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Weltweit Tscherkison: Machtkampf auf dem Markt der Illegalen
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Tscherkison: Machtkampf auf dem Markt der Illegalen
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22:23 26.07.2009
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2005 brannte der Tscherkison-Markt großflächig. Nun hieß es, man mache nur für zwei Tage dicht, wegen Verstößen gegen Hygiene und Brandschutz. Quelle: Tatjana Markejewa/afp
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Es sind noch immer Hunderte. Hunderte von Hunderttausenden. Sie hocken, stehen oder kreisen vor den Gittern der mit Ketten verrammelten Tore, verhandeln mit Wachmännern, deren blaue Uniformhemden vor Wichtigkeit zu platzen scheinen. „Heute nicht“, sagt einer der Blauhemden zu einer jungen Russin, die sich nach vorne gedrängt hat. „Komm morgen wieder. Um elf“, er wendet sich gelangweilt ab. „Du musst 1000 Rubel zahlen, dann kommst du auf die Warteliste“, erklärt ihr ein Kaukasier. „Und wie viel kostet es, meine Ware rauszuholen?“ „60.000 Rubel für eine Fuhre.“ Der Kaukasier grinst traurig. 60.000 Rubel, das sind mehr als 1300 Euro. Mehr als 1300 Euro Schmiergeld. Die hat hier keiner.

Vor einem Monat ist der Tscherkisow-Markt im Osten Moskaus geschlossen worden. Ohne Vorwarnung. Seitdem sind die Händler ausgesperrt. Sie stehen draußen, ihre Waren liegen drinnen. Zehntausenden droht der Ruin.

Es war der größte Markt Europas, ein Markt, auf dem mindestens 150.000 Menschen arbeiteten und täglich mehr als eine Million Menschen einkauften, die den Betreibern mehr als 1,2 Milliarden Euro jährlich in die Kassen spülten. Der „Tscherkison“, wie ihn die Moskauer nennen. Mehr als 200 Hektar Hallenlandschaft, ein Wald aus Läden, Lagern, Großhandlungen, Schaschlikständen, Cafés, Wohnheimen, einer Synagoge, Tätowierungssalons und Zahnarztpraxen. Keiner weiß, wie viel Geld hier täglich floss. Aber als vor einigen Wochen Premier Wladimir Putin erklärte, auf einem Moskauer Markt liege Schmuggelgut im Wert von zwei Milliarden Dollar, da wussten alle, dass er den Tscherkison meinte. Und dass Putins Worte nichts Gutes bedeuteten.

Erst hieß es, man mache nur für zwei Tage dicht, wegen Verstößen gegen Hygiene und Brandschutz. Aber inzwischen erklärt Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, der Markt sei geschlossen, und das wohl endgültig. Luschkows Beamte nennen den Markt nur noch eine Kloake der Kriminalität.

Andere sagen, der Oligarch Telman Ismailow, der den Markt kontrolliert, sei schuld. Er habe seine Gewinne in ein Sieben-Sterne-Hotel in der Türkei gesteckt, statt in Moskau zu investieren. Deshalb tobe Putin. Das sei eine Provokation in Zeiten der Wirtschaftskrise, wo jeder russische Rubel nach Russland gehöre.

Natürlich gibt es viel Schmuggelware auf dem Markt. „Aber die ist doch nicht vom Himmel gefallen“, ruft einer der Händler. Tatsächlich gilt der russische Zoll als die vielleicht korrupteste Behörde im Land. Und die Attacke auf den Tscherkison wirkt wie die Ersatzhandlung einer Bürokratie, die die eigene Korruption bekämpfen soll, aber nicht will.

Drinnen kosten sechs Quadratmeter Verkaufsfläche umgerechnet rund 2200 Euro im Monat. Im Voraus gezahlt. Und drinnen warten Container voller Billigtextilien oder Kinderschuhe darauf, verkauft zu werden. „Mein ganzes Kapital, 16 000 Dollar“, schimpft ein rundlicher Aserbaidschaner. „Ich bin bankrott. Ich werde stehlen, ich werde töten.“ Aber seine Drohung klingt resigniert. Er wird weiter am Zaun stehen und auf ein Wunder warten.

Wie Aybek. „Durchhalten. Ich muss durchhalten.“ Immer wieder sagt Aybek diese Worte vor sich hin, den Blick seiner schwarzen Augen starr auf das Ende der Schlange gerichtet. Ganz vorn steht ein Kessel. Der Duft, der aus ihm aufsteigt, macht das Heimweh noch ein bisschen schlimmer. Im Kessel ist Plow: In Baumwollöl geschmortes Hammelfleisch, dessen Saft allmählich in die darüber geschichteten Möhrenstifte und den mit Rosinen und allerlei feinen Gewürzen gemischten Reis aufsteigt und alles sanft gart. Eine Köstlichkeit, die Aybek selbst Dutzende Male zubereitet hat, zu Hause, im kirgisischen Teil des Fergana-Tals. Hoffnungslos übervölkert, ernährt das Tal die Bewohner nicht mehr. Einige hat es auf der Suche nach Arbeit bis ins 4000 Kilometer entfernte Moskau verschlagen.

