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Weltweit Hightech-Prothesen auch für Gesunde
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20:28 15.02.2019
Auszubildende von Ottobock testen eine Beinprothese: Das „C-Leg“ reagiert in Echtzeit auf Bewegungen und den Untergrund. Quelle: Ottobock
Hannover

Den ersten Schritt in die neue Welt ist Ottobock schon gegangen. Seit Kurzem produziert der Medizintechnikkonzern sein erstes Produkt für vollkommen gesunde Menschen: „Paexo“ entlastet Menschen als eine Art externes Skelett bei über Kopf ausgeführten Tätigkeiten. Industriearbeiter – zum Beispiel in der Fahrzeugmontage – sollen dadurch länger beschwerdefrei bleiben. Bei Volkswagen setzt man das Exoskelett bereits ein.

Für Ottobock ist es ein Paradigmenwechsel. Die Firma, die am Montag ihr Hundert-Jahre-Jubiläum feiert, stellte bisher ausschließlich Technik für Menschen mit Einschränkungen her: Prothesen, mit denen Amputierte gehen und greifen können, Rollstühle, mit denen Gelähmte mobil bleiben, und stabilisierende Hilfsmittel wie Orthesen. Mit solchen Produkten wurde das Unternehmen aus Duderstadt in der südniedersächsischen Provinz zum Weltmarktführer.

Doch der Markt für Orthopädietechnik ist vergleichsweise klein. Firmenchef und Eigentümer Hans Georg Näder verspricht sich deshalb viel von dem neuen Geschäftsbereich namens Industrials, dessen erstes Produkt „Paexo“ ist. Wegen des Fachkräftemangels arbeiteten künftig immer mehr Menschen auch noch im höheren Alter, schreibt Näder in einer Jubiläumsbotschaft. Ottobock könne mit seiner Technik dabei helfen. „Wie groß die hier zu verortende Marktlücke ist, erleben wir anhand zahlreicher Nachfragen von Industrieunternehmen aus dem In- und Ausland, aber auch aus dem Handwerk.“

Neuanfang nach dem Krieg

Die Industrie spielt auch am Anfang der Unternehmensgeschichte eine wichtige Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg benötigen Hunderttausende Versehrte eine Prothese. Der Orthopädiemechaniker Otto Bock gründet 1919 in Berlin die Orthopädische Industrie GmbH. Die nötigen Komponenten fertigt er erstmals mit industriellen Methoden. Metallteile für Prothesen kommen aus tonnenschweren Pressen statt von Handwerkern. Bock siedelt die Firma noch im Gründungsjahr nach Königsee in Thüringen um. 1948 wird er dort allerdings von den Sowjets enteignet.

Übernahm 1990 die Führung des Konzerns: Hans Georg Näder. Quelle: Christoph Neumann

Bock, seine Tochter Maria und deren Mann Max Näder fangen in Duderstadt neu an. Näder, ebenfalls Orthopädiemechaniker, macht aus dem kleinen Betrieb ein weltweit vertretenes Unternehmen. Auch um zu verhindern, dass die Firma durch einen weiteren Krieg wieder verloren geht, gründet er Auslandsniederlassungen – zuerst in den Vereinigten Staaten, später auch in Kanada, Australien sowie zahlreichen europäischen Ländern.

In Wien entsteht das wichtigste Forschungszentrum: Hier entwickeln Mitarbeiter in den Sechzigerjahren myoelektrische Handprothesen. Diese erfassen auf der Haut, zum Beispiel am Oberarm, elektrische Spannungen und nutzen sie als Steuersignal. So können Personen ihre Elektrohand ohne Kraftanstrengung öffnen, schließen und drehen – und dadurch essen oder Auto fahren. Die Energie liefert ein eingebauter Akku.

In den folgenden Jahrzehnten verfeinert Ottobock die Myoelektrik. Der aktuelle Stand: Menschen können die Prothesen mit denselben Nervenimpulsen steuern wie früher ihren Arm. Dazu werden die Nervenfasern in einer Operation in die Brustmuskulatur umgeleitet. Von dort fließen die Signale an die Prothese. So können Betroffene ihre Prothese erstmals intuitiv steuern, gleichzeitig die Hand und einzelne Finger bewegen.

Starke Expansion im Ausland

Hans Georg Näder, der einzige Sohn von Max und Maria Näder, übernimmt im Jahr 1990 das Ruder – und beschleunigt das Wachstum. Er übernimmt zahlreiche kleinere Firmen, expandiert nach Osteuropa und Asien, verpasst den Produkten ein anspruchsvolleres Design, holt einen Finanzinvestor als Minderheitsgesellschafter an Bord. Die Zahl der Mitarbeiter des Kernunternehmens steigt von rund 1000 auf heute mehr als 7000 Beschäftigte an mehr als 50 Standorten. „Wir sind gewachsen und waren immer gut profitabel“, betonte Näder vor Kurzem in einem Interview mit dem „Göttinger Tageblatt“. Sein nächstes großes unternehmerisches Ziel ist ein Teilbörsengang, der Kapital für weiteres Wachstum bringen soll.

