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Weltweit Deutschland gehen die Arbeitnehmer aus
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Deutschland gehen die Arbeitnehmer aus
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22:04 04.11.2010
Berufseinsteiger informieren sich auf einer Ausbildungsmesse – die Zahl der Bewerber schrumpft bereits seit Jahren.
Berufseinsteiger informieren sich auf einer Ausbildungsmesse – die Zahl der Bewerber schrumpft bereits seit Jahren. Quelle: dpa
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Die Wirtschaft steht vor einem dramatischen Arbeitskräftemangel: Nach einem Bericht der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schrumpft das Potenzial an Arbeitskräften in Deutschland in den nächsten Jahren so stark wie in keinem anderen Industrieland: Ohne Zuwanderung werde die Zahl der Austritte von Älteren aus dem Arbeitsmarkt im Jahr 2020 um 75 Prozent höher sein als die der Eintritte junger Menschen.

In Niedersachsen soll die Zahl der Arbeitnehmer in den nächsten 20 Jahren auf 3,2 Millionen schrumpfen – ein Minus von 17 Prozent. Auf dieser Grundlage könne das heutige Wohlstandsniveau nicht gehalten werden, heißt es in einem „Strategischen Grundlagenpapier“ des Wirtschaftsministeriums in Hannover.

OECD-Migrationsexperte Thomas Liebig geht davon aus, dass der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland angesichts sinkender Erwerbstätigenzahlen bereits zu Personalengpässen in einzelnen Branchen führe. Diese könnten mittelfristig nur zum Teil durch eine weitere Mobilisierung des inländischen Erwerbspersonenpotenzials wie Arbeitslose oder durch längere Arbeitszeiten geschlossen werden. Ein entsprechendes Punktesystem für qualifizierte Zuwanderer könne deshalb ein ergänzendes Mittel sein. Wie es in dem OECD-Bericht heißt, erreicht im Vergleich mit anderen Ländern nur Polen einen ähnlichen Wert, während Irland als einzige Nation ein Plus an Arbeitskräften verzeichnet.

Die OECD geht davon aus, dass Arbeitsmigration künftig „ein ergänzendes Mittel sein müsse“. Dazu seien allerdings zwei Voraussetzungen erforderlich: „Wir brauchen gute Integrationsergebnisse der schon in Deutschland lebenden Migranten sowie eine gesteuerte Arbeitsmigration, die den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes Rechnung trägt“, sagte OECD-Experte Liebig der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Insbesondere spricht er sich für ein Punktesystem aus, das um die aktuellen Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ergänzt werde. Das sei eine Erkenntnis, die mittlerweile auch in klassischen Einwandererländern wie Kanada geteilt werde. Dagegen will Markus Löning, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, die Flüchtlingshilfe und eine Anwerbung hoch befähigter Arbeitskräfte verknüpfen. „Wenn wir qualifizierte Zuwanderer ins Land holen, sollten wir auch Flüchtlinge berücksichtigen“, sagte Löning dieser Zeitung. Staaten wie Australien betrieben bereits lange eine Politik, die humanitäre Ziele und die Ansiedlung von Fachleuten verknüpfe.

Das niedersächsische Wirtschaftsministerium mahnt eine höhere Erwerbsquote von Frauen an: Während noch vor zwei Jahrzehnten Länder mit einer hohen Frauenerwerbstätigkeit niedrige Geburtenraten verzeichneten, zeige sich heute insbesondere am Beispiel Skandinavien, dass es hier keinen Automatismus gebe. Unerlässlich ist nach Ansicht des Ministeriums auch, den Einstieg ins Berufsleben nach vorn zu ziehen und das Ausscheiden weiter nach hinten zu schieben.

Stefan Koch und Jens Heitmann