Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Hunderte Jobs bei Conti in Gefahr
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Hunderte Jobs bei Conti in Gefahr
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 18.09.2013
Von Lars Ruzic
Conti will die Kosten in der Multimediasparte, die unter anderem Navis herstellt, drücken. Quelle: HAZ
Anzeige
Hannover

Der Continental-Konzern kehrt in seiner Multimediasparte mit eisernem Besen. An mehreren inländischen Standorten will der Zulieferer Sanierungsvereinbarungen vorzeitig verlängern, die noch aus der Krise 2009 stammen und bis Ende 2014 laufen.  Sollte die Belegschaft nicht für weitere vier Jahre Zugeständnisse bei Entgelt und Tariferhöhungen machen, droht im hessischen Babenhausen der Abbau von 800 Arbeitsplätzen. Der Standort im 50 Kilometer entfernten Karben mit seinen 1000 Beschäftigten könnte gar komplett geschlossen werden. Nach HAZ-Informationen haben sich beide Seiten am Wochenende in Babenhausen auf Eckpunkte geeinigt. Die Details sollen jedoch erst noch in den jeweiligen Gremien beraten werden. Doch selbst wenn die IG Metall einer Fortschreibung der Vereinbarung zustimmt, wären in Babenhausen trotzdem noch 400 der insgesamt rund 2200 Stellen bedroht. Die Betriebsräte der Zuliefergruppe haben deshalb bereits einen offenen Brief an den Vorstand gerichtet, in dem von „Erpressung“ und „Provokation“ die Rede ist.

Conti fordert von beiden Standorten, die eng miteinander verwoben sind, Zugeständnisse von insgesamt rund 58 Millionen Euro. In dem Fall sei man bereit, zwei Produktionsaufträge, die bereits an osteuropäische Werke vergeben wurden, wieder heimzuholen. Nach HAZ-Informationen handelt es sich dabei um Cockpits für Volkswagen und Daimler. Beide Aufträge haben große Umfänge, da sie bei Daimler die volumenstarke E-Klasse und bei Volkswagen sogar die komplette Modellfamilie des „modularen Querbaukastens“ (MQB) umfassen. Nach dem MQB entstehen die meisten Modelle der wichtigsten Konzernmarken – von Audi A3 bis VW Golf. Conti argumentiert, die Konkurrenz – das ist vor allem Bosch Multimedia aus Hildesheim – lasse Cockpits längst nur noch in Niedriglohnländern fertigen. Von der Arbeitnehmerseite heißt es, das die Situation in Babenhausen und Karben inzwischen viel besser sei als noch in Zeiten der Krise. Conti könne nicht einfach alte Abkommen verlängern, um sich dauerhafte Kostenvorteile auf dem Rücken der Belegschaft zu beschaffen. „So war ja nicht mal Wennemer drauf“, sagte ein Arbeitnehmervertreter mit Blick auf den früheren Conti-Chef, der gleich mehrere Reifenwerke geschlossen hatte.

Anzeige

Ebenfalls vor einem Stellenabbau steht indes ein dritter hessischer Standort – Wetzlar. Dort war die Belegschaft bereits 2008 auf 500 halbiert worden. Heute sitzen hier nur noch Entwicklung und Verwaltung für Displays, etwa von Navigationsgeräten. Hier fehle es schlicht an Aufträgen, heißt es aus dem Konzern. Derzeit liefen bereits Verhandlungen über Interessenausgleich und Sozialplan. Gut 150 Jobs stehen dem Vernehmen nach zur Disposition. Die Multimediasparte Interior mit ihren weltweit gut 34 000 Beschäftigten ist bei Conti erst durch die Übernahme von Siemens VDO entstanden. Sie steht für viele Zukunftsthemen der Branche – wie vernetzte Fahrzeuge oder das Internet im Auto. Bis diese Anwendungen jedoch den Massenmarkt erobern, werden noch Jahre vergehen. Derzeit macht Interior-Chef und Conti-Vorstand Helmut Matschi sein Geschäft vor allem mit Cockpits und Navigationsgeräten – Produkte, die inzwischen Standardware sind und überall auf der Welt gefertigt werden können. Die Umsatzrendite von Interior lag in der ersten Jahreshälfte bei 6,2, die des Konzerns insgesamt bei 9,8 Prozent.

14.09.2013
Albrecht Scheuermann 13.09.2013