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Regional Die Anzahl befristeter Arbeitsverträge geht in Göttingen kaum zurück
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18:15 21.06.2019
Befristete Arbeitsverträge dürften bei Arbeitgebern wesentlich willkommener sein als bei Arbeitnehmern. Quelle: R
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Göttingen

Die Industriegewerkschaft (IG) Bau fordert, per Gesetz den Anteil von befristeten Arbeitsverträgen eindämmen zu lassen. „Job mit Verfallsdatum“ nennt Torsten Witt von der IG Bau Niedersachsen-Süd diese vertragliche Form einer Anstellung. Im Landkreis Göttingen, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft, haben derzeit rund 16 600 Beschäftigte einen befristeten Arbeitsvertrag. Das sind 11,1 Prozent aller Arbeitnehmer im Landkreis. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Angaben aus dem aktuellen Mikrozensus. „Es kann nicht sein, dass Unternehmer trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt weiterhin so stark auf Befristungen setzen. Die Bundesregierung muss jetzt mit ihrem Versprechen ernst machen und Zeitverträge per Gesetz eindämmen“, fordert Witt.

Anders als bei einer Schwangerschaftsvertretung oder einer Probezeit gebe es nach Beobachtung der Gewerkschaft häufig keine zwingenden Gründe für eine Befristung. „Gerade Berufsanfänger werden gern mit einem Job auf Zeit abgespeist. Sie müssen sich von Stelle zu Stelle hangeln“, kritisiert Witt. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit waren im vergangenen Jahr bundesweit 38 Prozent aller Neueinstellungen befristet, zeigt der Gewerkschafter anhand dieser Quelle auf.

„Einen sicheren Job statt einer Zitterpartie“

„Wer als Berufsstarter eine Familie gründen oder einen Kredit für die eigene Wohnung oder fürs Auto bekommen will, der braucht keine Zitterpartie, sondern einen sicheren Job“, so der IG BAU-Bezirksvorsitzende. Die Gebäudereinigung zähle zu den Branchen, in denen Befristungen besonders verbreitet seien. Gerade Frauen litten hier unter wackeligen Arbeitsverhältnissen. „Statt des Prinzips Heuern und Feuern braucht es eine verlässliche Personalplanung“, so Witt weiter.

In ihrem Koalitionsvertrag, darauf weist er hin, haben Union und SPD festgeschrieben, Befristungen ohne konkreten Sachgrund – wie etwa eine Elternzeitvertretung – einzudämmen. In Betrieben mit mehr als 75 Beschäftigten sollen solche Zeitverträge demnach künftig auf maximal 2,5 Prozent der Belegschaft begrenzt werden. Bislang ist die Befristung eines Arbeitsvertrages ohne sachlichen Grund prinzipiell bis zu zwei Jahre lang erlaubt. In diesem Zeitraum kann ein befristeter Arbeitsvertrag in der Regel maximal dreimal verlängert werden.

Quote der Befristungen nicht gestiegen

Deutlich anders klingt die Argumentationskette aufseiten der Arbeitgeber. Auf Anfrage des Tageblatts erklärt Kirsten Weber vom Arbeitgeberverband Mitte mit Sitz in Göttingen, dass sich der Verband vollinhaltlich der Ausführung der Unternehmerverbände Niedersachsens (UVN) anschließe. Auch die UVN verweisen auf eine Studie des IAB. Die unterstreiche einmal mehr die Bedeutung der befristeten Arbeitsverhältnisse für den Arbeitsmarkt. Die Quote der befristet Beschäftigten sei mit 8,3 Prozent im Jahr 2018 gegenüber 2017 nicht gestiegen, heißt es da. Allein die Zahl der absolut befristet beschäftigten Arbeitnehmer habe sich leicht erhöht, weil die absolute Zahl der Beschäftigten in Deutschland gestiegen ist.

Befristungen würden Einstellungen erleichtern, wenn der Bedarf an Arbeitskräften im Betrieb zeitlich begrenzt oder aber die Dauer dieses Bedarfs aus wirtschaftlichen Gründen unsicher ist. Das sei ein entscheidendes Moment für Arbeitgeber, Befristungen zu nutzen. Sie würden Möglichkeiten schaffen, unmittelbar Wachstum in Beschäftigung bei noch unsicherer Auftragserwartung umzusetzen. Auch die Übernahmequote im Jahr 2018 habe mit fast 45 Prozent den höchsten Stand seit der ersten Messung erricht, heißt es in dem Papier der UVN.

Arbeitgeber können Mitarbeiter testen

Die Gründe, Befristungen einzusetzen, seien seit Jahren stabil. Sie würden einerseits auf dem Wunsch beruhen, Arbeitskräfte angemessen auf ihre Eignung testen zu können, würden aber auch auf unsicheren Geschäftserwartungen beruhen. Zitiert wird noch einmal direkt aus der Studie des IAB: „Gebe es die Möglichkeit der Befristung nicht, werden die Unternehmen womöglich zögerlicher, neue Arbeitskräfte einzustellen.“

Zahlen des Agenturbezirks Göttingen

Beim Blick auf den Agenturbezirk Göttingen ergibt sich im Vergleich der Jahre 2015 und 2019 folgendes Bild: Im Mai 2014 waren 2093 offene Stellen gemeldet, davon befristet: 343, das sind 16,4 Prozent. Im Mai 2019 gab es 4643 gemeldete offene Stellen, davon befristet: 573, das sind 12,3 Prozent.

„Die Situation hat sich bezüglich befristeter Arbeitsverhältnisse im Fünf-Jahres-Vergleich etwas verbessert, allerdings nicht so stark, wie man aufgrund der Marktlage, also dem Fachkräftemangel, erwarten könnte“, bilanziert die Göttinger Agentur-Sprecherin Christine Gudd. Hier würden verschiedene Einflüsse eine Rolle spielen. Befristungsgründe seien etwa Elternzeit oder Krankheitsvertretung, Urlaubsvertretungen, Projekttätigkeiten (besonders stark im Bereich Forschung), aber auch Saisontätigkeiten vor allem im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Garten- und Landschaftsbau, und im Bauhauptgewerbe.

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