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Weltweit „Eine zweite grüne Revolution ist nötig“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit „Eine zweite grüne Revolution ist nötig“
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07:44 16.11.2011
Von Carola Böse-Fischer
Die Agrarmesse Agritechnica in Hannover. Quelle: dpa
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Hannover

Herr Bartmer, die Agritechnica bricht alle Rekorde. Für die 2750 Aussteller sind erstmals alle Hallen nahezu ausgebucht. Auch bei den Besuchern – vor zwei Jahren kamen 355 000 – sieht es nach einem Rekord aus. Was macht die Messe so erfolgreich?

Die Agritechnica ist weltweit die Nummer eins unter den Landtechnikausstellungen, weil sie das Sprungbrett in die internationalen Märkte ist. Sie ist die bedeutendste Innovationsplattform der Hersteller, eine Erkenntnis, die sich immer mehr unter den Landwirten aller Agrarregionen der Welt verbreitet.

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Welche Rolle spielt der Standort Hannover dabei?

Der Standort Hannover ist wegen seiner Lage ideal für die Agritechnica. Er liegt im Herzen Europas mit modernen Acker- und Futterbauregionen. Hannover gilt zudem als Tor zu den attraktiven Märkten in Mittel- und Osteuropa. Und das Messegelände bietet mit modernen, ebenerdigen Hallen beste Bedingungen für Aussteller und Besucher.

Landwirtschaft ist „in“. Worin sehen Sie das begründet?

Kürzlich wurde der siebenmilliardste Mensch geboren. Jeder von ihnen will ernährt werden. Das ist nicht nur eine ethische Selbstverständlichkeit, sondern auch eine gigantische ökonomische Herausforderung. Boomende Märkte für Agrarprodukte zeigen dies bereits heute. Wir haben einen in der Geschichte noch nicht erlebten Anstieg der Nachfrage nach Lebensmitteln, der durch nachwachsende Rohstoffe als energetische Alternative noch verstärkt wird.

Die Aussichten für die Bauern sind mithin bestens: hohe Nachfrage, hohe Preise für Agrargüter – Anreiz, mehr zu produzieren, um mehr Gewinn zu erzielen. Aber Flächen sind knapp. Lässt sich die Produktivität noch steigern?

Ja, und das kann man auf der Agritechnica eindrucksvoll erleben. Faszinierende Ingenieurleistungen erweitern das Feld der Möglichkeiten. Dabei geht es sowohl um agrarische Gunststandorte wie Mitteleuropa als auch um weniger produktive Standorte in Osteuropa, Afrika und Asien. Hier liegt noch erhebliches Potenzial brach. Wir brauchen eine zweite „grüne Revolution“ für Produktivität und Nachhaltigkeit. Züchtungsfortschritt ist dabei so unverzichtbar wie der intelligente Technikeinsatz des Landwirts.

Allerdings wächst die Kritik an einer industriell ausgerichteten Massenproduktion, gefördert mit Subventionen, weil sie Boden, Wasser und Klima zu stark schädigt. Deshalb will die EU-Kommission die Beihilfen gerechter verteilen und teils an ökologische Kriterien binden. Ist das der richtige Weg?

Europa ist einer der bedeutendsten agrarischen Gunststandorte. Statt diesen Vorteil zum Füllen des globalen Brotkorbs zu nutzen, entzieht Europa diesem Korb durch Nettoimporte zusätzlich Agrarprodukte. Europa benutzt für diese Importe virtuell Agrarflächen in aller Welt, die der dreifachen Ackerfläche Deutschlands entsprechen. Dies ist in Zeiten verengter Lebensmittelmärkte nicht verantwortungsvoll. Politische Ansätze zur Förderung der Bioenergie, aber auch Extensivierungsvorschläge, die Brüssel für eine neue Agrarpolitik gemacht hat, müssen auf ihre globale Wirkung analysiert werden. Ökologische und soziale Ziele können nur verantwortungsvoll erreicht werden, wenn die Steigerung von Lebensmittelpreisen auf den globalen Märkten vermieden wird. Deshalb muss man ökologische und soziale Ziele mit einer produktiveren Landwirtschaft verbinden.

Die deutschen Landwirte sind bereits gut auf den Wettbewerb eingestellt. Brauchen sie, vor allem Großbetriebe, an die 80 Prozent der Subventionen gehen, da überhaupt noch Milliardenhilfen?

Es ist eine Entscheidung des europäischen Souveräns, höhere Sozial- und Umweltstandards für die eigene Agrarproduktion zu definieren. Weil diese Standards die internationale Wettbewerbsfähigkeit negativ beeinflussen, hat man sich zu Ausgleichszahlungen entschlossen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren nicht nur die Leistungsfähigkeit landwirtschaftlicher Unternehmen verbessert, sondern auch das Marktumfeld. Selbstverständlich wird die Frage nach dem Umfang öffentlicher Mittel und deren Verteilung unter diesen Umständen neu gestellt. Korrekturen sollten Zeit für Anpassungen von landwirtschaftlichen Unternehmen ermöglichen, die sich durch Landkäufe und -pachtungen, aber auch Investitionen für die Zukunft gebunden haben.

Nochmals zur Kritik vieler Fachleute, die mit Blick auf den Klimawandel einen Wandel der Landwirtschaft hin zu ökologischer Wirtschaftsweise fordern. Auch bei Verbrauchern schwindet die Akzeptanz, wie man an den vielen Bürgerinitiativen gegen Massentierhaltung, aber auch an der ungebrochenen Nachfrage nach Biolebensmitteln sieht. Das lässt sich nicht mehr ignorieren.

In den letzten 100 Jahren beobachten wir Veränderungen des Klimas. Seit dem werden fast viermal so viele Menschen ernährt. Die Zahl der besonders klimarelevanten Wiederkäuer wurde im gleichen Zeitraum in Deutschland drastisch reduziert. Zugtiere wurden durch Traktoren ersetzt, und die Leistungen der Tiere konnten gesteigert werden. Deshalb ist eine moderne Agrarwirtschaft mit höheren Erträgen beim Tier und auf dem Feld eher die Lösung als die Ursache des Klimaproblems. Höhere Hektarerträge mindern den Druck, Regenwälder abzuholzen. Auch das schützt das Klima. Allerdings wird Landwirtschaft durch Innovationen immer komplexer und in den Produktionsprozessen erklärungsbedürftiger. Uns ist klar, dass Innovationen nur dann durchsetzbar sind, wenn sie gesellschaftlich akzeptiert sind. Deshalb hat jeder Landwirt die Aufgabe, einer breiten Bevölkerung die landwirtschaftlichen Zusammenhänge nahezubringen.

Sie sind selbst Landwirt, ein erfolgreicher. Welche Art von Landwirtschaft brauchen wir, um Umwelt und Klima möglichst wenig zu schädigen und armen Ländern nicht jegliche Entwicklungsmöglichkeit zu nehmen?

Nur eine auf Fortschritt und landwirtschaftlichem Unternehmertum basierende Landwirtschaft wird die Herausforderungen der Zukunft in nachhaltiger Weise meistern können. Die logische Kette wirtschaftlichen Erfolgs aus Innovation, unternehmerischem Können, Wachstum und Beschäftigung schafft Wohlstand in ländlichen Regionen und in zu entwickelnden Ländern.
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