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Meisterinnen wehren sich gegen alte Rollenmuster
Nachrichten Wirtschaft Regional Meisterinnen wehren sich gegen alte Rollenmuster
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19:05 12.03.2012
Diskussionsrunde: E. Wucherpfennig, A. Wille-Bachmann, K. Schütz, G. Andretta, M. Marx.
Diskussionsrunde: E. Wucherpfennig, A. Wille-Bachmann, K. Schütz, G. Andretta, M. Marx. Quelle: Vetter
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Göttingen

In der Diskussionsrunde „Selbst ist die Frau – Fauen im Handwerk“, zu der die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) am Weltfrauentag eingeladen hatte, sprachen die Frauen über ihre Erfahrungen. Simone Otto weiß, wie verhaftet die traditionellen Rollenmuster sind. „Na, willst du hier dein Ausbildungsstück machen?“, fragten die Männer die Duderstädterin auf dem Bau. Dabei war Otto längst Maler- und Lackiermeisterin und als Vorgesetzte vor Ort. Dass Frauen in handwerklichen Berufen darum kämpfen müssen, ernstgenommen zu werden, hat auch Steinmetzmeisterin Anja Wille-Bachmann aus Göttingen erfahren. „Kann ich mal bitte den Chef sprechen?“, fragen die Kunden, wenn sie – die Chefin – allein im Laden steht. Auch Sprüche, wie „Frauen gehören hinter den Herd“ hat zumindest Otto schon gehört.

Waltraud Veronika Heyn leitet in Göttingen ein Speditionsgeschäft. Sie will lieber von der Macht der Frauen sprechen. Ihre 50 Mitarbeiter sind ausnahmslos Männer. „Warum machen wir uns nicht ihren Beschützerinstinkt zunutze?“, fragt sie. „Man kann die Männer doch so leicht von sich abhängig machen. Ich verstehe das Gejammer nicht.“ Gemurmel unter den 30 zumeist weiblichen Zuhörern im Café Inti. Dass Heyn keine einzige Frau beschäftigt, das liegt nicht zuletzt an fehlendem Interesse. Edeltraud Wucherpfennig, Leiterin der Göttinger Arnoldi-Schule, weiß: 20 Prozent der Arbeitgeber im Handwerk geben an, dass sie keine Bewerbungen von Frauen erhielten. Auch bei Wille-Bachmann landeten in 30 Jahren nur zwei Anfragen. Karen Schütz, Chefin der Göttinger Frisörschule Hairakademie, hat andere Probleme. Im Frisörhandwerk ist die Abbrecherquote unter den Azubis hoch. Einer der Gründe für Schütz: das lange Stehen, die körperliche Belastung.

Wie aber haben die sechs auf dem Podium den Weg ins Handwerk gefunden? Und warum blieben sie? Bei der Hälfte spielt die Prägung durch den elterlichen Betrieb eine Rolle. „Ich bin damit aufgewachsen“, sagt die Installateur- und Heizungsbaumeisterin Meike Marx aus Seulingen. Und die Geschichten ähneln sich. Andretta fragt, was die Politik tun könne, um mehr Frauen ins Handwerk zu bekommen. Schließlich ist die Bezahlung höher als in den traditionellen Frauendomänen. Einen finanziellen Ausgleich schaffen, meint Otto. Die Einstellung einer Frau im männerdominierten Handwerk sei schließlich mit Mehrkosten verbunden. Zum Beispiel für eine eigene Toilette auf dem Bau – „Glauben Sie mir, als Frau wollen sie nicht die Männertoilette benutzen.“ Oder für ein eigenes Zimmer bei Außeneinsätzen. Denn: „Wir wissen alle, was sonst passiert“.