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Weltweit Warum Supermärkte sich beim Kampf gegen Plastikmüll schwertun
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Warum Supermärkte sich beim Kampf gegen Plastikmüll schwertun
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00:16 29.04.2019
Tablett und Dose statt Plastikmüll: Edeka-Händler Thorsten Wucherpfennig demonstriert sein „Mehrwegkonzept“. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

 Wer an der Frischetheke am Supermarkt ein paar Scheiben Käse, ein bisschen Wurst und eine Portion Grillfleisch kauft, produziert in der Regel eine beträchtliche Menge Müll. Jedes Produkt wird einzeln in eine mehrschichtige Folie eingewickelt, die sich schwer recyceln lässt. Und dann kommt alles noch in eine Papier- oder Plastiktüte.

Doch es geht auch anders. Das sieht man zum Beispiel in Edeka-Filialen der Händlerfamilie Wucherpfennig in Hannover. Sie gehören zu den ersten Supermärkten in Deutschland mit einem „Mehrwegkonzept“ an den Theken: Verkäuferinnen legen den Gouda und die Würstchen auf Wunsch in von den Kunden mitgebrachte Tupperdosen. „Abgesehen vom Kassenbon entsteht kein Müll mehr“, sagt Geschäftsführer Thorsten Wucherpfennig.

So simpel kann Nachhaltigkeit also sein. Oder nicht? „So etwas hört sich für Kunden immer leicht an, aber die Umsetzung ist schwierig“, betont Wucherpfennig. Denn die Hygienevorschriften sind streng. Händler müssen verhindern, dass Keime, die möglicherweise an der Tupperdose kleben, den Bereich hinter der Theke kontaminieren. Edeka löst dieses Problem unter anderem mit einem Tablett. Die Verkäuferinnen berühren nur das Tablett, nicht die Dose.

Trotzdem war es nicht leicht, die Genehmigung der zuständigen Ämter zu erhalten. „Wir haben ein gutes Jahr lang mit den Behörden diskutiert, immer und immer wieder“, sagt der 44-jährige Kaufmann. Ähnliche Erfahrungen macht auch der Konkurrent Rewe, der ebenfalls ein Mehrwegkonzept einführen will. Man müsse „um die Zustimmung der jeweils zuständigen Veterinärämter werben“, teilt die Kölner Zentrale mit.

Behörden als Bremsklötze beim Umweltschutz? Tatsächlich dürfen Händler ein Mehrwegsystem, das etwa in Braunschweig genehmigt wurde, nicht automatisch auch in Hannover einführen. Obwohl die Theken in den Supermärkten fast immer gleich aussehen, genehmigt jede Kommune einzeln. Es müssten „grundsätzlich Einzelfallentscheidungen getroffen werden“, erklärt die hannoversche Stadtverwaltung.

Reste dürfen nicht ins Mett

Auch beim Thema Lebensmittelverschwendung spielen oft Vorschriften eine Rolle. „Zum Beispiel dürfen keine Fleischstücke, die an der Theke übrig sind, ins Mett reingedreht werden“, sagt Wucherpfennig. Fettanteil und Fleischarten seien genau vorgegeben. An eine „Tafel“ für Bedürftige dürfe er das einwandfreie Fleisch auch nicht abgeben, denn dann würde die Kühlkette unterbrochen.

Außer mit Vorschriften kämpfen Händler auch mit anderen Herausforderungen. Ein klassisches Problem ist der Zielkonflikt zwischen weniger Verpackungsmüll und weniger Lebensmittelverschwendung. Berühmtestes Beispiel dafür ist die Salatgurke: Schweißt man sie nicht in Folie ein, braucht man weniger Plastik – andererseits trocknet das Gemüse dann schneller aus und wird deshalb vielleicht öfter weggeschmissen.

Welche Lösung die beste ist, lässt sich nicht einfach sagen. Edeka, Rewe und Aldi verzichten mittlerweile komplett oder weitgehend darauf, Gurken einzeln einzuschweißen. Lidl hingegen erklärte vor Kurzem gegenüber „Spiegel Online“, bei Gurken ohne Folie könne „ein erhöhtes Risiko für mehr Lebensmittelverluste bestehen“.

Hinzu kommt: Oft wählen die Verbraucher nicht die ökologisch beste Variante. Bei Edeka Wucherpfennig bringen zwar mehr und mehr Kunden ihre Tupperdose mit an die Frischetheke – der Anteil liegt aber noch im einstelligen Prozentbereich. Und auch die Öko-Vorreiter sind nicht immer konsequent. „Ich kann mich schon darüber amüsieren, wenn jemand sich das Grillfleisch in eine Mehrwegdose einpacken lässt, aber dann eine aufwendig verpackte Pralinenmischung kauft“, sagt Wucherpfennig.

Er vertritt deshalb die Auffassung, dass die Politik im Kampf gegen den Plastikmüll nicht nur auf Freiwilligkeit setzen, sondern auch verbindliche Vorgaben machen sollte: „Bei den großen Industrieherstellern muss angesetzt werden.“

Von Christian Wölbert

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