zeichnungen oder Visualisierungen“, weiß auch Frölich. Seiner Einschätzung nach ist die Versorgung mit schnellem Internet eine „entscheidende Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und Lebensqualität in ländlichen Räumen“.

Infos zum elektronischen Vergabeverfahren

„Soweit es der gesetzliche Rahmen zulässt, werden nach Rücksprache mit den die Ausschreibungen veranlassenden Fachbereichen weiterhin auch schriftliche Angebote zugelassen“, teilt der Landkreis Göttingen mit. Es sei jedoch absehbar, dass diese Möglichkeit durch neue gesetzliche Vorgaben weiter eingeschränkt werden könnte. In den kommenden Monaten soll es eine Informationsveranstaltung der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen zur „eVergabe“ geben. Daran sollen auch Vertreter des Landkreises Göttingen teilnehmen – „um das Vergabeverfahren und die Nutzung des Vergabeportals aus der Perspektive des Landkreises vorzustellen“, aber auch um Ängste abzubauen, grundsätzliche rechtliche Rahmenbedingungen aufzuzeigen und Fehlerquellen bei der Abgabe von Angeboten zu minimieren. Der Landkreis Göttingen sieht im elektronischen Vergabeverfahren deutliche Vorteile: „Eine Verschlankung und Beschleunigung der Ausschreibungsverfahren liegt sowohl im Interesse der ausschreibenden Stellen als auch der Bieter“, betont eine Sprecherin der Behörde.

Von Markus Riese

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