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Weltweit Landesapothekerkammer-Präsidentin Linz hört auf – nach 19 Jahren
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Landesapothekerkammer-Präsidentin Linz hört auf – nach 19 Jahren
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00:22 28.06.2019
Den Begriff „Lobbyistin“ hat sie nie als Schimpfwort verstanden. Magdalene Linz gibt den Posten als Apothekerpräsidentin ab. In ihrer Delfin Apotheke an der Lister Meile in Hannover will sie kürzertreten. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Apotheker genießen bei Magdalene Linz kein hohes Ansehen – damals, unmittelbar nach dem Abitur. Mit einem Architekten als Vater denkt sie eher an ein Studium der Kunstgeschichte, auch etwas mit Sprachen erscheint ihr reizvoll. „Ein akademischer Schubladenzieher wollte ich jedenfalls nicht werden“, erinnert sich die heute 65-Jährige. Dass sie dann doch auf Pharmazie umschwenkt, liegt an einem Onkel: Er ist mit einem Apotheker befreundet und bringt ihre Vorurteile ins Wanken: „In der Rückschau muss man sagen – der Köder saß.“

Mit Zahlen kann die Studentin gut umgehen, im Bereich Chemie hingegen muss sie „heftig nachlernen“. Um so größer ist die Enttäuschung, als die angehende Pharmazeutin nach der Anstrengung ihr erstes Praktikum absolviert: „Apotheker galten damals lediglich als Erfüllungsgehilfen des Arztes.“ Die Kunden nehmen die Beratung zwar dankbar an, aber die Anerkennung als eigenständiger Beruf im medizinischen Betrieb lässt zu wünschen übrig. „Dabei sind oft wir es, die Patienten vor riskanten Wechselwirkungen von Medikamenten bewahren.“

Doch nicht die Unzufriedenheit mit dem Image der Branche treibt die junge Apothekerin in die Berufspolitik – es sind vor allem fehlende Sitzgelegenheiten. Mitte der Siebzigerjahre müssen Beschäftigte in den Apotheken ihre Arbeitstage im Wortsinne durchstehen, Stühle gibt es dort nicht. Als angestellte Pharmazeutin macht Linz das in der Gewerkschaft zum Thema – und setzt mit dem nächsten Tarifvertrag Stühle für alle durch.

Das nötige Selbstbewusstsein und Verhandlungsgeschick bringt Linz von zu Hause mit: Wenn Vater und Tochter diskutierten, wurde schon mal das Essen kalt. In der Schule war sie Klassensprecherin, an der Universität Semestersprecherin – Lobbyismus in eigener Sache fällt ihr leicht: „Man muss das im Blut haben.“ So nimmt der Marsch durch die Institutionen seinen Lauf: Sie wird in die Kammerversammlung der niedersächsischen Apotheker gewählt – und setzt dort hochschwanger als erstes ein Rauchverbot während der Sitzungen durch. Mit 34 Jahren zieht Linz in den Vorstand ein.

Im Jahr 2000 wird Linz als erste Frau in Deutschland zur Präsidentin einer Landesapothekenkammer gewählt. Mit 7000 Mitgliedern und rund 1900 Betriebsstätten zählt Niedersachsen die viertmeisten Apotheken in der Bundesrepublik. Nur fünf Jahre später rückt Linz auch an die Spitze der Bundesapothekerkammer – aber nicht um der Karriere willen, wie sie betont: „Meine Vision war, dass Apotheker im Gesundheitssystem einen anderen Stellenwert bekommen müssen.“

Kurz vor ihrem Amtsantritt hat sich die damalige rot-grüne Koalition mit der Union auf eine umfassende Gesundheitsreform verständigt – ab 2004 können die Kunden Arzneien über den Versandhandel beziehen, und Apotheker dürfen fortan bis zu drei zusätzliche Filialen eröffnen. „Das war der Startschuss für den Wettbewerb“, sagt Linz. „Damit wurden viele Festungen geschleift.“

Sie selbst schleift mit: Neben ihrer Delfin-Apotheke an der Lister Meile übernimmt Linz die Leibniz Apotheke an der Georgstraße. Letztlich habe der Wettbewerb ihrer Zunft gut getan, findet sie heute – die Kunden dankten die stärke Zuwendung mit der Treue zu „ihrer“ Apotheke. Nach ihrem Abschied aus der Kammer will Linz wieder häufiger hinter dem Tresen stehen, aber nur noch drei Tage in der Woche. Ihre Tochter steigt ins Geschäft ein und soll nach und nach den Betrieb übernehmen: „Ich kann auch loslassen.“ Am Mittwoch entscheidet die Kammer über ihre Nachfolge.

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Von Jens Heitmann

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