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Weltweit Flatrate für Rechtsberatung: Diese Hannoveraner sind Internet-Pioniere
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Flatrate für Rechtsberatung: Diese Hannoveraner sind Internet-Pioniere
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11:00 08.10.2019
„Unsere Mandanten sollen keine Bittsteller sein“: Die Legal-Tech-Unternehmer Michael Friedmann (rechts), Arne Schinkel (links) und Michael Hoder. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Die laut Eigenwerbung „moderne Anwaltskanzlei des 21. Jahrhunderts“ würden Juristen eher in einem Hochhaus im Frankfurter Bankenviertel vermuten oder unter dem Dach eines hippen Lofts in Berlin – wohl kaum in Hannover oder gar im Stadtteil Linden. Die Geschäftsadresse Schwarzer Bär eignet sich nicht für angeberische Visitenkarten, zur Einstellung der Macher dahinter aber passt sie. „Unsere Mandanten sollen keine Bittsteller sein“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter, Michael Friedmann. „Wir bieten Beratung auf Augenhöhe.“

Eine Kanzlei ist „Prime Rechtsanwälte“ nur dem Namen nach – für die Inhaber fungiert sie als eine Art Labor, um die Leistungsfähigkeit des digitalen Angebots zu optimieren. „Wir sind die Pioniere des Legal-Tech“, sagt Friedmann. Das Schlagwort steht für Software und Onlinedienste, die juristische Arbeitsprozesse unterstützen.

Mit 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de haben Friedmann und seine drei Mitgesellschafter die beiden größten deutschen Plattformen für Rechtsberatung im Internet geschaffen. Sie ziehen monatlich 2,3 Millionen Besucher an. Das Wachstum betrage durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr, heißt es.

Startkapital von der Volksbank

Wirtschaftlich ist der Erfolg hingegen noch bescheiden. Im laufenden Jahr soll der Umsatz der Muttergesellschaft QNC, die insgesamt 18 Mitarbeiter beschäftigt, erstmals die Marke von einer Million Euro erreichen – fast zwei Jahrzehnte nach Gründung der Firma. Das Geldverdienen habe von Anfang an nicht im Mittelpunkt gestanden: „Wir hatten damals keinen Businessplan – wir wollten Hemmschwellen abbauen und die rechtlichen Probleme der Ratsuchenden lösen“, sagt Arne Schinkel, einer der vier Mitgründer.

Heute stehen Investoren oftmals Schlange, wenn Start-ups etablierte Branchen aufmischen – die Firmengründer aus Linden hatten im Jahr 2000 nur einen Kredit der Volksbank über 50 000 Euro. Auch sonst hätte das Umfeld besser sein können: Als 123recht.net als Diskussionsforum und Ratgeber online ging, war gerade die Dotcom-Blase an der Börse geplatzt. Ihr Geld verdienten die Gründer in dieser Zeit mit der Gestaltung von Internetauftritten anderer Freiberufler und Firmen. Doch anders als viele Hoffnungsträger am Neuen Markt überlebte die zunächst wenig ausgefeilte Geschäftsidee – schnell besuchten mehr als 100 000 Nutzer im Monat die Internetseite. „Wenn ein Produkt sinnvoll ist, wollen die Menschen das auch haben“, sagt Friedmann.

In der Anwaltschaft hingegen hielt sich die Begeisterung anfangs in engen Grenzen. Kollegen witterten Konkurrenz und sahen sich in ihrem Verdacht bestätigt, als im Jahr 2004 die Seite Frag- einen-Anwalt.de an den Start ging.

Mandanten können eine Flatrate buchen

Hier können die Mandanten selbst bestimmen, wie viel ihnen eine professionelle Antwort wert ist. Heute starten die Gebote ab 25 Euro – wer viele Fragen hat, kann für 80 Euro monatlich eine Flatrate buchen. Rückmeldungen kommen im Schnitt nach zwei Stunden, ausführliche Antworten können länger dauern. Anwälte aus dem gesamten Bundesgebiet finden ihren Weg auf diese Plattform.

Nimmt ein Anwalt das Angebot des Klienten an, kommt ein Rechtsberatungsvertrag zu den vorgeschlagenen Anwaltskosten zustande. Findet sich auf Anhieb kein Anwalt, können die Kunden entscheiden, ob sie ihr Angebot erhöhen oder noch abwarten wollen. Meist gehe es auf Frag-einen-Anwalt.de um außergerichtliche Beratungen, sagt Friedmann.

„Skepsis der Rechtsanwälte ist geschwunden“

Für eine erste Beratung dürfe die Gebühr nicht höher sein als 226,10 Euro (190 Euro plus Steuern). Anwalt und Mandant könnten aber auch weniger vereinbaren – das sei bei Erstberatungen meist der Fall, heißt es. Das Spektrum der Fragen ist breit: Mieter suchen etwa Rat bei Kündigungen, Erben fragen nach Details bei Schenkungen, selbst bei Scheidungen suchen Klienten inzwischen auch online nach erster Hilfe.

„Die Skepsis der Rechtsanwälte ist geschwunden“, sagt Friedmann. „Sie haben gemerkt, dass wir ihnen eine ganz neue Mandantenschicht bringen.“ Mit anderen Worten: Der Kuchen wird insgesamt größer, nicht kleiner. Viele Fragesteller seien zuvor noch nie bei einem Anwalt gewesen – vor allem wegen der Kosten. Selbst unterhalb der Schwelle von 100 Euro wäge diese Klientel ab, ob es für sie günstiger sei, mit der Rechtsunsicherheit zu leben. Für die eingebundenen Anwälte wird es interessant, wenn die Aufträge im Verlauf der Beratung umfangreicher werden.

Watson hilft bei der Beratung

Die Basis für die schnelle Rechtsberatung bildet inzwischen Watson – ein vom US-Konzern IBM entwickeltes Computerprogramm aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz. Die Software analysiert bereits beantwortete Fragen und schlägt den Anwälten entsprechende Antworten vor. Zudem lernt Watson mit der Hilfe aus Hannover dazu: Der Algorithmus wird auf sprachliche Zusammenhänge und das Erkennen von Rechtsfeldern geschult. In 60 Prozent der Fälle könne das System schon heute die richtigen Antworten geben – und die Quote steige, heißt es.

Das Etikett von der „modernen Anwaltskanzlei des 21. Jahrhunderts“ finden die Inhaber deshalb nicht überzogen. „Die mehr als 180 000 Datensätze aus den vergangenen 19 Jahren machen unser Angebot einzigartig“, sagt Friedmann.

Bundesgerichtshof entscheidet über Geschäftsmodell

Internetportale für juristischeDienstleistungen bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone: Das Rechtsdienstleistungsgesetz erlaubt eine außergerichtliche Beratung nur in Ausnahmefällen. Anwälte dürfen natürlich auch online tätig sein. Eine Alternative ist die Registrierung als Inkassounternehmen. Dann dürfen sogenannte Legal-Tech-Anbieter auch auf der Basis von Erfolgshonoraren arbeiten. Nach diesem Prinzip operieren Portale wie Flightright.de, Hartz4widerspruch.de oder wenigermiete.de: Geht der Kunde leer aus, bekommen auch die Betreiber nichts. Das Geschäftsmodell von wenigermiete.de, bei dem Mieter unter anderem überprüfen lassen können, ob ihr Vermieter gegen die Mietpreisbremse verstößt, soll am 16. Oktober den Bundesgerichtshof beschäftigen. Es geht um die Frage, ob das Berliner Portal sich mögliche Ansprüche von Mietern abtreten lassen darf.

Von Jens Heitmann

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