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Weltweit Geldwäsche war noch nie so einfach wie heute
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Geldwäsche war noch nie so einfach wie heute
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09:15 30.05.2013
Von Stefan Koch
Anonym, global und kaum zu kontrollieren: Generalstaatsanwalt Preet Bharara erläutert in New York die Ermittlungsergebnisse zum wohl größten Geldwäsche-Skandal der US-Geschichte. Quelle: dpa
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Washington

Die Verbrecher ließen sich offenbar von der Dreigroschenoper inspirieren. „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?“, heißt es in dem berühmten Stück von Bertolt Brecht. Die Liberty Reserve ist so eine künstlich geschaffene Bank. Insgesamt 4,6 Milliarden Euro Schwarzgeld sollen über die hauseigene Internet-Währung der Bank mit Sitz in Costa Rica gewaschen worden sein. Nahezu eine Million Kunden in zahlreichen Ländern bedienten sich des ominösen Internetzahlservices, bevor US-Ermittler dem Spuk nun ein Ende setzten.

Sprachlos verfolgt am Dienstagabend (Ortszeit) so mancher Amerikaner die Präsentation von Staatsanwalt Preet Bharara während der TV-Liveübertragung aus New York City. Der Jurist steht an einer Weltkarte, um all die Verflechtungen zu skizzieren, aus denen der wohl größte internationale Geldwäscherring bestand. Allein in den Vereinigten Staaten von Amerika sollen 200.000 Kunden die Liberty Bank genutzt haben, um Bargeld aus dubiosen Geschäften in den regulären Wirtschaftskreislauf einzuspeisen. Die Einnahmen, so Bharara, stammen aus diversen kriminellen Milieus, angefangen von Drogenhandel und Kinderpornografie bis hin zu Betrügereien und Computermanipulationen. Da wird mit „Wild-West-Methoden“ gearbeitet, sagt der 45-Jährige. Der Finanzdienstleister Liberty Reserve sei umgehend geschlossen, Einnahmen in Höhe einer zweistelligen Millionensumme seien sichergestellt worden. Es stehe zu befürchten, dass die gesamte Firma nur gegründet wurde, um Geldwäsche zu betreiben. Dank einer breit angelegten Polizeiaktion in mehreren Staaten konnten die führenden Manager gefasst werden. Zwei Banker, die wesentlichen Einfluss auf die kriminelle Organisation gehabt hätten, seien noch auf der Flucht.

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Deutschland taucht in der Länderliste, aus denen die Kunden stammen sollen, bisher nicht auf. Wohl aber gelten deutsche Institute als Opfer: Bei dem jüngsten computergesteuerten Überfall auf Banken im arabischen Raum, bei dem mehr als 30 Millionen Euro erbeutet wurden, hoben die Täter mit manipulierten Kreditkarten auch knapp zwei Millionen Euro von Geldautomaten in sieben deutschen Städten ab. Ein Teil der Beute wurde anschließend bei der Liberty Bank eingespeist, so die Erkenntnisse der New Yorker Ermittler.

Der große Vorteil der Onlinebank mit angeschlossener Digitalwährung liegt für Verbrecher in der Anonymität des Internets. Kunden der Liberty Bank eröffneten ein Konto, indem sie einen Namen, eine Adresse und ein Geburtsdatum angaben – Daten, die niemals überprüft wurden. Ganz im Gegenteil: Dass es sich um gefälschte Namen handelte, versuchten die Kunden gar nicht weiter zu verschleiern. So lief ein Konto unter dem Namen „Joe Schwindler“. Andere nannten sich „Russland Hacker“ – Synonyme, wie sie in der Welt des Internets gebräuchlich sind. Ein Nutzer gab als Verwendungszweck seiner Online-Transaktion schlicht „Kokain“ an. Nur dass es sich bei den Millionen-Überweisungen nicht um ein Onlinespiel handelte, sondern um Geldwäsche. „Wenn Al Capone heute noch leben würde, hätte er sicherlich auf diese Weise seine Beute versteckt“, sagt Richard Weber von der US-Steuerbehörde IRS.

In der Tat wirft der Fall ein Schlaglicht auf einen neuen, undurchsichtigen Teil der Finanzbranche: Weltweit gibt es immer mehr Onlinewährungen und virtuelle Banken. Dabei sind längst nicht alle Digitalwährungen auch Produkte von Kriminellen. So wachsen die Nutzerzahlen der Online-Währung Bitcoin seit Jahren beständig an. Jüngst führte sogar der Online-Händler Amazon mit dem „Coin“ ein eigenes Zahlungsmittel ein, mit dem Kunden etwa Apps für ihr Smartphone oder ihren Tablet-Computer erwerben können.

Viele der neuen Dienste ermöglichen allerdings weltweite Überweisungen, unterliegen oft keiner Finanzaufsicht und ermöglichen Anonymität, wie sie nicht einmal mehr Schweizer Banken garantieren. „Wir sind im digitalen Zeitalter angekommen“, sagt Richard Weber von der Steuerbehörde IRS. Die Kontrollen und Gesetze allerdings sind es an vielen Stellen noch nicht.

Das Betrugsystem funktioniert im Kern recht simpel. Nach der Registrierung konnten die Kunden der Liberty Reserve gegen Bargeld die hauseigene Währung „LR“-Einheiten kaufen. Dieses Geld wurde innerhalb der Liberty Reserve an andere Konten überwiesen und konnte dann an einem anderen Ort wieder in „sauberes“ Bargeld umgetauscht werden. Eine entscheidende Rolle spielten dabei Unternehmen, die von der Liberty Bank gegründet wurden und die die „LR“-Währung ausdrücklich akzeptierten. Über diese Tochtergesellschaften erhielten die Kunden Zugang zum sauberen Geldkreislauf. Ungestört konnten sie beispielsweise Ebay, Paypal und Kreditkarten nutzen. Die Kontonummern der Liberty-Mitglieder blieben geheim. „Wir gehen davon aus, dass quasi das gesamte Geschäftsmodell einen kriminellen Hintergrund besitzt“, sagt Bharara.

