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Die ganze Welt in Göttingen Die ganze Welt in Göttingen: Ray Kumar Arora aus Indien
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00:36 09.06.2014
Fühlt sich in seiner Wahlheimat Deutschland wohl: Ray Kumar Arora, Inhaber des Göttinger „Indien Shop“. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Seit 40 Jahren lebt Raj Kumar Arora in der Bundesrepublik, und zwar gern. Der Inhaber des „Indien Shop“ feiert Weihnachten unterm Tannenbaum, mag Fußball, den Wald und die deutsche Reinlichkeit. Nur an die fehlende Sonne und die Zurückhaltung der Menschen hat sich der 67-Jährige nie gewöhnen können.

Arora wuchs als Sohn einer wohlsituierten Holzhändler-Familie in Delhi auf. Dort machte er auch seinen Bachelor in Englisch, Geschichte und Politikwissenschaften und arbeitete anschließend vier Jahre bei der State Bank of India, dem größten Geldinstitut des Landes. Mitte der 70er reiste er nach Europa, um die historischen Stätten, mit denen er sich im Studium befasst hatte, mit eigenen Augen zu sehen.

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Handel mit Waren aus Indien

In Kassel, wo er unter anderem Schloss Wilhelmshöhe besichtigte, erfüllte sich sein Schicksal: er traf einen jungen Göttinger, mit dem er sich rasch anfreundete und der interessiert daran war, einen Handel mit Waren aus Indien zu eröffnen. Der junge Tourist sprang sofort auf die Idee an. Es eröffnete ein Jahr später, 1975, die Groß- und Außenhandelsfirma Ananda in Göttingen.

Zunächst pendelte Arora zwischen Europa und Indien hin und her, arbeitete eine Zeitlang auch in London, wo er seine Frau Pramila kennenlernte, eine Britin mit indischen Vorfahren. Im Laufe der Zeit verlegte er seinen Lebensmittelpunkt dann immer mehr nach Göttingen, wo er abwechselnd verschiedene Firmen besaß: unter anderem einen Laden im Gothaer-Haus und einen Textilgroßhandel, mit dem er Messen beschickte.

Deutsch, Hindi, Englisch

1993 eröffnete er den Indien Shop in der Langen-Geismar-Straße 30, den er bis heute betreibt. Der Geschäftsmann ist voll integriert. Sein Sohn ist selbstständiger Wirtschaftsinformatiker, seine Tochter steht kurz vor Beendigung ihres BWL-Studiums. Die Kinder sind dreisprachig aufgewachsen: Deutsch, Hindi, Englisch.

In Indien war Arora begeisterter Cricket-Spieler, heute verfolgt er die Bundesliga und ist Bayern-Anhänger. Seit den Tagen von Boris Becker mag er auch Tennis. Unter der Woche essen die Aroras europäisch, am Wochenende wird Indisch gekocht: Hähnchen- und Lammcurry, Auberginen, Okra.

Deutsche Sauberkeit und gute Luft

Arora rühmt die deutsche Sauberkeit und die gute Luft: „In Indien fahren Autos und Busse, die hier nie und nimmer durch die Abgasuntersuchung kommen würden.“ Er liebt die Landschaft: „Wenn ich einen Termin in Kassel habe, nehme ich häufig nicht die Autobahn, sondern die B3 entlang der Fulda, weil die Strecke so schön ist.“

Der milde Sommer sei fantastisch, der kalte Winter dagegen deprimierend: „Ich werde nie begreifen, warum die Menschen im Sommer anstatt im Winter in den Urlaub fahren. Im Dezember und Januar muss man hier weg, aber doch nicht im Juli und August.“

Distanziertheit der Menschen

Schwer verständlich ist für ihn auch die Distanziertheit der Menschen: „Einen Deutschen zum Freund zu haben heißt, einen sehr guten Freund sein Eigen zu nennen. Aber man muss seine Freundschaft erst mal gewinnen – das dauert seine Zeit.“

Wann Arora, der der zweithöchsten Kaste angehört, sein Geschäft schließt, weiß er noch nicht. Er müsse nicht mehr arbeiten, habe aber keine Lust, zu Hause rumzusitzen. Viele Kundinnen  kämen nicht nur, um etwas zu kaufen, sondern auch, um sich vor einer Indien-Reise Tipps zu holen.

Geheimnisvoll wirkendes Land

Andere erzählen ihm von ihrem Aufenthalt in dem auf Europäer noch immer geheimnisvoll wirkenden Land: „Egal, ob sie bereits in den 1970-ern als Hippie dort waren oder erst kürzlich als Ärztin, Sozialarbeiterin oder Studentin: Sie sind alle fasziniert.“

Von Hauke Rudolph