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Weltweit Der Glanz ist verblasst
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21:53 24.04.2014
Mary Barra hatte es als erste Frau an die Spitze eines großen Autokonzerns geschafft. Quelle: Arne Dedert
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Es war ein Medienauflauf, wie ihn Detroit lange nicht erlebt hatte. Mary Barra stand auf der Bühne einer alten Industriehalle, um einen neuen Pick-up-Truck vorzustellen. Doch alle Augen waren auf die 52-jährige Ingenieurin selbst gerichtet. Sie hatte es als erste Frau an die Spitze eines großen Autokonzerns geschafft. Kamerateams und Reporter verfolgten Barra, sie war der Star der Automesse von Detroit. Das war Mitte Januar, wenige Tage vor ihrem Amtsantritt.

100 Tage später ist der Glanz verflogen. Barra hat sich vom Star der Branche zur Krisenmanagerin gewandelt. Der Opel-Mutterkonzern ruft weltweit rund 7 Millionen Autos wegen diverser Defekte in die Werkstätten. Im spektakulärsten Fall der Zündschlösser steht der Vorwurf im Raum, GM-Verantwortliche hätten einen gefährlichen Defekt jahrelang verschwiegen. Zündschlüssel können bei 2,6 Millionen Wagen in voller Fahrt zurückspringen, was nicht nur den Motor abschaltet, sondern auch Airbags, Servolenkung und Bremskraftverstärker. Für mindestens 13 Todesfälle soll der Defekt verantwortlich sein. „Ich denke, dass es zu lange gedauert hat“, sagte Barra kürzlich bei einem Auftritt in New York. „Aber als wir es bemerkt haben, haben wir es angepackt.“

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Doch das wird teuer: Die Kosten der tödlichen Pannenserie fressen im ersten Quartal fast den kompletten Gewinn auf. Weil der US-Autobauer 1,3 Milliarden Dollar für den Rückruf von Millionen Fahrzeugen auf die Seite legen musste, schrumpfte der Überschuss im Startquartal 2014 um fast 90 Prozent auf 108 Millionen Dollar. Es sei noch zu früh, um weitere Belastungen aus Reparaturkosten auszuschließen, sagte Finanzchef Chuck Stevens gestern bei der Vorlage der Quartalszahlen.

Außerdem verschlang die Sanierung von Opel Millionen. Nach der Rosskur bei der Rüsselsheimer Tochter, bei der Tausende Arbeitsplätze abgebaut und das Werk in Bochum geschlossen werden sollen, gebe es in Europa „echte Fortschritte“, sagte er. Der Umsatz stieg in der Region auf 5,6 (Vorjahr 5,3) Milliarden Dollar. Wegen Restrukturierungskosten von rund 200 Millionen Dollar verdoppelte sich der operative Verlust nahezu auf 284 Millionen Dollar. 2016 soll Opel die Gewinnschwelle erreichen. Man sei auf dem Weg, dieses Ziel zu erreichen, beteuerte Barra.

Die Managerin ist seit Wochen vor allem damit beschäftigt, die Pannenserie aufzuklären, sich für Fehler zu entschuldigen und neue Köpfe und Strukturen bei GM zu installieren. Die Unfallserie wegen der defekten Zündschlösser wird von den US-Verkehrssicherheitsbehörden untersucht. Der Kongress geht der Frage nach, warum GM mit dem Rückruf bis 2014 wartete, obwohl die Probleme seit mehr als zehn Jahren bekannt waren.

In den USA ist das Debakel ein heißes Thema, denn hier wurden die meisten Wagen verkauft. Seit Wochen zeigen Fernsehsender und Zeitungen die Fotos von Unfallopfern und erzählen ihre traurigen Geschichten. Auf den Bildern sind lachende Teenager zu sehen, die später bei Unfällen ums Leben kamen – und ihre trauernden Eltern. Denn die meisten betroffenen Modelle sind typische Anfängerautos. GM zählt 13 Unfalltote, Verbraucherschützer kommen auf mehr als 300.

Anwälte im ganzen Land haben Sammelklagen eingereicht. Angehörige von Opfern verlangen Wiedergutmachung, und Autobesitzer pochen auf Schadenersatz, weil sie den Wert ihrer Wagen geschmälert sehen. Die nächsten 100 Tage werden nicht leichter für Mary Barra.

Von Daniel Schnettler

(mit:rtr)

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