Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Rettung für ein großes altes Bankhaus
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Rettung für ein großes altes Bankhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 08.07.2019
Der Inbegriff der Finanzmetropole Frankfurt: Kann das Sanierungskonzept die dunklen Wolken über der Zentrale der Deutschen Bank im Bankenviertel vertreiben? Quelle: Foto: Arne Dedert/dpa
Frankfurt

Alarm im Frankfurter Bankenviertel: Vor dem Hauptquartier der Deutschen Bank stehen mehr als ein Dutzend Polizeifahrzeuge mit Blaulicht. 170 Beamte durchsuchen die Doppeltürme nach Beweisen für die Verstrickung von Deutschlands größter Privatbank in Geldwäschetransaktionen großen Stils.

Der große Showdown war Ende November, doch zur Ruhe kommt das einstige Renommierhaus der deutschen Geldbranche nicht. Geschäfte, wie sie die Fahnder auf den Plan riefen, haben den Konzern in eine Sinnkrise gestürzt: Welche Rolle will die Bank in Zukunft spielen? Welche Geschäfte bringen noch Gewinn? Was kann sie und was nicht? Und vor allem: Wie kann die Deutsche Bank dauerhaft überleben?

18 000 Stellen entfallen

Am Wochenende hatte der Aufsichtsrat die Frage auf dem Tisch. Dass es um alles oder nichts ging, zeigt die radikale Antwort, die er am Sonntag gegeben hat. Die Aussichten für das Traditionsunternehmen, das 2020 sein 150-jähriges Bestehen feiern will: Massenentlassungen stehen an, Topmanager gehen, das Geschäftsmodell wird umgekrempelt.

Rund 18 000 Stellen werden in den nächsten dreieinhalb Jahren gestrichen, vor allem im viele Jahre privilegierten Investmentbanking. Die Belegschaft schrumpft auf 74 000 Vollzeitstellen. Insgesamt werde der Umbau 7,4 Milliarden Euro kosten und schon für das zweite Quartal rote Zahlen bringen, teilte die Bank mit.

Das Institut will sich aus dem weltweiten Aktienhandel zurückziehen und den Handel mit Zinsprodukten „anpassen“. Gemeint sind damit vor allem Anleihen. Geplant ist außerdem eine „Abbaueinheit“ oder Bad Bank. Dorthin sollen Geschäfte für Verkauf oder Abwicklung geschoben werden. Ziel ist es, Aktivitäten mit erhöhten Risiken deutlich zurückzufahren.

Konzentration auf Kernbereiche

Die Bank will sich künftig auf die Kernbereiche konzentrieren, in denen sie „eine starke Marktposition“ habe. Zum Teil ist das eine Rückbesinnung auf alte Zeiten, bevor der Konzern auf das Investmentbanking setzte: Es geht um Geschäfte mit Unternehmen, Privatkunden und Fremdwährungen, um Finanzierungen, die Emission von Wertpapieren sowie die Vermögensverwaltung.

Zudem wird der Vorstand umgebaut. Privatkundenchef Frank Strauß und die für Regulierungsthemen zuständige Vorständin Sylvie Matherat müssen zum 31. Juli gehen, der Abschied von Investmentbanker Garth Ritchie war bereits am Freitag angekündigt worden. Die Privatkunden samt Vermögensverwaltung übernimmt Rechtsvorstand Karl von Rohr, der bisherige SAP-Vorstand Bernd Leukert soll vom 1. September an die Digitalisierung verantworten und die IT auf Vordermann bringen.

Opfer Nr. 1: Vorstandsmitglied Frank Strauß, Privatkundenchef Quelle: www.imago-images.de

Nach vielen Umbauten soll dies der Befreiungsschlag werden. Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, muss im Kalender um rund drei Jahrzehnte zurückblättern. Um in der globalen Königsklasse der Finanzindustrie mitzuspielen, hatte sich die Deutsche Bank 1989 die Londoner Investmentbank Morgan Grenfell und zehn Jahre später das US-Geldhaus Bankers Trust einverleibt.

Die Bank sprang mit dem Deal in die Weltspitze und war in nahezu allen Disziplinen aktiv. Vom Handel mit Rohstoffen, Aktien und Anleihen über Finanzierungen aller Art bis zu Hedgefondsgeschäften, bei denen es im Grunde um riskante Wetten ging.

Opfer Nr.2: Sylvie Matherat, für Regulierungsfragen zuständiges Vorstandsmitglied. Quelle: Jan Huebner/imago images

Aber: Die Relation von Größe und Erträgen stimmte nie. Schon vor 15 Jahren kündigte der damalige Chef Josef Ackermann deshalb massive Stellenstreichungen an – verbunden mit dem Ziel, eine Rendite von 25 Prozent auf das eingesetzte Kapital zu erwirtschaften. Das Frankfurter Unternehmen wäre damit eines der profitabelsten Geldhäuser weltweit geworden. Schon damals war klar: Die Marke kann nur erreicht werden, wenn das Investmentbanking im großen Stil expandiert – mit allen schwer kalkulierbaren Risiken.

Das 25-Prozent-Ziel hat die Deutsche Bank nie erreicht. Mit der Finanzkrise 2008 brach das Investmentbanking weitgehend zusammen. Davon hat sich die Bank bis heute nicht erholt. Ackermann lehnte damals die direkte Hilfe des Staats ab, weil man sie nicht nötig habe. In Wahrheit wollte er sich auch nicht ins Investmentbanking hineinreden lassen.

