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Weltweit Alles Milram – oder was?
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21:00 28.08.2019
Konzernchef Ingo Müller will das Deutsche Milchkontor stärker auf die Konsumenten ausrichten. Quelle: DMK
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Hannover

Das Deutsche Milchkontor (DMK) will weg vom Image als Rohstoffverwerter. Die größte Molkerei des Landes möchte stärker mit eigenen Marken punkten, damit sie den Milchbauern höhere Preise zahlen kann. Im HAZ-Interview erklärt DMK-Chef Ingo Müller, wie der Umbau des Konzerns bis 2030 gelingen soll.

Ihren Genossenschaftsmitgliedern gehört die größte deutsche Molkerei. Ist das im Jahr fünf nach dem Ende der Milchquote ein Fluch oder ein Segen, Herr Müller?

Unsere Milchbauern haben ohne Frage einen langen Leidensweg hinter sich. Wir haben in der Vergangenheit zu sehr auf die Menge gesetzt und nicht genügend auf die Margen geachtet. Oder anders gesagt: Wir sind größer geworden, aber nicht besser. Andererseits: Wir sind heute die Nummer vier unter den Lieferanten des Lebensmitteleinzelhandels – das ist eine starke Ausgangsposition. Mit der „Vision 2030“ haben wir uns auf den Weg gemacht, den Konzern von einem reinen Milchverarbeiter in einen konsumorientierten Hersteller von hochwertigen Lebensmitteln zu verwandeln. Wir denken jetzt von den Märkten her und nicht mehr vom Rohstoff.

Viele Milchbauern wollen so lange nicht warten – das DMK soll fast jedes zehnte Genossenschaftsmitglied verloren haben und damit rund eine Milliarde Kilogramm Milch, ein Achtel seiner Milchmenge ...

Die Kündigungen in den Krisenjahren 2015/16 waren ein klares Signal des Missfallens, keine Frage. Aber unsere Mitglieder wissen, dass so ein fundamentaler Umbau nicht über Nacht greifen kann. Wir haben seitdem unsere Kosten gesenkt, Werke geschlossen und parallel in die Zukunft investiert. Das ist notwendig, um den Wandel eines Unternehmens in unserer Größenordnung zu bewerkstelligen. Uns ist bewusst, dass für die Genossenschaftsmitglieder am Ende vor allem der ausgezahlte Milchpreis zählt. Derzeit bewegen wir uns unter dem Durchschnitt – das ist nicht unser Anspruch und das muss wieder besser werden.

Sie haben die Devise Marge vor Menge ausgegeben – mit anderen Worten: Ihre Milchwerke sollen weniger produzieren, wenn der Preis nicht stimmt. Kämen Ihnen weitere Kündigungen vielleicht sogar gelegen?

Nein, so ist das ganz bestimmt nicht gemeint. Wir wollen aber das Beste aus unserer Milch herausholen. Über Marktmacht ist das nicht möglich, eine weitere Konsolidierung unserer Branche würde zu keiner Verbesserung führen. Mittlerweile haben wir eher die Sorge, dass die Milchbauern angesichts immer neuer Auflagen und Anforderungen die Lust an ihrer Arbeit verlieren: Konsumenten wollen in der Regel alles. Glückliche Tiere, Umweltschutz, gesundes Essen, vollen Genuss und das alles zu einem guten Preis. Die Kosten verbleiben aber bislang oft auf den Höfen. Kann die Entwicklung in Sachen Umweltschutz, Tierwohl oder Convenience eine Chance für die Branche und die einzelnen Erzeuger sein? Auf jeden Fall!

Das Milchkontor macht 80 Prozent seines Geschäfts mit Handelsmarken von Edeka, Rewe & Co. – die Kunden wissen also nicht, dass die meist günstigeren Milch-, Butter- und Käse-Sorten von Ihnen kommen. DMK-Marken wie Osterland oder Humana haben anders als Milram kaum Profil und machen den kleineren Teil des Sortiments aus. Wie wollen Sie das ändern?

Den Markt bestimmt am Ende immer der Verbraucher. Und Verbraucher greifen im Bereich Molkereiprodukte stark zu Handelsmarken. Das ist erstmal Fakt. Angesichts unserer Größe müssen wir einen Spagat hinbekommen: Ohne Handelsmarken geht es nicht – wir wollen bis 2030 weiter mit unseren Marken wachsen und auch im Handelsmarkenbereich Sortimente anbieten, die aus dem Standardangebot mit Milch und Quark herausragen. Unser Ziel ist, den Verbraucher in allen Lebensphasen zu begleiten – von der Babynahrung bis zur Seniorenkost. Dabei reagieren wir auf Ernährungstrends, unsere Linie „Skyr“ ist dafür ein Beispiel; zusammen mit Baileys und Bahlsen haben wir neue Eissorten entwickelt. Mit Milram haben wir ganz aktuell „Kalder Kaffee“ ins Regal gebracht – kräftiger Cold Brew Coffee mit laktosefreier Milch ohne Zuckerzusatz und künstliche Zusatzstoffe.

Ihr Konkurrent Müller hat vorgemacht, wie man als Molkerei zu einer bekannten Marke wird. Lässt sich das übertragen – im Sinne von: Alles Milram, oder was?

Müller bleibt Müller, dieses Konzept können und wollen wir nicht kopieren.

Anders gefragt: Wofür steht Milram?

Für ein Produkt des Nordens. Für Frische. Beides zahlt auf die großen Trends Regionalität und Natürlichkeit ein.

Reicht das schon für eine „Milramisierung des Konzerns“, von der Sie mal gesprochen haben?

Wir haben die ersten wichtigen Schritte hinter uns und sehen die Erfolge dort. Mit der Marke Milram entwickeln wir uns bereits in fast allen Bereichen besser als der Markt. Für unsere Marke Humana haben wir mit unserem neuen Werk für Babynahrung in Strückhausen in der Wesermarsch eine Basis für die Wachstumschancen in diesem Segment gelegt, der jüngste Zukauf der Marken Alete und Milasan ergänzt dieses Sortiment. Dass der Weg der nächsten Jahre keine Selbstläufer wird, ist uns bewusst. Aber das Ziel haben wir fest vor Augen.

Zur Person

Ingo Müller steht seit September 2016 an der Spitze des Deutschen Milchkontors. Der 47-Jährige Diplom-Ingenieur für Milch- und Molkereiwirtschaft hatte zuvor im Unternehmen eine Vielzahl von Stationen durchlaufen. Müller ist verheiratet und hat zwei Kinder.

So ist das DMK entstanden

Das Deutsche Milchkontor (DMK) ist 2011 aus der Fusion der Humana Milchindustrie GmbH und der Nordmilch GmbH hervorgegangen. Die größte deutsche Molkerei verarbeitet an 20 Standorten rund 8 Milliarden Kilogramm Milch. Aktuell sind rund 7000 Bauern Mitglied der Genossenschaft, das DMK beschäftigt 7700 Mitarbeiter. Der Umsatz ist im vergangenen Jahr leicht auf 5,6 Milliarden Euro gesunken, das Ergebnis verbesserte sich minimal auf knapp 31 Millionen Euro. Die Zentrale ist in Bremen angesiedelt.

Von Jens Heitmann

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