Die digitale Geldwäsche lohnt sich. Im Fall Liberty Reserve gilt Arthur Budovsky als Spinne im Netz – ein gebürtiger Ukrainer, der zeitweise die US-Staatsbürgerschaft besessen haben soll und mittlerweile angeblich einen Reisepass aus Costa Rica hat. Budovsky wurde in Spanien festgenommen, als er sich gerade auf der Durchreise in Richtung Karibik befand. Der „Bankdirektor“ verdiente prächtig an seinem Service: Als Gegenleistung für seine Verschleierungsaktionen soll er Provisionen in Höhe von einem Prozent der gehandelten Summen erhalten haben. Außerdem sei jede Transaktion mit 75 US-Cent in Rechnung gestellt worden.

Wie ernst die US-Behörden die neue Gefahr aus dem Internet einstufen, zeigt schon die Tatsache, dass der Generalstaatsanwalt Bharara mit der Aufklärung befasst ist. Der gebürtige Inder gilt als eine Art David, der den Kampf mit Goliath nicht scheut: An der Wall Street in New York ließ er erstmals Abhöraktionen durchführen und brachte damit einen der größten Finanzmagnaten hinter Gitter. Kurz nachdem Bharara dem Insiderhandel der Börsianer den Kampf ansagte, kürte ihn das renommierte „Time“-Magazin zu einer der weltweit einflussreichsten Personen. Gegenüber der „New York Times“ erklärte er kürzlich: „Wenn ich mich an der Wall Street an einem Hotdog verschlucke und umfalle, würden es einige Banker sicherlich vorziehen, nicht einzugreifen.“

Doch die Wall Street ist im Vergleich zum weltweiten Internethandel mit virtuellen Währungen ein überschaubarer, geradezu penibel regulierter Finanzplatz. Bharara kündigte gestern vor Journalisten in New York an, dass die Verhaftungen der Liberty-Manager nur ein Anfang seien: „Wir spüren sämtlichen Transaktionen nach. Stück für Stück.“ Zumindest gibt es im Internet keine Hotdog-Stände.

Bitcoins und Co.

■  Was ist digitales Geld?
Im Grunde genommen ist es nichts anderes als reales Geld – nur ohne Scheine und Münzen. Es dient als Recheninstrument, als Zahlungsmittel oder als Anlageform und war zunächst als Zahlungsmittel etwa in Onlinespielen gedacht. Mittlerweile jedoch gibt es zahlreiche, unterschiedlich funktionierende Digitalwährungen und Finanzdienstleister, die vielfältig genutzt werden. Die bekannteste künstliche Onlinewährung heißt Bitcoin – und unterscheidet sich durch ein ausgeklügeltes Rechen­verfahren von dem nun in der Kritik stehenden Unternehmen Liberty Reserve.

■  Wie funktioniert Bitcoin?
Beim Onlinegeld Bitcoin handelt es sich um eine eigenständige Währung mit einem Wechselkurs. Online-Wechselbörsen wie BitMarket tauschen Euro, Dollar oder sonstige Währungen in Bitcoin um. Benutzer können aber auch neue Bitcoin erzeugen, indem sie sich an der Lösung mathematischer Rätsel beteiligen. Bitcoin gelten als sicheres Zahlungsmittel, da eine Fälschung durch ein kompliziertes Verschlüsselungsverfahren beinahe ausgeschlossen ist. Zudem kann jeder Betrag nur einmal ausgegeben werden. Bitcoin begrenzt die Geldmenge. Dadurch soll die Währung gegen Inflation geschützt werden. Das macht das Geld theoretisch für Anleger interessant.

■  Kann jeder eine Onlinewährung gründen?
Im Prinzip ja, falls er Vertrauen für sein „Geld“ gewinnt. Dies gelingt entweder dadurch, indem der Erfinder einer Währung mit einem entsprechend großen Vermögen für deren Seriosität bürgt. Oder eine entsprechend große Zahl von Nutzern schafft Vertrauen, weil sie die Einheit als Zahlungsmittel akzeptiert.

So funktioniert die Geldwäsche

Onlinebezahlsysteme wie Liberty Reserve mit Sitz in Costa Rica machen es einfach, möglichst anonym Geld zu transferieren. Kunden können sich mit falschem Namen anmelden – Dokumente muss niemand vorzeigen. Zudem wurden die Überweisungen in der hauseigenen Einheit „LR“ verschickt. Man konnte die Liberty-Reserve-Währung bei mehreren Wechseldiensten kaufen und wieder in offizielle Währungen umtauschen. Mit diesem zweistufigen System waren die Geldströme nicht nachzuverfolgen. Die von Liberty Reserve empfohlenen Wechseldienste mit Namen wie Swiftexchanger gehörten nach Erkenntnissen der Ermittler selbst zum LR-System – und agierten etwa aus Nigeria oder Vietnam.

In Deutschland wäre das Betreiben eines solches Dienstes nicht möglich. Hier muss jeder Internetdienst, der einen Bezahldienst anbietet, eine Banklizenz nachweisen. Zudem gilt EU-weit das Know-your-Customer-Prinzip (zu Deutsch: Kenne deinen Kunden!).

(mit: kol)