Opfer Nr.3: Investmentbanker und Vorstandsmitglied Garth Ritchie Quelle: www.imago-images.dew

Die Krise bedeutete, dass für Banken strengere Regelwerke eingeführt wurden – insbesondere für die Geschäfte in den USA, wo Präsident Barack Obama hart durchgriff. Die US-Rivalen erkannten schnell, was die Stunde geschlagen hatte, bauten ihre Investmentsparten zügig um, etablierten neue Kontrollinstrumente und installierten effiziente Werkzeuge zur Steuerung ihrer Geschäfte. Bei der Deutschen Bank wurde viel versäumt. Was auch Ermittlungen von zahlreichen Staatsanwaltschaften und Börsenaufsichten nach sich zog.

Seither befindet sich das Geldhaus praktisch permanent im Blaulichtmodus. Deshalb sind die Ereignisse vom November 2018 symptomatisch. Überall hängt das Unternehmen mit drin. Angefangen bei krummen Geschäften mit US-Hypotheken, die die Finanzkrise auslösten. Bis zur Geldwäsche, unter anderem mittels Tochterfirmen in Steueroasen, die ihren wohlhabenden Kunden halfen, Geld vor dem Fiskus zu verstecken. Die Finanzaufsicht Bafin hatte erst einige Wochen vor der Razzia einen speziellen Aufseher ernannt, der der Bank bei den Themen Geldwäsche und Terrorfinanzierung auf die Finger schaut.

Die Straf- und Bußgeldzahlungen summieren sich inzwischen auf rund 17 Milliarden Dollar. Die vielfache Verstrickung hat nach Ansicht von Branchenkennern viel mit Gier, mit mangelndem Unrechtsbewusstsein, Selbstgerechtigkeit und Wirklichkeitsverlust unter Investmentbankern zu tun. Doch auch Ackermanns Nachfolger Anshu Jain beharrte auf der Sparte, hoffte zunächst, dass die Bank vom Ausscheiden von Konkurrenten profitieren könnte. Als sich dieser Effekt nicht einstellen wollte, begann er dann doch noch, einige Geschäftsfelder zu schleifen. Ohne nachhaltigen Erfolg.

Riesenboni – trotz roter Zahlen

Als eine Art Parallelaktion wurde 2010 die Postbank übernommen. Mit ihrem Brot-und-Butter-Geschäft für Millionen Privatkunden wollte man unabhängiger vom Investmentbanking werden. Doch Beobachter werfen dem Management vor, bis zum heutigen Tag eine Integration der Postbank nicht ernsthaft angegangen zu haben.

Auch Jains Nachfolger John Cryan kündigte nicht nur eine Erneuerung der überalterten IT-Infrastruktur, sondern ebenfalls Umstrukturierungen im Investmentbanking an. Die Branche rutschte immer tiefer in die roten Zahlen, während die Banker noch lange immense Bonuszahlungen bekamen. Dieter Hein, Analyst beim Analysehaus Faire­search, sagte am Rande der Hauptversammlung im Mai: „Die Bank läuft Gefahr, von ihren Investmentbankern so lange ausgenommen zu werden, bis sie zusammenbricht. Und das kann im Prinzip jederzeit geschehen.“

Ein Team, dass den Sanierungsdurchbruch schafft? Vorstandsvorsitzender Christian Sewing (l), Aufsichtsratsvorsitzender Paul Achleitner. Quelle: Arne Dedert/dpa

Der Aktienkurs der Bank ist jedenfalls immer weiter abgerutscht. Der Tiefpunkt wurde Anfang Juni mit 5,81 Euro erreicht. Allein 2018 hat das Papier ein Viertel seines Werts verloren. Bei Großaktionären wie dem Finanzinvestor Cerberus oder der Herrscherfamilie des Ölemirats Katar ist die Nervosität seit geraumer Zeit enorm. Auch Aufsichtsratschef Paul Achleitner ist immer stärker in die Kritik geraten. Er setzte im Frühjahr 2018 Sewing als neuen Chef durch und versprach den Aktionären abermals, den Umbau anzugehen.

Was folgte, war ein Schlingerkurs: Von der schon zuvor immer wieder diskutierten Fusion mit der Commerzbank wollte Sewing zunächst nichts wissen. Im März nahm er dann doch Verhandlungen auf. Die Idee war, dass die beiden angeschlagenen Institute sich gegenseitig stabilisieren. Doch die Fusionsgespräche scheiterten. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) beteuerte derweil immer wieder, Deutschland brauche Banker, die die exportorientierte Wirtschaft bei ihren Geschäften in aller Welt begleiten. Das will Sewing nun im Alleingang machen.

Von Frank-Thomas Wenzel

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die EU will den Herstellern von Herzschrittmachern, Skalpellen oder künstlichen Hüftgelenken genauer auf die Finger schauen. Aber jetzt ist Sand im Getriebe. Hersteller, Prüfer und Krankenhäuser schlagen Alarm.

07.07.2019

Die Deutsche Bank baut den Konzern um – und streicht in dem Zuge beinah 20.000 Stellen. Bis 2022 soll die Belegschaft so deutlich reduziert werden. Mit radikalen Einschnitten will Deutsche-Bank-Chef Sewing die Durststrecke beenden. Vor allem das Kapitalmarktgeschäft wird zurechtgestutzt.

07.07.2019

Immer mehr Menschen fliegen – der große Greta-Effekt scheint bei der Mehrheit der Reisenden noch nicht angekommen zu sein. Das will KLM ändern. Airline wirbt für Flug-Scham – wie passt das zusammen?

07.07.2019