Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Was wird aus Karstadt in Hannover?
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Was wird aus Karstadt in Hannover?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:57 17.09.2013
Karstadthäuser wechseln Eigentümer: Bergruen gibt die Mehrheit an den begehrten Sport- und Luxushäusern ab. Quelle: Florian Petrow
Anzeige
Essen/Hannover

Die Luxus- und Sporthäuser gelten schon lange als „Perlen“ unter dem Dach des Essener Warenhauskonzerns Karstadt. Verkaufsgerüchte hatte Eigentümer Nicolas Berggruen bislang entschieden zurückgewiesen. Nun bekommt der österreichische Immobilienkonzern Signa die Mehrheit an den begehrten Einkaufstempeln. Teil des Geschäfts ist eine Geldspritze von 300 Millionen Euro, von der alle 114 Karstadt-Häuser profitieren sollen. Und Berggruen bleibt alleiniger Herr im Haus bei den 83 verbleibenden Karstadt-Häusern.

Verunsicherung in Hannover

Der Betriebsratschef von Karstadt Hannover, Ralf Samtleben, spricht von „großer Verunsicherung und gedrückter Stimmung“ bei den Mitarbeitern. Das gelte nicht nur für das Sporthaus sondern auch für das Warenhaus. „Es weiß einfach niemand, wie es weitergeht“, sagt er. Zwar versuche die Geschäftsführung zu beruhigen, berichtet Samtleben. Aber Klarheit über die Zukunft der beiden Häuser herrsche frühestens Anfang Oktober. Dann werde der Gesamtbetriebsrat des Unternehmens von der Geschäftsführung über den weiteren Kurs unterrichtet.

Karstadt beschäftigt in Hannover rund 220 Mitarbeiter, davon etwa 60 im Sporthaus in der Großen Packhofstraße.
Die Mitarbeiter des Sporthauses wollten sich am Mittwoch zum Verkauf nicht äußern. Kunden äußerten die Hoffnung, dass das Sporthaus erhalten bleibe. „Wir kaufen hier viel ein“, berichten Edelgard und Günter Meyer aus Hannover-Misburg. „Karstadt hat einfach die größte Auswahl bei Sportartikeln“, sagt die 72-jährige Meyer, die dort vor allem Fahrradzubehör und Sportbekleidung kauft. Kunde Ole Hruschka aus dem Landkreis Hildesheim lobt den guten Service und die freundlichen Verkäufer. „Einen Badeanzug für meine Frau musste ich dreimal umtauschen – ohne Probleme“.

In den vergangenen Monaten war Berggruen immer wieder mit Forderungen nach Investitionen in die Warenhäuser bedrängt worden. Lautstark hatten etwa die Gewerkschaft Verdi, aber auch Lieferanten wie der Hemdenhersteller Olymp, einen Investitionsstau in dem vor rund drei Jahren aus der Insolvenz übernommenen Warenhauskonzern beklagt. Nun sollen Millionen für die Modernisierung fließen.

Anzeige

Nachdem die Beschäftigten nach Berechnungen von Verdi über acht Jahre hinweg durch einen Verzicht auf Teile ihres Entgelts mehr als 650 Millionen Euro in das Warenhausunternehmen investiert haben sollen, sollte endlich auch Berggruen in die eigene Tasche greifen, hieß es. Heftig umstritten ist derzeit eine von dem Unternehmen für die Beschäftigten geforderte Tarifpause, über die in der kommenden Woche weiter verhandelt werden soll.

Auch drei Jahre nach dem einst gefeierten Einstieg des Investors Berggruen kämpft die aus der Insolvenz übernommene Warenhauskette weiter mit Problemen. Erst vor wenigen Tagen hatte der zum Jahresende ausscheidende Karstadt-Chef Andrew Jennings über „starken Gegenwind“ für das Unternehmen geklagt. Lediglich für den August sprach er von einer sich abzeichnenden Besserung.

Die von Jennings vorangetriebene Modernisierung ist unterdessen bei Handelsexperten auf Kritik gestoßen. Aus Kunden-Sicht habe sich bei Karstadt „so gut wie nichts getan“, beklagte etwa Thomas Roeb von den Hochschule Bonn-Sieg vor einigen Wochen.
Handelsexperte Gerd Hessert von der Universität Leipzig sieht nun in dem jetzt bekanntgewordenen Deal für alle Parteien Vorteile. „Die Karstadt Filialen bekommen durch die Finanzspritze Zeit, bis die neuen Konzepte greifen, sagte der frühere Karstadt-Manager dem Berliner „Tagesspiegel“.

In „großer Sorge“ ist hingegen die Gewerkschaft Verdi. Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger sagte: „Dieser Schritt bedeutet die Zerschlagung des Unternehmens Karstadt.“ Darüberhinaus bräuchten die Beschäftigen eine transparente Erläuterung, was die Beteiligung von Signa für sie bedeute.

Das von dem Tiroler Unternehmer René Benko gegründete Immobilienunternehmen Signa ist in Deutschland kein Unbekannter. Ebenso wie Berggruen hatte auch Signa Interesse an einer Übernahme des Karstadt-Konkurrenten Kaufhof bekundet. Die Österreicher sind schon länger bei Karstadt aktiv: Ende 2012 hatte Signa für rund 1,1 Milliarden Euro 17 Karstadt-Warenhäuser - darunter das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe - erworben, die langfristig an Karstadt vermietet sind.

dpa/ska

17.09.2013
Albrecht Scheuermann 16.09.2013
Dirk Stelzl 16.09.2013