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Die ganze Welt in Göttingen Die ganze Welt in Göttingen: Ho-Seoung Moon aus Südkorea
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21:04 16.05.2014
Wollte schon als Kind Philosoph werden: Ho-Seoung Moon, dessen Vorfahren in Korea lebten. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Als er 14 Jahre alt war, beschloss Ho-Seoung Moon Philosoph zu werden. Das hat der geborene Südkoreaner auch getan, und er hat es sogar geschafft, das Forschen und Streben nach Erkenntnis in einen Brotberuf zu verwandeln: in seiner philosophischen Praxis „PhilVia“ („Freund des Weges“) bietet der 36-Jährige „Hilfe zur Selbsthilfe durch lösungsorientiertes Denken“.

An sein Geburtsland kann sich Moon nicht mehr erinnern: Er war drei Jahre alt, als er mit seinen beiden Geschwistern und der Mutter, die vor ihrem gewalttätigen Mann floh, nach Deutschland kam. In Osnabrück und Kiel erlebte er eine glückliche Kindheit, selbst wenn er häufig Rassismus ausgesetzt gewesen sei. „Weil ich Asiate war, dachten viele, ich sei ein taffer Kampfsportler“. Erstaunen bei seinen Mitschülern rief das Essen hervor, das er in der Pause auspackte: „Keine Wurststullen, sondern Seetang-Rollen.“

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Elfenbeinturm Universität

Nachdem er im Unterricht über Sokrates gelernt hatte, traf der Achtklässler eine Entscheidung: „Ich werde Philosoph“. Nach dem Abitur schrieb er sich „aufgrund des guten Rufs ihrer philosophischen Fakultät“ an der Georgia-Augusta ein. Sechs Semester benötigte er, um scheinfrei zu sein. Seinen Magister machte er allerdings erst nach 20 Semestern, denn: „Nur weil man die Klassiker gelesen und einen Abschluss gemacht hat, kann man sich doch nicht Philosoph nennen.“ Darum habe er sich Zeit gelassen, „meine eigene Philosophie zu entwerfen, meine Standpunkte zu klären und meine Persönlichkeit zu entwickeln.“

Eins wollte Moon, der sein Studium als Nachtpförtner oder Call-Center-Agent finanzierte, allerdings nicht: „Im Elfenbeinturm Universität bleiben.“ Seine Arbeit sollte Alltagsbezug haben, so wie das bei den großen griechischen Philosophen der Fall gewesen sei. „Für die war Philosophie Teil des täglichen Lebens.“

Das nahm er sich zum Vorbild und machte sich vor drei Jahren selbstständig als Berater. Als solcher „biete ich Hilfe zur Selbsthilfe“, erläutert er. Menschen, die beispielsweise unter Alltagsstress litten, vor der Wahl stünden, ihr Leben beruflich neu auszurichten oder persönliche Probleme lösen wollten, kämen zu ihm. Was erwarte ich vom Leben, wie erlange ich Zufriedenheit, wie gebe ich meinem Dasein einen Sinn? Diese und andere Fragen zu beantworten, dabei helfe er.

Philosoph sein auf Knopfdruck geht nicht

Ein weiteres Standbein will Moon aufbauen, „philosophische Cafés“. „Wir treffen uns in einem Gesprächsraum und befassen uns mit existentiellen Fragen“, erklärt er. Zwei, Weisheit und Willensfreiheit, hat er bereits abgehalten, Gelassenheit und Tod seien jetzt in Planung.

Philosoph sein könne man nicht wie auf Knopfdruck ausschalten, sagt Moon: „Ich bin ständig am Denken, Reflektieren und Analysieren.“ Dennoch hat er ganz gewöhnliche Hobbies: Fußball und Kampfsportfilme, Western- und Akustikgitarre. Geld bedeute ihm nur wenig, aber ein Leben als Asket, so wie Diogenes in seiner sprichwörtlichen Tonne, wäre auch nichts für ihn: „Hungerleiden macht keinen Spaß.“

Mit seinem Geburtsland verbindet ihn nur wenig. Er liebt das koreanische Essen seiner Mutter und bewundert die fernöstlichen Philosophen, für die der Weg das Ziel sei. Als Kind sprach er natürlich Koreanisch, „doch ich habe so gut wie alles vergessen“. Würde er eine Traumreise seiner Wahl gewinnen, würde diese allerdings ins Land seiner Vorfahren gehen: „Ich war noch nie dort und würde es gerne mal sehen.“

Von Hauke Rudolph

Kontakt und weitere Informationen unter: philvia.de