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Weltweit Experte über abgesagte Fusion: Scholz kann froh sein
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Experte über abgesagte Fusion: Scholz kann froh sein
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17:17 25.04.2019
Bankenexperte Wolfgang Gerke sieht den Finanzminister als Gewinner der abgesagten Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank.. Quelle: Roessler/dpa
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Frankfurt

Olaf Scholz hat nochmal Glück gehabt. So sieht es zumindest der Bankenexperte Wolfgang Gerke nach der abgesagten Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank. Der Finanzminister könne froh sein, „denn ein Zusammenschluss mit massivem Arbeitsplatzabbau hätte ihm wahrscheinlich den Job gekostet“, sagte Gerke dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Nach gut fünf Wochen mit „ergebnisoffenen Gesprächen“ haben die beiden Frankfurter Geldhäuser am Donnerstagmorgen erklärt, dass die Verhandlungen nicht weitergeführt werden. Man sei „zu dem Schluss gekommen, dass ein Zusammenschluss keinen ausreichenden Mehrwert bieten würde – auch mit Blick auf Umsetzungsrisiken, Restrukturierungskosten und Kapitalanforderungen, die mit einer solch großen Integration einhergehen“, so die Sprachregelung, auf die die Vorstände der beiden Institute sich geeinigt haben.

Die Deutsche Bank (DB) fügte hinzu, man werde weiterhin alle Alternativen prüfen, um die Profitabilität zu steigern. Commerzbankchef Martin Zielke ließ wissen: Es sei sinnvoll gewesen, die Option einer innerdeutschen Konsolidierung zu prüfen. Dieser Schritt hätte aber auch „nachhaltigere Renditen“ für die Aktionäre und bessere Leistungen für die Kunden bringen müssen. Zielke galt als großer Befürworter einer Verschmelzung der beiden größten privaten Banken in Deutschland.

Großaktionäre skeptisch

Dass die Verhandlungen in einer Sackgasse mündeten, ließ sich bereits vorige Woche deutlich erkennen. Eigentlich sollte noch vor Ostern eine Art Zwischenstand bekannt gegeben werden. Doch nichts geschah. „Der Widerstand auch in den Reihen der Großaktionäre war zuletzt immer größer geworden“, erläutert Gerke. Namentlich werden in Medienberichten unter anderem der US-Großinvestor Blackrock und die Königsfamilie des Öl-Emirats Katar genannt.

Die Pläne waren auch bei den Beschäftigen beider Häuser auf massiven Widerstand gestoßen. Umfragen ergaben, dass es jeweils deutliche Mehrheiten gegen eine Fusion gab. Massiver Arbeitsplatzabbau wäre eine der Konsequenzen einer Fusion gewesen – bis zu 50.000 von insgesamt rund 130.000 Stellen wären in Gefahr gewesen. Frank Bsirske, Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, betonte denn auch, dass „die Nachteile einer solchen Fusion vor allem in Bezug auf die Arbeitsplätze deutlich überwogen hätten“.

Scholz wäre unter Druck geraten

Gleichwohl waren Scholz und sein Staatssekretär Jörg Kukies, Ex-Deutschlandchef von Goldman Sachs, maßgeblich bei der Initiierung der Verhandlungen beteiligt. Der Staat ist mit gut 15 Prozent größter Aktionär der Commerzbank.

Für Gerke steht fest: Bei der Umsetzung der Transaktion wäre der Sozialdemokrat Scholz vor allem aus dem eigenen Lager wegen des Jobabbaus massiv unter Druck geraten. Der Kampf um Arbeitsplätze hätte beide Institute vermutlich für Jahre blockiert. Außerdem wäre nach einem Zusammenschluss die Frage hochgekommen, „wo die Erträge herkommen sollen“. So hätten sich Großkunden, die mit beiden Banken zu tun haben, für einen Teil der Geschäftsbeziehungen Alternativen suchen müssen.

Beide Geldhäuser haben Probleme

Hinzu komme, dass beide Geldhäuser „noch immer mit immensen hausgemachten Problemen zu kämpfen haben“. Die Deutsche Bank hat es unter anderem mit unzulänglicher Software zu tun, und die Übernahme der Postbank ist noch immer nicht verdaut. Die Commerzbank, so Gerke, habe zu viele Filialen.

Für Börsianer sind denn auch vor allem die Gelben der Verlierer der abgesagten Fusion. Die Aktie verlor gestern an der Frankfurter Börse bis zum Nachmittag rund 2,5 Prozent. Das Papier der Deutschen Bank legte zunächst zu, gab im Handelsverlauf aber deutlich nach.

Das hatte aber auch damit zu tun, dass am Donnerstag erste Kennziffern für das erste Quartal bekannt gegeben wurden. Und denen ist zu entnehmen, dass die Erträge weiter geschrumpft sind - insbesondere im Investmentbanking, das einst die Stärke der Blauen war. Die Aktienkurse beider Unternehmen liegen aktuell mehr als 90 Prozent unter ihren historischen Bestmarken.

Fusion mit anderen Banken?

Wie geht es nun weiter? Von Experten war am Donnerstag vielfach zu hören, dass DB-Chef Christian Sewing nun ein weiteres Umbauprojekt für sein Unternehmen angehen müsse – es wäre der fünfte Restrukturierungsplan seit 2015. Gerke fordert, dass die Bank endlich ihr Potenzial ausschöpfen müsse. Schließlich gelinge es auch anderen Kreditinstituten hierzulande, gutes Geld zu verdienen. Der Commerzbank attestiert er, dass man mit der Online-Tochter Comdirect schon Schritte in die richtige Richtung gemacht habe. Allerdings müsse die Effizienz weiter gesteigert werden.

Indes öffne sich nun die Tür für eine Konsolidierung auf europäischem Niveau, sagte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka. Auch Gerke sieht hier Chancen. Neue Konstellationen seien nun möglich, so wie es sich bei einer möglichen Kooperation des DB-Fondstochter DWS und der Schweizer UBS bereits andeute – es kursieren Gerüchte über die Fusion der Vermögensverwalter beider Unternehmen. Für die Commerzbank sieht Gerke mögliche Partner bei ausländischen Banken, die hierzulande schon aktiv sind. Dazu könnten die niederländische ING und die Unicredit-Tochter Hypo-Vereinsbank zählen. Die entscheidende Frage sei nun aber, wie sich der Staat als Großaktionär der Commerzbank verhalten werde.

Scholz insistierte derweil darauf, dass die „global agierende deutsche Industrie konkurrenzfähige Kreditinstitute brauche, die sie in alle Welt begleiten können“. Engere Kooperationen machten aber nur Sinn, „wenn sie sich betriebswirtschaftlich rechnen und auf ein belastbares Geschäftsmodell zusteuern“.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel