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Weltweit „Wir suchen ohne Ende Mitarbeiter und können Stellen nicht besetzen“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit „Wir suchen ohne Ende Mitarbeiter und können Stellen nicht besetzen“
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00:19 22.04.2019
„Zu 100 Prozent auf einer Linie“: Dirk Roßmann und sein Sohn Raoul. Quelle: Rossmann GmbH / Ralf Mohr
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Dirk und Raoul Roßmann, in einigen Ihrer Filialen können Kunden die Ware am Ausgang schon selbst einscannen und mit Karte bezahlen. Werden Sie solche Selbstbedienungskassen bundesweit einführen?

Dirk Roßmann: Die SB-Kassen werden von vielen Kunden gut angenommen. Wir müssen aber noch herausfinden, ob dadurch die Diebstahlquote steigt.

Die Tests laufen seit über einem Jahr. Haben Sie noch kein Gefühl, wie es läuft?

Dirk Roßmann: Mein Gefühl sagt mir, das könnte funktionieren. Aber wir müssen abwarten.

Angenommen, Sie entscheiden sich für die Technik: Müssen Ihre Kassiererinnen dann um ihre Jobs fürchten?

Dirk Roßmann: Dadurch gehen keine Arbeitsplätze verloren. Wir setzen SB-Kassen in umsatzstarken Läden ein, um in der Rushhour die Schlangen zu verkürzen. Wenn jemand nur zwei, drei Artikel kauft, kann er schnell selbst kassieren.

Manche Ihrer Kunden sehen das anders. Sie stellen sich sogar absichtlich bei den Kassiererinnen an, weil sie glauben, dass sie damit deren Arbeitsplätze sichern.

Dirk Roßmann: Bei uns sind eines Tages vielleicht 5 Prozent aller Kassen SB-Kassen. Die Gefahr kommt eher aus einer anderen Richtung. Amazon betreibt in den USA bereits Läden ganz ohne Kassen. Am Eingang wird das Smartphone gescannt, und dann zeichnen Kameras auf, welche Produkte man mitnimmt. Wenn sich das durchsetzt, würde das viele Tausend Arbeitsplätze kosten.

Würden Sie solche Technik auch einsetzen?

Dirk Roßmann: Wir beobachten das nur, treiben es aber nicht voran.

Raoul Roßmann: Der entscheidende Punkt ist doch, dass wir zurzeit in vielen Regionen ohne Ende Mitarbeiter suchen und die Stellen nicht besetzen können.

Was tun Sie denn, um Leute zu finden?

Raoul Roßmann: Wir machen kluges Personalmarketing. Aber das machen andere auch.

Dirk Roßmann: Das geht auch über Geld. Wir zahlen nach Tarif, und wir haben obendrein in den letzten vier Jahren 50 Millionen Euro extra an unsere Mitarbeiter ausgeschüttet, zum Beispiel in Form von Einkaufsgutscheinen. In bestimmten Städten bieten wir übertarifliche Löhne. In München kann man mit einem normalen Gehalt kaum noch leben.

Sie entlohnen nach Tarif, sind aber nicht Mitglied im Handelsverband und damit rechtlich nicht an den Tarifvertrag gebunden. Warum nicht, wenn Sie ohnehin nach Tarif zahlen?

Dirk Roßmann: Das kann man kritisieren. Es gibt Argumente für eine Mitgliedschaft, aber auch dagegen. Vielleicht ist das auch so eine Familiensache. Wir werden lieber selbst aktiv, wenn wir eine Ungerechtigkeit sehen. Wir delegieren das nicht gern an Verbände. Ich finde es zum Beispiel toll, wie Raoul sich in Sachen Amazon einsetzt.

Sie meinen Ihre Kampagne gegen unfairen Wettbewerb durch Plattformbetreiber wie Amazon. Sie haben sich deshalb bereits bei der Bundesregierung beschwert. Was genau stört Sie an Amazon, Raoul Roßmann?

Raoul Roßmann: Es geht darum, dass zahlreiche Händler über Amazon Produkte verkaufen, die in Deutschland nicht verkehrsfähig sind. Wir reden nicht von ein paar falschen Angaben auf der Verpackung, sondern von gesundheitsschädlicher Kosmetik. Amazon übernimmt dafür keine Verantwortung. Und die Politik nimmt Amazon nicht in die Pflicht. Das muss sich ändern. Amazon muss den Verbraucherschutz gewährleisten, den wir stationäre Händler auch gewährleisten.

Dirk Roßmann: Es ist ganz einfach. Wir stationären Händler werden kontrolliert – der Onlinegigant nicht. Es müssen für alle die gleichen Spielregeln gelten. Da kann es nicht sein, dass online Produkte zu kaufen sind wie explodierende Handys oder verkeimtes Haarwasser aus China.

Muss Amazon dafür wirklich geradestehen? Amazon ist in diesem Fall ja nicht der Verkäufer, nur der Vermittler. Wenn mir jemand auf Ebay ein kaputtes Fahrrad verkauft, beschwere ich mich ja auch bei ihm – und nicht bei Ebay.  

Raoul Roßmann: Bei Ebay sind es meist deutsche Verkäufer, die hier greifbar sind. Ebay sorgt auch dafür, dass man mit Reklamationen etwas erreicht. Die Marktplatz-Anbieter bei Amazon sitzen häufig in China und sind nicht greifbar. Und natürlich sprechen wir hier von gewerbsmäßigem Handel und nicht von Privatverkäufern.

Sind Sie zufrieden mit den Reaktionen der Politik?

Raoul Roßmann: Die Bundesregierung hat das Thema relativ einfach erledigt, indem sie gesagt hat, für die Kontrollen seien die Bundesländer zuständig. Wir weisen aber gerade nach, dass diese Kontrollen gar nicht stattfinden. Die Behörden können die Händler im Ausland nicht greifen. Und der Umfang ist viel zu groß. Wir werden uns also wieder an die Bundesregierung wenden.

Sie haben Amazon vor Kurzem auch in einer TV-Dokumentation der ARD kritisiert. Warum greifen Sie den Konzern nun auch noch öffentlich an? 

Raoul Roßmann: Man kann solche Themen nur am Leben erhalten, wenn man sich permanent einsetzt. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Haben Sie das vorher untereinander besprochen?

Dirk Roßmann: Das war nicht nötig. Wir sind zu 100 Prozent auf einer Linie. Ich bin froh, dass mein Sohn so viel Power da reinsteckt. Ich bin ganz begeistert von Raoul. Die Roßmanns sind Leute, die mischen sich ein, und machen den Mund auf.

Amazon vereint schätzungsweise 50 Prozent des Online-Handels in Deutschland auf sich. Kann es nicht sein, dass Sie das Unternehmen noch einmal als Partner brauchen werden?

Raoul Roßmann: Wir weisen auf einen Missstand hin. Ich bin nicht bereit, aus betriebswirtschaftlichen Gründen diesen Missstand zu akzeptieren. Da bleibt mir keine andere Wahl als zu handeln. 

Zur Person: Dirk und Raoul Roßmann

Dirk Roßmann (72) ist der Gründer der Drogeriemarktkette Rossmann. Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm er die Verantwortung für das kleine Geschäft der Familie an der Lortzingstraße in Hannover. 1972 eröffnete er in der Nähe den ersten Drogeriediscounter Deutschlands.

Heute gehören fast 4000 Filialen in Deutschland, Osteuropa und der Türkei zu dem Unternehmen. In der Erfolgsgeschichte gab es aber auch Brüche: 1996 stand die Kette vor der Insolvenz, privat hatte sich Dirk Roßmann an der Börse verspekuliert, und im gleichen Jahr erlitt er einen Herzinfarkt. „Von da an habe ich alles auf null gestellt und versucht, die Firma zu retten“, sagte er einmal.

Mittlerweile teilt er sich die Verantwortung mit seinen beiden Söhnen Raoul und Daniel. An den Ruhestand denkt er jedoch nicht: „In der Firma gibt es genug Arbeit für mich“, sagt er. Raoul Roßmann (33) kümmert sich in erster Linie um den Einkauf, das Marketing und das Onlinegeschäft. Er hat in Hannover und London Betriebswirtschaft studiert. 2015 holte sein Vater ihn in die Geschäftsführung. „Führung lernt man nicht in der Schule oder an der Uni“, sagte er vor zwei Jahren. Er habe Glück gehabt, dass ehrliche Gesprächspartner ihm bei der Weiterentwicklung geholfen hätten.

Von Christian Wölbert

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