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Weltweit „Natürlich ist die E-Mobilität eine Wette“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit „Natürlich ist die E-Mobilität eine Wette“
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00:19 01.04.2019
VWN-Chef Thomas Sedran will das Unternehmen neu ausrichten. Quelle: HENNING SCHEFFEN PHOTOGRAPHY
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Hannover

Volkswagen Nutzfahrzeuge soll sich vom reinen Autohersteller zum Mobiltätsdienstleister wandeln. Im Interview erklärt Marken-Chef Thomas Sedran, wie die Zusammenarbeit mit dem Partner Ford läuft, wie hoch er die Risiken beim Umstieg auf die Elektromobilität einschätzt und wie aus dem Fahrdienst Moia ein Geschäft werden soll.

Ihr Vorgänger Eckard Scholz hat die Brocken hingeschmissen, weil ihm die Konzernzentrale in Wolfsburg zu wenig Freiheiten gelassen hat. Wie kurz ist die Leine, an der Vorstandschef Herbert Diess Sie führt, Herr Sedran?

Zwischen Herrn Diess und mir gibt es ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis. Das kann man auch daran sehen, dass wir in Hannover mit der konzernweiten Entwicklung des autonomen Fahrens betraut worden sind – dabei geht es um ein dreistelliges Millionenbudget im Jahr. Natürlich wird in der Planungsrunde hart verhandelt. Aber Jammern gilt nicht: Man muss für seine Ziele kämpfen – und am Ende gemeinsam zu einer guten Lösung kommen.

Zuletzt ging ein wichtiger Kampf verloren: Die neue Transporter-Generation T7 muss ohne eine komplett batteriegetriebene Variante auskommen. Erst vor wenigen Monaten haben Sie der Belegschaft das Modell vertraglich garantiert. Ist das auch eine persönliche Niederlage?

Ich hätte den T7 gern auch als rein elektrisches Fahrzeug gehabt, keine Frage. Man muss aber sehen, dass dieses Fahrzeug in die Planung genommen wurde, als vom Elektro-Bulli ID.BUZZ noch nicht konkret die Rede war. Als Auto mit reinem Batteriebetrieb hätten wir vom T7 im Schnitt etwa 10.000 Stück pro Jahr gebaut. Da ist es schon nachvollziehbar, dass das Unternehmen die knappen Ressourcen lieber nutzt, um ein Modell mit einem Volumen von vielleicht 100.000 Einheiten zu entwickeln.

Aber diese Logik hätte doch auch schon im Herbst greifen können, oder?

Ich gebe offen zu, dass wir uns an dieser Stelle eine andere Entscheidung des Konzerns gewünscht hätten. Das habe ich auf der letzten Betriebsversammlung auch so zum Ausdruck gebracht.

Das ist Thomas Sedran

Thomas Sedran kam im November 2015 zu Volkswagen – zunächst als Chef der Konzernstrategie. Der 54-Jährige kennt das Unternehmen und die Autobranche schon länger: In seiner Zeit bei der Unternehmensberatung Roland Berger betreute der Vertriebsexperte mehrere wichtige Projekte beim Kunden VW. Von 2012 bis 2015 war der promovierte Ökonom bei Opel – als kommissarischer Chef musste er die Schließung des Werk Bochum einleiten – „der schlimmste Tag meines Berufslebens“, wie er sagt. Schon 2015 verließ Sedran den General-Motors-Konzern wieder und kehrte in die Beratung zurück – diesmal zu Accenture. Zu VW holte ihn der damals frisch gekürte Vorstandschef Matthias Müller, auf den Sedran große Stücke hält. Am Job des Strategiechefs hing er zuletzt allerdings nicht mehr: Als Eckhard Scholz bei VW Nutzfahrzeuge nicht mehr wollte, soll Sedran von sich aus den Arm gehoben haben.

Neben den Werken in Emden und Zwickau soll der Standort Hannover ein Zentrum für die Elektromobilität werden. Gibt es eigentlich einen Plan B für den Fall, dass die Kunden nicht so viele E-Autos kaufen wie gewünscht?

Natürlich kann derzeit niemand in der Branche mit absoluter Gewissheit sagen, wann genau und in welchem Umfang E-Mobilität von den Kunden angenommen wird. Aber es wird kommen. Natürlich ist das eine Wette. Analysen haben uns gezeigt, dass wir die international vereinbarten Klimaschutzziele für unsere Fahrzeuge anders nicht erreichen können. Und wenn ich beispielsweise auf unseren ID BUZZ schaue, bin ich auch völlig entspannt. Der Elektro-Bulli ist für mich das Sinnbild für die Zukunft der Marke: Extrem nützlich, extrem innovativ und zugleich extrem sexy! Das Platzangebot entspricht dem des heutigen T6, er ist aber 40 Zentimeter kürzer – damit finden Sie in der Stadt deutlich besser eine Parklücke.

Wer ein Nutzfahrzeug kauft, dem ist der Sex-Appeal meist weniger wichtig. Die Partnerschaft mit Ford soll auch die Kosten in der Produktion senken. Sind Sie da auf einem guten Wege?

Die Gespräche laufen sehr gut. Beide Seiten wollen, dass es funktioniert. Nur ein Beispiel: Wir bieten unseren Kunden insgesamt mehr als 250 verschiedene Motor- und Getriebevarianten an – von manchen Modellen verkaufen wir weniger als 500 Stück. Wenn wir zusammen mit Ford die doppelte Anzahl vermarkten können, werden wir ein breiteres Portfolio anbieten und senken gleichzeitig die Entwicklungs- und Produktionskosten. Gerade für die Gewerbekunden sind unsere Autos Werkzeuge, über den Kauf entscheiden die Kosten pro Kilometer.

Sie wollen VWN von einem reinen Autohersteller zum Mobilitätsanbieter entwickeln. Das scheint ein weiter Weg zu sein – in Hannover ist der Moia-Fahrdienst oft ohne zahlende Gäste unterwegs...

Wir sind mit Moia jetzt seit zehn Monaten operativ auf der Straße und sammeln wichtige Erfahrungen. Damit ein solcher Dienst nennenswert Umsätze und Gewinn erwirtschaftet, braucht es eine andere Größe und andere Kundenzahlen. Wir machen jetzt den nächsten Schritt und starten mit Moia Mitte April auch in Hamburg. Dort kommen 500 vollelektrische Shuttle-Busse auf der Basis des Crafter zum Einsatz, die extrem komfortabel sind. Richtig spannend wird es, wenn wir einen Dienst wie Moia irgendwann ohne Fahrer anbieten können – mit vollautonomen Robo-Taxis.

Und wann soll aus dem Experiment mal ein Geschäft werden?

Das hängt unter anderem davon ab, wie schnell solche Robo-Taxis kommen. Technisch wäre das vermutlich in zwei bis drei Jahren möglich, aber der Gesetzgeber muss das auch erlauben. Moia ist eine Investition in die Zukunft: Wir gewinnen wichtige Erkenntnisse über die Wünsche der Kunden und können daraus Schlüsse für die betrieblichen Abläufe ziehen. Richtig gut funktioniert Moia übrigens heute schon für Menschen, die am Wochenende auf ihr Auto verzichten wollen. Für den Weg ins Kino, ins Restaurant, in den Club. Von Donnerstag 17 Uhr bis Sonntagmorgen 3 Uhr sind die Moia-Busse gut gefüllt.

Interview: Jens Heitmann

Von Jens Heitmann

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