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Weltweit Fünf 24-Stunden-Schichten am Stück: Pflegedienste betrügen mit Honorarkräften
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Fünf 24-Stunden-Schichten am Stück: Pflegedienste betrügen mit Honorarkräften
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00:16 05.05.2019
Symbolbild Quelle: dpa-Zentralbild
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Hannover

Dass Pflegekräfte oft viel mehr leisten als sie müssten, wissen auch die Krankenkassen – aber gleich so viel mehr? Laut Nachweis des Pflegedienstes soll eine Fachkraft einen beatmungspflichtigen Patienten mehrere Tage hintereinander rund um die Uhr überwacht haben. Der Rechnungsprüfer der Kasse stutzt – und fragt nach. Ja, antwortet der Geschäftsführer des Dienstes, das sei keine Seltenheit. Weil qualifiziertes Personal schwer zu finden sei, müsse er Honorarkräfte anheuern: Und diese wollten nicht nur „für eine Schicht“ eingesetzt werden – auch fünf Tage am Stück seien vorgekommen. „Er gehe dabei nicht davon aus, dass die Pflegekräfte schlafen würden“, heißt es im internen Gesprächsprotokoll der Kasse.

Nach einer Strafanzeige geht die Staatsanwaltschaft Hannover dem Verdacht des Betruges gegen den Geschäftsführer nach. Den Schaden beziffert die Kasse auf fast 560.000 Euro, der Pflegedienst befindet sich in der Insolvenz. Das Muster ist inzwischen vertraut: In Bayern laufen nach Angaben der Kranken- und Pflegekassenverbände gegen jeden vierten Anbieter von ambulanter Intensivpflege Ermittlungen. Die Gründe: Anbieter rechnen Arbeitsstunden ihrer Mitarbeiter oftmals falsch ab, anstatt der von den Kassen bezahlten Pflegefachkräften werden häufig nicht speziell ausgebildete Honorarkräfte eingesetzt. Das ist Betrug. „Das Phänomen ist bundesweit verbreitet“, sagt ein Ermittler einer großen AOK: „Da ist ein Riesenmarkt entstanden.“

Mehr als 20.000 intensiv Pflegebedürftige

Die Zahl der intensiv Pflegebedürftigen außerhalb der Kliniken wächst rasant: Im Jahr 2003 wurden in Deutschland nur 500 dieser Patienten nicht in Krankenhäusern betreut, heute sind es laut Statistischem Bundesamt mehr als 20.000. Deren Betten stehen entweder in den eigenen vier Wänden oder – mit steigender Tendenz – in speziellen Pflege-Wohngemeinschaften mit mehreren chronisch Kranken, die oft über Schläuche an Maschinen hängen und Tag und Nacht beatmet werden.

Das ist lukrativ: Die AOK Niedersachsen wendet im Jahr durchschnittlich 160.000 Euro für die Versorgung eines einzelnen Patienten auf – mehr als jeder zehnte Euro bleibe bei den Pflegediensten als Gewinn vor Steuern hängen, heißt es. Im Jahr 2017 kostete die außerklinische Intensivpflege die Kassen nach Angaben ihres Spitzenverbandes knapp 6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Für die Versorgung aller 3,3 Millionen Pflegebedürftigen fielen zusammen knapp 39 Milliarden Euro an.

Ein Patient, eine Pauschalsumme

Der Startschuss für diese Entwicklung war die Einführung der Fallpauschalen kurz nach der Jahrtausendwende. Seither bekommen Krankenhäuser nur noch eine feste Summe pro Patient – dadurch entsteht der Anreiz, diese möglichst schnell zu entlassen. Etwa jeder fünfte der rund zwei Millionen Intensivpatienten im Jahr muss vorübergehend beatmet werden, für viele wird daraus ein Dauerzustand – sie kehren mit einer Trachealkanüle nach Hause zurück.

Es dabei zu belassen, habe auch für Angehörige finanzielle Vorteile, sagt ein Branchenkenner: „In der Regel fallen durch Sondervereinbarungen des Pflegedienstes keine Eigenanteile für die Angehörigen an.“ Wenn eine Intensiv-Pflege nicht mehr nötig sei, springe ein „normaler“ ambulanter Pflegedienst ein. „Dann fällt nicht nur die Rund-um-die-Uhr-Pflegebetreuung weg, die Angehörigen müssen auch Eigenanteile von mehreren hundert Euro pro Monat tragen.“

Bundesweit 650 Pflegedienste

Nach Einschätzung des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) haben sich bundesweit rund 650 Pflegedienste auf die außerklinische Intensivpflege spezialisiert, allein im ersten Halbjahr 2018 kamen rund 60 Neugründungen hinzu. Für viele sei es jedoch leichter, neue Patienten zu finden als qualifizierte Mitarbeiter. „Die haben eine Machtstellung – auch weil die Krankenkassen den Einsatz von Fachkräften vertraglich vorschreiben“, berichtet ein Beteiligter. Entsprechend groß sei die Versuchung, mit Honorar- oder Hilfskräften über die Runden zu kommen.

Selbst wenn der Krankenkasse eine Betreuung rund um die Uhr in Rechnung gestellt wird, kann es vor Ort große Lücken geben. Wer Nachtschicht habe, werde natürlich schlafen, erzählte eine Pflegerin den Ermittlern einer Kasse. Einige Pflegekräfte würden „dann morgens duschen und zu ihren Hauptjobs in die Frühschicht fahren“. Andere würden „in der Zeit Bücher lesen, im Garten sitzen und entspannen oder ihre Steuererklärung machen“. Längst nicht alle Kassen liefen deshalb gleich zum Staatsanwalt, sagt ein Insider: „Manche drücken auch beide Augen zu.“

Für die Qualität der Betreuung wäre viel gewonnen, wenn alle Beteiligten mit dem Problem offen umgehen würden, sagt der Pflegeexperte des Spitzenverbandes des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung, Jürgen Brüggemann. „Es geht hier um die Abwägung zwischen Versorgungssicherheit und Fachkräftemangel.“ Zur Not müssten zeitweise auch mal nicht hundertprozentig ausgebildete Pfleger einspringen dürfen: „Das muss ein Pflegedienst dann aber auch offen kommunizieren – und bei der Abrechnung mit der Kasse kenntlich machen.“

Von Jens Heitmann

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