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Die ganze Welt in Göttingen Bosnischer Tennistrainer in Göttingen
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22:05 20.06.2014
Fühlt sich auch heute noch als Jugoslawe: Tennistrainer Mirsad Hecimovic. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Er hatte gerade die Profi-Laufbahn im Tennis eingeschlagen, als eine Ellbogenverletzung Mirsad Hecimovics Karriere ein jähes Ende setzte. Doch der damalige Jugoslawe und heutige Bosnier blieb dem weißen Sport treu – er wurde Trainer. 1989 verließ der damals 26-jährige Tenniscoach und studierte Sportwissenschaftler seine Heimat Richtung Deutschland.

Wirtschaftlich sei es ihm zwar gut gegangen, aber die gesellschaftlichen und politischen Spannungen wären nicht zu übersehen gewesen: „Es lag etwas in der Luft“. Die Geschichte zeigt, dass Hecimovics Gefühl ihn nicht trog –1992 begann der Bosnien-Krieg, der 100 000 Todesopfer forderte und das Land in Schutt und Asche legte.

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Hecimovic ging erst nach Hamburg, dann nach Gifhorn, bevor er sich schließlich 1995 in Göttingen niederließ. Er arbeitet als freiberuflicher Trainer für den TSC Göttingen sowie den TC Northeim, gibt Gruppen- und Einzelunterricht. Seine jüngste Schülerin ist vier, sein ältester Schüler 84. Der erfolgreichste Spieler, den er bis dato trainiert hat, ist Jiri Vesely – der 20-jährige Tscheche steht auf Platz 66 der Weltrangliste.

Er sei ein harter Coach, sagt Hecimovic, der sehr auf Disziplin achtet: „Talent macht im Tennis gerade mal zehn Prozent aus. Der Rest ist Training und harte Arbeit.“ Als Spieler hat der 1,91-Mann – wie Boris Becker – auf Angriff gesetzt: „Aufschlag, Volley, Punkt.“ Die Zeiten seien leider vorbei, heute würde mehr von der Grundlinie agiert. Was die ewige Bestenliste angeht: Roger Federer stünde auf Platz eins, gleich dahinter käme Björn Borg.

Noch nie Ausländerfeindlichkeit festgestellt

Der Vater einer in Deutschland geborenen 18-jährigen Tochter, die mit ihrer Mutter in Sarajewo lebt, ist gern in der Bundesrepublik. Ausländerfeindlichkeit habe er noch nie feststellen können. Im Gegenteil: „Die Deutschen haben für die Flüchtlinge, die in den 90er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen, unglaublich viel getan.“

Wenn es überhaupt etwas an ihnen zu kritisieren gäbe, dann ihre fehlende Leichtigkeit und der nur wenig vorhandene Gemeinschaftssinn: „In meiner Heimat nehmen die Menschen das Leben leichter, und das Miteinander ist stärker ausgeprägt.“

Apropos Heimat: Offiziell ist Hecimovic Staatangehöriger von Bosnien-Herzegowina. Aber er sieht sich als Jugoslawe. „Wir waren Bürger eines Vielvölkerstaats, in dem wir friedlich koexistierten – warum musste dieses funktionierende Gemeinwesen zerstört werden?“, fragt er traurig.

Seine Vorfahren seien Moslems gewesen, seine Familie sei aber schon seit einigen Generationen nicht mehr religiös: „Schweinefleisch essen war für uns immer völlig normal. Mein Großvater hat stets gesagt, dass es egal ist, was in den Mund kommt – entscheidend ist, was aus ihm raus kommt.“

Von Hauke Rudolph