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Weltweit „Von der Überholspur auf die Kriechspur“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit „Von der Überholspur auf die Kriechspur“
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15:29 08.03.2019
Zwei Männer arbeiten in einer Produktionshalle eines Herstellers von Mittel- und Hochspannungsmaschinen.
Zwei Männer arbeiten in einer Produktionshalle eines Herstellers von Mittel- und Hochspannungsmaschinen. Quelle: dpa
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Hannover

Die Stimmung in der niedersächsischen Industrie hat sich spürbar verschlechtert. Laut einer aktuellen Umfrage des Arbeitgeberverbandes Niedersachsen-Metall unter rund 900 Mitgliedsunternehmen wachsen die Sorgen mit Blick auf die unsichere Zukunft der Autobranche. „Das führt zu extremer Zurückhaltung und wachsendem Pessimismus“, sagte Hauptgeschäftsführer Volker Schmidt am Freitag in Hannover. „Die niedersächsische Industrie ist in großen Teilen von der Überholspur auf die Kriechspur gewechselt.“

Im Maschinenbau, in großen Teilen der Elektroindustrie, bei den Autoherstellern und ihren Zulieferer bis hin zum Bereich der industrienahen Dienstleistungen seien die Prognosen für die kommenden Quartale zuletzt von Monat zu Monat nach unten korrigiert worden. Die Zahl der Unternehmen, die für das laufende Jahr schrumpfende Auftragseingänge erwarten, habe sich in den vergangenen drei Monaten von 27 auf 40 Prozent erhöht.

Angesichts des Wandels in der Autoindustrie vom Verbrennungs- zum Elektromotor und der zunehmenden digitalen Vernetzung der Fahrzeuge wüchsen in der stark mittelständisch geprägten niedersächsischen Zuliefererindustrie die Zweifel an der Fortexistenz bisheriger Geschäftsmodelle, sagte Schmidt. „Über 80 Prozent der Betriebe in der Autobranche sehen derzeit keinen Anlass, die Produktionskapazitäten aufzustocken.“ Von den Turbulenzen im Automobilsektor gehe somit „eine hohe Ansteckungsgefahr für die Industrie insgesamt aus“. Die Zahl der Unternehmen, die in 2019 weniger Geld in die Erneuerung ihrer Produktion stecken wollen als im Vorjahr, ist laut Umfrage innerhalb von drei Monaten von 21 auf 25 Prozent gestiegen.

Im Maschinenbau selbst und auch in der Elektroindustrie sehen die Perspektiven noch besser aus. Zahlreiche Unternehmen säßen im ersten Halbjahr 2019 noch auf einem guten bis befriedigende Auftragspolster, hieß es. Aber selbst diese Firmen hielten sich bei Investitionen und bei Einstellungen zurück. Im November waren noch 24 Prozent der Unternehmen zum Aufbau ihrer Belegschaft bereit – aktuell sind es noch 21 Prozent. Mehr als jeder vierte Betrieb will inzwischen Stellen streichen, im Herbst war es nur jeder fünfte. Bemerkenswert sei, dass erstmals seit fünf Jahren selbst große Unternehmen frei werdende Arbeitsplätze nicht sofort wieder besetzten, sagte Schmidt.

Zugleich bleibe der Fachkräftemangel aber ein Thema, hieß es. Jeder vierte kleinere, mittelständische Betrieb klage fortgesetzt über Produktionsengpässe aufgrund fehlender Spezialisten. Vor allem fehlten Fachleute, um die Digitalisierung der Produktionsprozesse sachkundig zu beurteilen, voranzutreiben und anzuwenden. Das sei eine Erklärung dafür, dass drei Viertel der befragten Industriebetriebe beim digitalen Reifegrad nach eigener Einschätzung deutlich hinterher hinkten, sagte Schmidt.

Von Jens Heitmann