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Weltweit Illegale Preisabsprache bei Schweinefleisch?
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Illegale Preisabsprache bei Schweinefleisch?
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00:20 16.04.2014
Viele Bauern sind aus der Schweinehaltung ausgestiegen, weil ihnen notwenige Stallumbauten aufgrund strengerer Haltungsvorschriften zu teuer sind. Quelle: Jens Büttner
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Hannover

Wegen des möglichen Verstoßes gegen den Wettbewerb haben die Landvolkverbände Emsland, Cloppenburg und Oldenburg das Bundeskartellamt in einem Brief aufgefordert, der der HAZ vorliegt, diesem Verdacht nachzugehen.
Auffällig sei, dass die Schlachthöfe ihre sogenannten Hauspreise „stets im Gleichklang anheben oder senken“, heißt es darin. Nach den Beobachtungen des Landvolks prescht ein Unternehmen mit einem Preis vor. Innerhalb einer Stunde würden dann die anderen Schlachthöfe „genau diesen Preis“ bestätigen. Den Bauern würden dadurch Verluste von rund 5 Euro je Schwein und mehr entstehen.

Auch die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), die rund 11 000 der knapp 28 000 Betriebe, vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, vertritt, hat solche „Auffälligkeiten“ festgestellt. Gängige Praxis sei, dass die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften, die für die Landwirte die Schweine bei den Schlachtunternehmen vermarktet, einmal wöchentlich eine Preisnotierung als Orientierung herausgebe. Oft gäben die Konzerne kurz darauf ihren Hauspreis bekannt, der deutlich darunter liege. Man sei nun gespannt, ob das Kartellamt auf die Vorwürfe des Landvolks mit einer Untersuchung reagiere, erklärte eine ISN-Sprecherin.

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Das kann noch dauern. Das Kartellamt könne den Eingang einer konkreten Beschwerde bislang nicht bestätigen, sagte ein Sprecher der Behörde auf Anfrage.

Das Geschäft mit Schlachtschweinen wird hierzulande von wenigen großen Konzernen beherrscht. Nach ISN-Angaben kommen die vier größten Unternehmen – Tönnies, Vion, Westfleisch und der dänische Konzern Danish Crown – auf einen Marktanteil von fast 60 Prozent. Mit weitem Abstand vorn liegt demnach der Branchenprimus Tönnies, der 2013 allein bereits 25,5 Prozent des Marktes in der Hand hielt. Das entspreche rund 15 Millionen Schlachtschweinen.

Insgesamt wurden laut ISN im vergangenen Jahr knapp 59 Millionen Schweine geschlachtet und zu Wurst, Kotelett und sogenannten Convenience-Produkten (Fertiggerichten) verarbeitet, die den Unternehmen eine höhere Wertschöpfung und damit mehr Marge bringen.

Die Zeiten des Wachstums scheinen jedoch erst einmal vorbei zu sein. 2013 sei die Zahl der Schweineschlachtungen nur noch um 0,8 Prozent gestiegen, berichtete die ISN-Sprecherin. Viele Landwirte, vor allem kleinere Betriebe, hätten die Schweinemast aufgegeben, weil seit dem 1. Januar vergangenen Jahres strengere Haltungsvorschriften wie die Gruppenhaltung für Sauen in Kraft getreten seien. Außerdem seien schmalere Spaltenböden vorgeschrieben. Eine nötige Umrüstung der Ställe sei mit hohen Kosten verbunden, die viele kleinere Betriebe nicht mehr stemmen könnten. Und der Bau neuer Ställe ist wegen der Änderung des Baugesetzbuches fast unmöglich geworden, wie es hieß. Eine wesentliche Erhöhung der Schweinebestände sei daher nicht in Sicht, sagte ISN-Marktexperte Matthias Quaing.

Die Folge: ein Kampf um Marktanteile unter den Fleischfirmen. Deshalb investieren die Schlachtkonzerne in neue Geschäftsfelder. Tönnies etwa will in den Pharmamarkt einsteigen. Für 21 Millionen Euro baut Europas größter Schweinefleischvermarkter mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück eine Fabrik zur Herstellung des Blutgerinnungshemmers Heparin. Mitte dieses Jahres soll nach Angaben von Tönnies die Produktion starten.

Schweinehalter legen sich mit Meyer an

„Ideologische Schwarz-Weiß-Malerei“ wirft die ISN, die die Interessen der deutschen Schweinehalter vertritt, dem niedersächsischen Agrarminister Christian Meyer vor. Der Grünen-Politiker hatte jüngst einen Schweinehalter besucht, der Mitglied bei Neuland ist, einem Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung. Neuland-Betriebe verzichten freiwillig auf Schwanzkupieren und Ferkelkastration – Ziele, die Meyer mit seinem Tierschutzschutzplan in der gesamten Landwirtschaft Niedersachsens anstrebt. Deshalb lobte der Minister den Neuland-Betrieb als Beispiel dafür, dass „eine Verbesserung der Tierhaltung auch in der konventionellen Landwirtschaft möglich und machbar“ sei. Laut ISN ist es jedoch „fahrlässig“, aus den den 40 Neuland-Betrieben mit Schweinehaltung „allgemeingültige Vorgaben“ für alle 6400 Schweinemäster in Niedersachsen abzuleiten. Das Schwanzbeißen sei ein Problem, räumt die Lobby der Schweinehalter ein. Aber die Suche nach Lösungen, um auf das Kupieren der Schwänze zu verzichten, gestalte sich schwierig. Auch in Neuland-Betrieben sei Schwanzbeißen trotz anderer Haltungsanforderungen ein Thema. Kritisch sieht die ISN, dass der Minister trotzdem ab Ende 2016 ein Verbot des Schwanzkupierens plane.

von Carola Böse-Fischer

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