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Weltweit Gesichtsanalyse im Supermarkt – darf das sein?
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Gesichtsanalyse im Supermarkt – darf das sein?
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14:47 24.06.2017
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Der Bielefelder Datenschutzverein Digitalcourage hat die beiden Unternehmen bei der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf und Bonn angezeigt. Das System zur Erfassung von Alter und Geschlecht der Kunden sei „definitiv nicht datenschutzkonform“, erklärte eine Sprecherin von Digitalcourage gegenüber der HAZ. Die Kunden würden nicht über die Erfassung informiert und könnten ihr deshalb auch nicht widersprechen. Die Unternehmen wiesen die Vorwürfe zurück.

Kameras an Werbebildschirmen

Die Gesichtserkennung findet in bundesweit 40 Real-Filialen statt – unter anderem in Hannover-Linden und Hildesheim. Weitere Filialen in Niedersachsen seien nicht betroffen, teilte das Unternehmen mit. Die Deutsche Post setzt die Kameras in rund 100 Filialen in Hamburg, Köln, München und Berlin ein. Beide Unternehmen nutzen Technik des Augsburger Dienstleisters Echion.

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Dessen Kameras sind an Werbe-bildschirmen in den Filialen angebracht. Nach Auskunft von Real ermitteln sie, wie viele Personen diese Bildschirme betrachten. Darüber hinaus würden die Betrachtungsdauer, das Geschlecht und das Alter der einzelnen Personen erfasst. Das Ziel sei die Anpassung von Werbefilmen an unterschiedliche Zielgruppen.

Aus Sicht von Digitalcourage könnten die Unternehmen die vom Echion-System erfassten Daten mit weiteren Informationen – zum Beispiel aus den Kassensystemen – kombinieren und die gefilmten Kunden auf diese Weise namentlich identifizieren. Es handele sich deshalb um „personenbezogene Daten“. Laut Gesetz dürfen Unternehmen solche Daten nur nach Einwilligung der Betroffenen verarbeiten.

Real erklärte hingegen, das System übertrage lediglich Informationen wie „Mann von etwa 45 Jahren“. Diese Daten könnten keiner konkreten Person zugeordnet werden und seien deshalb nicht personenbezogen. Die aufgenommenen Bilder würden automatisch ausgewertet und danach nicht übertragen oder gespeichert, sondern nach 150 Millisekunden gelöscht. Außerdem habe nur Echion Zugriff auf die Daten – Real nicht. Kunden würden durch Schilder mit der Aufschrift „Dieser Markt wird videoüberwacht“ aufgeklärt.

Analyse auch von Emotionen?

Die für Echion zuständige bayerische Datenschutzaufsicht folgte nach einer Prüfung der Auffassung der Unternehmen: Das aktuell genutzte System sei datenschutzrechtlich in Ordnung.

Die niedersächsische Landesbeauftragte für den Datenschutz, Barbara Thiel, warnte jedoch vor dem grundsätzlichen Potenzial der Technik. Diese könne außer dem Alter und Geschlecht etwa auch die Gefühlslage von Menschen dekodieren und ermögliche somit den „Blick in Herz und Hirn von Passanten“. Die Mimik beim Anblick bestimmter Produkte könne unter Umständen sogar sexuelle Orientierungen, Alkoholprobleme oder soziale Phobien offenbaren. Thiel sagte, sie sehe dies wegen des Missbrauchspotenzials mit großer Sorge.

Der Verein Digitalcourage befürchtet, dass Händler künftig mit Gesichtserkennung Profile ihrer Kunden anlegen und so deren langfristiges Einkaufsverhalten protokollieren – auch bei Barzahlung. Damit würden sie das aus dem Internet bekannte „Tracking“ auf die analoge Welt übertragen.

Von Christian Wölbert