Energieexperte Manfred Schubert: "Ohne den vermehrten Einsatz von Erdgas wird die Energiewende scheitern"
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Weltweit „Ohne den vermehrten Einsatz von Erdgas wird die Energiewende scheitern“
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Energieexperte Manfred Schubert: "Ohne den vermehrten Einsatz von Erdgas wird die Energiewende scheitern"

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18:30 22.06.2020
„Die Russen allein können die Lücke beim Erdgas nicht schließen“: Manfred Schubert, geschäftsführender Gesellschafter der Hanseatic Energy Hub GmbH, hält mehrere LNG-Terminals in Deutschland für möglich. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Vier Standorte werben um Investoren für den Bau des ersten deutschen Terminals für Flüssigerdgas. Per Schiff könnte „Liquefied Natural Gas“ (LNG) dann auch aus Regionen importiert werden, die bisher nicht per Pipeline ans hiesige Netz angebunden sind. Der Geschäftsführende Gesellschafter der Hanseatic Energy Hub GmbH, Manfred Schubert, erklärt im HAZ-Interview, wie der Markt funktioniert und warum Stade aus seiner Sicht besonders gute Chancen hat.

Deutschland bezieht sein Erdgas seit Jahrzehnten zum größten Teil durch Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und Russland. Warum benötigen wir auch noch Terminals für Gastanker, Herr Schubert?

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Weil der Bedarf wächst und gleichzeitig mit Holland ein wichtiger Lieferant ausfällt. Die Niederlande stoppen ihre Produktion in Groningen in zwei Jahren wegen steigender Erdbebengefahr – damit fällt etwa ein Viertel unserer Importmenge weg. Die Förderung in der Nordsee schrumpft ebenfalls. Diese Lücke können die Russen allein über die vorhandenen Pipelines nicht schließen, weil die Kapazitäten begrenzt sind und nicht nur Deutschland über diese Pipelines aus Russland versorgt wird. Zudem wäre eine hohe Abhängigkeit von einem Lieferanten auch nicht im deutschen und europäischen Interesse.

Mit Rostock, Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Ihnen in Stade treiben gleich vier Standorte Pläne zum Bau von LNG-Terminals voran. Reicht dafür die Nachfrage?

Ohne den vermehrten Einsatz von Erdgas wird die Energiewende scheitern. Wenn wir aus der Atomkraft und der Kohle aussteigen, ist die Sicherheit der Stromversorgung von Gaskraftwerken abhängig, die einspringen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Im aktuellen Netzentwicklungsplan für den Ausbau unserer Erdgasinfrastruktur haben 17 zusätzliche Gaskraftwerke einen Gasnetzanschluss beantragt. Darüber hinaus steigen immer mehr Deutsche von Öl- auf Gasheizungen um – auch als Treibstoff für Schiffe und Lkw gewinnt Erdgas an Bedeutung. Kurz und knapp: Der wachsende Bedarf reicht für mindestens zwei Standorte.

Hoher Energieverbrauch bei Pipelines

Der Aufwand zur Produktion von LNG ist hoch: Für den Schiffsweg wird Erdgas auf minus 163 Grad heruntergekühlt und verflüssigt, damit es stark an Volumen verliert. Am Anlandepunkt muss es wieder in die gasförmige Form gebracht werden, um es in die Transportnetze einzuspeisen. Sind Pipelines nicht günstiger?

Ab einer Entfernung von 3000 bis 4000 Kilometern ist LNG wettbewerbsfähig, weil Pipelines teuer sind und ebenfalls einen hohen Energieverbrauch beim Transport haben. Ferner haben Pipelines den Nachteil, dass sie manchmal durch politisch unsichere Regionen führen, was im Krisenfall schwerwiegende Folgen haben kann. Bei der zurzeit unter US-Sanktionen stehenden Erdgasleitung Nord Stream 2 – mit einer Länge von circa 2400 Kilometern und einem Investment von etwa 10 Milliarden Euro – spürt Deutschland schon direkt die politische Einflussnahme von Drittstaaten. Zudem gibt es Regionen auf der Erde mit hohen Erdgasaufkommen, die nicht an Pipelines angeschlossen werden können.

Der Widerstand gegen Nord Stream 2 kommt vor allem aus den USA. Es heißt, die Amerikaner wollten sich damit Absatzchancen für ihr Gas erschließen. Trifft diese These zu?

Für die Amerikaner ist Erdgas nicht das Hauptgeschäft im Energiemarkt – sie denken vor allem ans Öl. Allerdings verbieten immer mehr Bundesstaaten mit Blick auf den Klimaschutz, das bei der Ölförderung anfallende Erdgas einfach abzufackeln. Deshalb ist der Export eine elegante Art, überschüssige Mengen zu verkaufen. Insgesamt aber spielen die USA bei LNG keine zu dominante Rolle. Die Haupttreiber sind das Emirat Katar und zukünftig Russland, das seine Kapazitäten massiv erhöht.

Europa ist als sichere Abnahmeregion interessant“

Der mit Abstand größte Absatzmarkt für LNG ist Asien, schon weil es dort kaum Pipelines gibt. Welche Rolle spielt Europa?

Europa ist vor allem als sichere Abnahmeregion interessant: Wenn China, Japan oder Korea – etwa wegen eines milden Winters oder eines Konjunktureinbruchs – weniger Erdgas benötigen als üblich, kann es günstiger sein, LNG-Tanker nach Europa zu dirigieren und das Erdgas hier anzulanden. Die großen LNG-Händler haben mit den Produzenten langfristige Lieferverträge über fixe Abnahmen abgeschlossen. Wenn sie diese nicht nach Asien liefern können, müssen sie trotzdem dafür bezahlen. In Europa ist der Markt liquide, hier wird man das Erdgas los – auch wenn man es unter dem Einstandspreis liefert. Diese Lieferoption nach Europa stellt für die großen Händler einen Wert dar.

In Wilhelmshaven und Brunsbüttel stehen finanzkräftige Schwergewichte wie Uniper und Gasunie hinter den Plänen für LNG-Terminals. Wen haben Sie in Stade an Ihrer Seite?

Wir sprechen bereits mit potenziellen Partnern – das Interesse von Investoren aus dem Finanz- und Energiebereich ist sehr groß. Das liegt auch an der Lage: Wir wollen das Terminal in einem Industriepark bauen, es gibt also keine Restriktionen. Zudem liegen wir nahe an einer Pipeline; für den Prozess der Regasifizierung können wir die Abwärme des Industrieparks nutzen. Wir haben damit den besten Standort in Deutschland.

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Zur Person

Manfred Schubert ist geschäftsführender Gesellschafter der Hanseatic Energy Hub GmbH in Stade, die Pläne für den Bau eines Terminals zum Import von Flüssigerdgas (LNG) vorantreibt. Der 64 Jahre alte Ingenieur hat nach seinem Ausscheiden aus dem Preussag-Konzern von 1993 an in Hannover mit zwei weiteren Partnern die Umwelttechnik  &  Ingenieure GmbH aufgebaut – und seine Anteile an dem Ingenieurbüro 2018 an Mitarbeiter verkauft. Hauptgesellschafterin des Hanseatic Energy Hubs ist Johann Killinger, geschäftsführender Gesellschafter der Buss Group in Hamburg.

Von Jens Heitmann

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