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Jahr der Genossenschaften Voldagsen „kalt erwischt“
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06:17 24.06.2012
Ehrenamtlicher Vorstand und Förster: Dieter Scholz und 31 Genossenschaftsmitglieder kümmern sich selbst um ihr Abwasser.
Ehrenamtlicher Vorstand und Förster: Dieter Scholz und 31 Genossenschaftsmitglieder kümmern sich selbst um ihr Abwasser. Quelle: mic
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Voldagsen

Während einer Dorfversammlung machten sich die Bewohner jedoch für eine kleine Anlage in Ortsnähe stark. Die Menschen hofften, so günstiger davon zu kommen. Ein Ausschuss bildete sich. Im April 1996 gründeten die Hausbesitzer die Abwassergenossenschaft Voldagsen, die im Jahr darauf einen Betreibervertrag mit Einbeck abschloss. „Die Stadt ist gesetzlich zur Abwasserreinigung verpflichtet“, erläutert der ehrenamtliche Vorstand Dieter Scholz. Die Genossenschaft habe sich verpflichtet, diese Aufgabe 30 Jahre lang im städtischen Auftrag zu erfüllen. Einbeck habe durchgesetzt, dass sie die gesamte Anlage erhält, falls die Genossenschaft aufgibt.

Nach Vertragsabschluss ging es ans Bauen. Die Genossenschaft entschied sich für ein System, bei dem nur die flüssigen Bestandteile des Abwassers geklärt werden. Die festen Bestandteile sinken nach unten, zersetzen sich und müssen alle zehn, 20 Jahre abgepumpt und gesondert entsorgt werden. Der Vorteil: Die Genossenschaft brauchte Rohre mit einem Durchmesser von maximal zehn Zentimetern zu verlegen. Das geschah quer durch die Gärten der Hausbesitzer. Nur an wenigen Stellen musste die Straße aufgerissen werden, was die Kosten niedrig hielt.

Plötzlich wurde die Zeit knapp

„Die Tücken steckten allerdings im Detail“, berichtet Scholz, der im Hauptberuf Förster ist. An einer Stelle konnten die Rohre nicht tief genug verlegt werden, weil dort unter der Erde der blanke Fels verlief. Damit lief das Wasser nicht mehr von alleine Richtung Kläranlage. Plötzlich wurde die Zeit knapp. Die Genossenschaft musste unter Hochdruck eine zweite Pumpstation bauen, was die Kostenkalkulation durcheinander brachte. Dann überflutete ein Jahrhunderthochwasser die neu gebaute Kläranlage. Feinschlamm drang in das Sandbecken ein. Eine Versicherung hatte die Genossenschaft nicht abgeschlossen. Kommentar des Vorstands: „Eine sportliche Herausforderung für Leute, die das nur im Ehrenamt machen.“

Trotz aller Probleme ging die Anlage im Oktober 1999 in Betrieb. „Damals bekamen wir viel Lob für unser Engagement“, erinnert sich Scholz. Nachbardörfer ließen sich inspirieren und gingen ebenfalls von Einbeck unabhängige Wege. Die Ernüchterung kam in den Folgejahren. „Uns hat der demographische Wandel kalt erwischt“, berichtet der Vorstand. Die Zahl der Dorfbewohner sank um ein Drittel auf heute 99 Personen. Zudem ging der Wasserverbrauch pro Person und Jahr um fast die Hälfte von 40 auf 25 Kubikmeter zurück. Da viele Kosten unverändert blieben, schossen die Gebühren in die Höhe. Fünf Euro zahlen die Voldagser mittlerweile pro Kubikmeter Abwasser. Die Stadt Einbeck verlangt nur 3,33 Euro. Scholz weiß, dass nun einige der insgesamt 31 Mitglieder denken: „Hätten wir seinerzeit die Hände in den Schoß gelegt und die Stadt machen lassen, wären wir billiger davon gekommen.“ Die Mehrkosten wären dann auf alle Nutzer umgelegt worden.

Ehrenrettung des fünfköpfigen Vorstands

Zur Ehrenrettung des fünfköpfigen Vorstands hält Scholz fest, dass sich die reinen Betriebskosten mit ein bis zwei Euro pro Kubikmeter decken ließen. Es gebe aber viele Kosten, die die Genossenschaft nicht beeinflussen könne. So würden die amtlichen Kontrollen von vier Wasserproben im Jahr mit 1000 Euro zu Buche schlagen. Bis vor drei Jahren sei zudem für die Einleitung des geklärten Wassers in einen Bach eine Abgabe fällig gewesen, obwohl sie alle Grenzwerte eingehalten hätten (Kosten: 800 Euro im Jahr).

Einen Trost gibt es für Voldagsen: Der Genossenschaft im Nachbardorf Stroit ging es noch schlechter. Ihr kippte die Kläranlage um. Das Abwasser musste lang mit dem Tankwagen zum Klären nach Einbeck transportiert werden. Das betroffene Unternehmen gab auf. Die Stadt übernahm, rechnet aber weiter gesondert für den Ort ab. Dort zahlen die Bewohner nun 7,50 Euro.

Abwassergenossenschaft Voldagsen e.G.
Am Oberg 9
37574 Einbeck-Voldagsen
Telefon: 0 55 65 / 548
Fax: 0 55 65 / 91 12 49

Von Michael Caspar