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Die ganze Welt in Göttingen Die ganze Welt in Göttingen: Kemal Bisevac aus Serbien
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17:15 02.05.2014
Ist gut in Deutschland angekommen: Kemal Bisevac in seinem Mündener Garten. Quelle: Vetter
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Hann. Münden

Kemal Bisevac hat mehrere Identitäten. Er ist serbischer Staatsbürger, gehört der Volksgruppe der Bosniaken an, lebt in Deutschland und ist Angehöriger des Islam. Doch all diese Zugehörigkeiten empfindet der Inhaber der Firma „KB Bau“ als zweitrangig. Denn: „In erster Linie bin ich Mensch.“

1963 im damaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien geboren, lernte Bisevac Betonarbeiter. Mitte der 80er Jahre ging er nach Deutschland, „aus Abenteuerlust und um Geld zu verdienen“. 1989 lernte er in der Disco „Lord Nelson“ seine Frau Iris kennen, zwei Jahre später machte er sich mit einer Bausanierungsfirma selbstständig. „Mit alten Natursteinen zu arbeiten, ist schön“, sagt Bisevac, dessen Betrieb sechs Angestellte hat.

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Sechs bis acht Monate im Jahr sind die Männer auf Montage, und zwar im gesamten Bundesgebiet, manchmal auch im Ausland. In Prag waren sie schon, auch in Grenoble, wo sie die Eisrodelbahn saniert haben. Zu ihren Projekten in Deutschland gehören die Sanierung der Stiftsruine in Bad Hersfeld sowie des Gaußturms in Dransfeld, wo sie zunächst die Farbe mit Sand abstrahlten, danach die Risse im Beton abdichteten und anschließend wieder Farbe auftrugen. „Wir sanieren auch Privathäuser“, sagt Bisevac, „aber vor allem Bauwerke wie Hallen, Tiefgaragen, Brücken und Türme.“

„Sie eint die Menschen nicht, sie trennt sie“

Der 50-Jährige lebt gerne in Deutschland, lobt die Pünktlichkeit sowie die sozialen Errungenschaften, wenn auch die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander klaffe. Er trauert dem Sozialismus Titoscher Prägung nach: „Damals gab es noch echte Gemeinschaft.“ Den Zerfall Jugoslawiens empfindet er als schlimm. Sein serbischer Pass, den er Mitte der 90er Jahre erhielt, bedeute ihm nicht viel. Wenn überhaupt, dann eher seine Zugehörigkeit zu den Bosniaken (nicht zu verwechseln mit Bosniern: Staatsangehörige von Bosnien-Herzegowina), ein südslawischer Volksstamm, dessen Mitglieder fast ausnahmslos Moslems sind.

Doch von Religion hält Bisevac nicht viel: „Sie eint die Menschen nicht, sie trennt sie.“ Ehefrau Iris ist nicht praktizierende Katholikin. „Das Thema Glaube hat für uns nie eine Rolle gespielt“, betont sie. Höchstens insofern, als dass sie mehr schöne Feste zu feiern hätten, wie sie lachend erzählt: „Er hat Weihnachten dazubekommen, ich Bajram“ (Ende des Ramadan).

Den Krieg in Jugoslawien hat Bisevac als „schreckliche Tragödie“ empfunden. Auslöser sei das „Übel des Nationalismus“ gewesen, den er mit einem Geschwür vergleicht: „So wie der Krebs im Körper wuchert, so wächst der übersteigerte Nationalstolz in den Köpfen der Menschen und ergreift Besitz von ihnen.“

Kämpfen für Menschen

Während der Belagerung von Srebrenica – die in einem Massaker gipfelte, welches von UN-Gerichten als Völkermord klassifiziert wurde – habe er, der eigentlich ein „völlig friedfertiger Mensch“ sei, erwogen, „dorthin zu gehen, ein Gewehr zu nehmen und zu kämpfen, und zwar nicht für einen Staat, sondern, um Menschen zu helfen.“ „Ich wollte natürlich nicht, dass er in den Krieg zieht“, sagt seine Frau, „aber ich habe trotzdem nicht versucht, ihn aufzuhalten. Wenn er sich entschlossen hätte, zu gehen – ich hätte es verstanden.“ Schließlich blieb er und kämpfte nicht.

Von Anfang an sei er in Deutschland integriert gewesen, blickt Bisevac zurück, während seine Frau von den Jahren erzählt, die sie in Ziegenhagen verbrachten, bevor sie in Münden ein Haus bauten: „In kürzester Zeit war Kemal Freund mit dem ganzen Dorf.“ Er sei „eine Seele von Mensch“, schwärmt Lothar Handschke, ein Südniedersachse, wie er im Buche steht: „Kemal ist mein Schrebergarten-Nachbar und der hilfsbereiteste Mensch, den es gibt.“

Soviel Lob möchte der gar nicht hören, gibt anderen Migranten aber einen Rat: „Wenn jemand zu euch nicht freundlich ist, behauptet nicht sofort, er sei ausländerfeindlich. Vielleicht behandelt er die Deutschen genauso schlecht wie euch, vielleicht ist er einfach nur ein Menschenfeind.“

Letzteres ist Bisevac nicht. Der Werder-Bremen-Fan und Vater von Sinan (22), der in Kassel Maschinenbau studiert, liebt es, mit seinen Freunden im Garten zu grillen: „Ein knuspriger Braten am Spieß, hinterher ein paar Sliwowitz – das nenne ich Glück.“

Von Hauke Rudolph

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