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Weltweit Der Rübenanbau lohnt sich kaum noch
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Der Rübenanbau lohnt sich kaum noch
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18:36 20.12.2018
„Die Pachten haben sich verdoppelt“: Friedrich Rodewald (li.) und Hans-Heinrich Voigts. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Wenn im März einsame Gestalten mit langen Stangen über die Felder ziehen, muss die Polizei in Barsinghausen nicht mit alarmierten Anrufern rechnen – die Anrainer kennen das schon: Die Männer suchen keine verborgenen Schätze, sie messen nur den Stickstoff im Boden. Früher habe man nur nach sogenannten Faustzahlen gedüngt, sagt Friedrich Rodewald. „Da galt der Grundsatz: Die Rübe kippt schon nicht um.“

Für die einzelne Pflanze mag diese Gewissheit auch heute noch gelten – für den Anbau insgesamt eher nicht. Als Rodewald Anfang der Achtzigerjahre den Hof seines Schwiegervaters in Göxe übernahm, wurde der Rübe noch „als Königin der Feldfrüchte“ gehuldigt: Damals warf ein Hektar Rüben soviel Gewinn ab wie zwei Hektar Getreide. „Heute macht das keinen Unterschied mehr“, sagt der 64-Jährige. Früher betrugen die Einnahmen pro Hektar 3000 Euro – heute ist es ein Drittel weniger. Auch deshalb will keine seiner vier Töchter den elterlichen Betrieb weiterführen.

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Nach dem Auslaufen der Zuckermarktordnung vor einem Jahr ist es mit Mengenquoten und Mindestpreisen vorbei – alle dürfen so viele Rüben pflanzen, wie sie wollen, über den Preis entscheidet das freie Spiel von Angebot und Nachfrage. Im Prinzip zumindest: In der Praxis bestimmen die Zuckerhersteller die Größe der Anbauflächen und die Höhe des Rübengeldes. Die meisten Bauern in Niedersachsen haben keine Wahl: Sie können ihre Rüben nur an Nordzucker verkaufen – zu dem Preis, der in Braunschweig mit Blick auf die Vermarktungsmöglichkeiten in der EU geboten wird. Oder sie müssen auf alternative Früchte wie Raps, Mais oder Getreide oder Sonderfrüchte umsteigen.

Nordzucker baut Stellen ab

Der heftige Wettbewerb um Marktanteile hat die Zuckerpreise ins Bodenlose fallen lassen: In der Europäischen Union ging es seit Oktober 2017 um mehr als 140 Euro je Tonne bergab. Aktuell liegt der Preis mit knapp 350 Euro auf dem niedrigsten Niveau seit zwölf Jahren. „Zu diesen Preisen kann vermutlich überhaupt niemand auf Dauer Zucker produzieren – weder aus Rohr noch aus der Rübe“, sagt Nordzucker-Chef Lars Gorissen. Das Unternehmen rechnet für die nächsten Jahre mit roten Zahlen, für 2018 wird operativ ein Verlust von 40 Millionen Euro erwartet.

Das hat Konsequenzen: Der Konzern will die Kosten um 40 Millionen Euro senken, die Hälfte davon soll über einen Stellenabbau in der Zentrale in Braunschweig (aktuell 240 Mitarbeiter) und bei Nordic Sugar in Kopenhagen (100 Mitarbeiter) erzielt werden. Wie viele Arbeitsplätze wegfallen, ist noch offen. „Wir bieten ein Freiwilligenprogramm an“, sagt eine Nordzucker-Sprecherin. „Interessierte Mitarbeiter können eine Vereinbarung über die Aufhebung ihres Arbeitsvertrags schließen.“ Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. „Wir machen uns für eine sozialverträgliche Lösung stark“, sagt eine NGG-Sprecherin.

Die Schuld für die Misere schieben sich die Akteure gegenseitig zu: Die hiesige Zuckerindustrie zeigt mit dem Finger auf „handelsverzerrende“ Subventionen in Thailand, Indien und Pakistan – die EU-Kommission verweist auf die Ausweitung der Anbauflächen vor der eigenen Haustür um ein Fünftel innerhalb der vergangenen drei Jahre. Für die Bauern ist dieser Streit ohne Bedeutung: Sie wissen schon jetzt, dass auch die nächste Ernte keine besseren Preise bringen wird – die große Mehrheit der Nordzucker-Lieferanten hat längerfristige Verträge geschlossen.

„Wir verarbeiten Rosinen“

Die Hoffnung ruhe daher vornehmlich auf dem Wetter, heißt es beim Landvolk. Wegen der Trockenheit in diesem Sommer ist die Ernte insgesamt unterdurchschnittlich ausgefallen – auch wenn es regional große Unterschiede gibt. „Zum Teil verarbeiten wir praktisch Rosinen“, sagt Nordzucker-Vorstand Axel Aumüller. Der zu erwartende hohe Zuckergehalt könne dabei die Einbußen nicht auffangen, die aus der geringeren Menge resultieren.

„Jeder landwirtschaftliche Unternehmer muss für sich selbst entscheiden, ob die Zuckerrübe zukünftig in seine betriebliche Fruchtfolge passt“, heißt es beim Dachverband Norddeutscher Zuckerrübenanbauer. Aktuell sehe die Rechnung in etwa so aus, sagt Rodewald: Ein Bauer müsse für eine Tonne Rüben mindestens einen Preis von 27 Euro je Tonne erzielen – sonst rechnet sich für sie eher der Anbau von Winterraps. Aktuell liegt der Preis bei 22 Euro bei 16 Prozent Zuckergehalt.

Der Dachverband bemüht sich derweil um Gelassenheit: Schwankende Preise seien für Landwirte nichts Ungewöhnliches – es werde auch wieder aufwärts gehen, heißt es: „Die Anbauer müssen die Kosten im Auge behalten und ihre Erträge weiter optimieren.“ In Göxe betrachtet man diese Mahnung als unnötig. „Die Bauern sind heute viel besser ausgebildet“, sagte Rodewald.

Bodenproben vor dem Düngen dienen ebenso der Effizienz wie die gemeinsame Anschaffung von Rübenrodern. Anders wäre der Anbau schon länger nicht mehr wirtschaftlich, sagt der frühere Vorsitzende des Zuckerrübenaktionärsvereins, Hans-Heinrich Voigts: „Die Pachten für das Land haben sich über die Jahre verdoppelt, die Kosten für die Maschinen sind sogar um das Vierfache gestiegen.“

Von Jens Heitmann