Hans Georg Näder, ein schillernder Steuermann

Milliardär, Mäzen, Segler und Seidenschalträger: Ottobock-Eigentümer Hans Georg Näder, meistens HGN genannt, zählt zu den schillerndsten Unternehmern aus Niedersachsen. Er spricht offen über sein Privatleben, auch über Rückschläge. Von zwei „Burn-Out-Situationen“ berichtete er vor Kurzem im Göttinger Tageblatt. Auch ein „Bär aus dem Eichsfeld“ wie er dürfe seinen Körper und Geist nicht überlasten, gestand er.

Welches Pensum er sich zumutet, ahnt man, wenn man seine unternehmerische Zwischenbilanz betrachtet. Mit 28, nach dem BWL-Studium, übernimmt er die Regie bei Ottobock. Er steigert den Umsatz der Unternehmensgruppe von rund 100 Millionen auf mehr als 1 Milliarde Euro. Nebenbei übernimmt er die Mehrheit an der finnischen Werft Baltic Yachts, investiert in diverse Start-ups, setzt Immobilienprojekte um, finanziert Hilfsprojekte und Festivals. Das meiste davon treibt er weiterhin persönlich voran.

Bei Ottobock selbst hat er einen Gang zurückgeschaltet: Das Tagesgeschäft überlässt er dem Manager Philipp Schulte-Noelle. Auch seine beiden Töchter mahnen ihn, es manchmal etwas langsamer angehen zu lassen, erklärte er im Interview mit dem Göttinger Tagblatt. Jetzt habe er nicht mehr ständig drei Aktenkoffer dabei, sondern nur noch einen oder „vielleicht auch mal zwei“. In den Medien machte HGN in den letzten Jahren vor allem Schlagzeilen mit seiner Yacht und mit seiner inzwischen beendeten Beziehung zu einem Model.

Probleme gab es natürlich auch, zum Beispiel Millionenverluste in der Rollstuhlsparte. Unlängst teilte Ottobock mit, dass die Sparte nach rund 40 betriebsbedingten Kündigungen nun wieder aus den roten Zahlen heraus sei. Gewerkschafter kritisieren zudem seit Langem, dass Ottobock nicht tarifgebunden ist: „Für die nächsten 100 Jahre wünschen wir uns, dass die Beschäftigten durch einen Tarifvertrag mit der IG Metall am wirtschaftlichen Erfolg von Ottobock teilhaben“, sagt Ulf Halbauer von der IG Metall Süd-Niedersachsen. Der Metalltarif in Niedersachsen sieht 35 Stunden Arbeit vor – bei Ottobock gilt noch eine 40-Stunden- Woche.

Was Ottobock in 100 Jahren machen wird, kann niemand voraussehen. Die nächsten Schritte sind aber absehbar: Die Produkte für Menschen mit Behinderungen werden noch natürlicher. Die Entwickler wollen Nerven direkt mit der Technik verbinden, statt den Umweg über andere Muskeln zu nehmen. Außerdem sollen Prothesen das Fühlen lernen – Sensoren sollen warnen, bevor man ein Glas zerbricht. Im Industriebereich könnten Produkte folgen, die den Rücken oder die Hände bei anstrengender körperlicher Tätigkeit stärker entlasten.

„Komponenten für Cyborgs“

Wohin die Reise langfristig gehen könnte, deutet Hans Georg Näder an: Die „Tech-Gemeinde“ sehe hochentwickelte Prothesen als ideale Komponenten für künftige Generationen von Cyborgs, schreibt er. Cyborgs – so heißen die Zwitterwesen aus Mensch und Maschine in Science-Fiction-Filmen.

Das Exoskelett „Paexo“, das man nach der Arbeitsschicht wieder ablegt, ist also vielleicht nur ein Vorbote von Implantaten oder Prothesen, mit denen gesunde Menschen mehr leisten oder bequemer leben. Die meisten Menschen gruseln sich vor der Vorstellung aufgerüsteter Supermenschen, aber Technikgläubige im Silicon Valley und anderswo sehen das ganz anders. Bereits heute lassen sich manche Menschen Chips implantieren, mit denen sie ihr Auto oder die Haustür öffnen können.

Die Gedankenspiele wirkten heute noch verwegen, schreibt Näder. „Wahr ist aber, dass die Verschmelzung von Mensch und Maschine nur eine Frage der Zeit sein dürfte.“ Ottobock dürfe sich dieser Zukunft nicht verschließen – müsse aber auch den Respekt vor der menschlichen Schöpfung wahren.

Ihr Firmenjubiläum feiert die Ottobock-Gruppe am kommenden Montag mit einem Festakt in Duderstadt. Zu der Veranstaltung werden auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erwartet.

Von Christian Wölbert

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