Sieben Tage die Woche und bis zu vierzehn Stunden täglich entlud Aybek hier Güterzüge. Im Minutentakt steuerten Züge und Lastwagen den riesigen Markt Tscherkison ab. Zehntausende fanden hier Arbeit: Lastträger, Pächter von Ständen und Dixie-Klos, Besitzer von Cafés und Nagelstudios, Lieferanten und Spediteure – Russen, Afghanen, Chinesen, Vietnamesen, Inder, Pakistanis, Türken, Syrer, vor allem aber Menschen aus den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken.

8000 Rubel verdiente Aybek im Monat. Nicht einmal 200 Euro, für Aybek aber sehr viel Geld. Das meiste schickte er nach Hause. Das letzte Mal Ende Mai. Kurz vor dem nächsten Zahltag standen Aybek und all die anderen plötzlich vor verrammelten Toren. Die Föderation der Migranten hat eine Feldküche eingerichtet. Denn sonst, meint der Vorsitzende Muhammad Amin Majunder, ein Mann aus Bangladesh mit russischem Pass, „müssen die Leute klauen oder Passanten überfallen, ihnen Handys wegnehmen, die verhökern und davon Essen kaufen“. Die Stimmung sei hochexplosiv. „Daher werden wir Essen austeilen. Zunächst jeden Tag 500 Portionen, später 1000, vielleicht auch mehr.“

Lange Zeit war das über siebzig Hektar große Areal ein Staat im Staate. Mit eigenen Sicherheitskräften, eigenen Gerichten und eigenen Gesetzen. Mit Moscheen und Betstuben für nahezu alle Konfessionen. Eine Miniaturausgabe Asiens mit fließenden Grenzen zwischen legal und illegal, Luxus und Lumpen. Mit einem Sprachengewirr, so verwirrend wie das Odeur aus Schweiß und Schmutz, billigem Parfüm und exotischen Gewürzen.

Mit Massage-Palästen und China-Restaurants – den besten der Stadt, behaupten die Sinologie-Studenten – und mit billigen Massenunterkünften ohne fließend Wasser, wo schichtweise auf dreistöckigen Pritschen geschlafen wird. Mit Fälscherwerkstätten, wo man von Serien, die im Fernsehen gerade erst anlaufen, schon die letzte Folge kaufen kann. Oder Designerklamotten von A wie Armani bis Z wie Zegna. Gefertigt von Vietnamesinnen, die unter ihren Nähmaschinen schlafen und mit hundert Dollar pro Monat abgespeist werden.

Die Republik Tadschikistan unterhält auf dem Tscherkison sogar ein Konsulat, und das hat gut zu tun. Gut 17 000 Bürger der zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepublik arbeiteten auf dem Markt. Viele haben ihn nie verlassen, sind nie nach Moskau hineingefahren, weil sie illegal hier sind. Ohne Arbeitserlaubnis, ohne Aufenthaltsberechtigung. Nach fast zwanzig Jahren Unabhängigkeit auch ohne Russischkenntnisse.

Moskau dreht sich im Schlaf noch mal auf die andere Seite, wenn früh am Morgen der „Orientexpress“ in den Kasaner Bahnhof einläuft, der Schnellzug Duschanbe–Moskau. Die 300 Plätze sind schon Wochen voraus ausgebucht. Noch immer. Nichts kann dem Mythos Tscherkison und dem tadschikischem Traum vom bescheidenen Wohlstand etwas anhaben. Nicht die verwanzten Polster und die verstopften Klos, nicht die fehlende Klimaanlage oder die Fenster, die während der vier Tage langen Reise selbst bei Temperaturen von bis zu 50 Grad nicht geöffnet werden dürfen: Die Stacheldrahtverhaue links und rechts der Gleise markieren die Grenzen, die nach dem Ende der Sowjetunion 1991 gezogen wurden.

Nicht einmal Erzählungen ernüchterter Rückkehrer und nicht einmal seine Schließung können den Tscherkison entzaubern. Mit etwas Brot und hart gekochten Eiern in der Tasche stürmen die Ankömmlinge die rote Linie der Metro, an deren vorletzter Station der Markt liegt, und tauchen ab in die Illegalität.

Nikolaj Swanidse, Leiter des Nationalitätenausschusses in der Öffentlichen Kammer, die das Parlament beraten und kontrollieren soll, forderte daher, alle „Illegalen“ befristet zu legalisieren, um ihnen wenigstens die Heimreise zu ermöglichen. Bisher vergeblich.
Die Stadt, ließ Oberbürgermeister Luschkow sich Mitte Juli vernehmen, werde nur Russen helfen. Vor allem Moskauern, die Stände auf anderen Großmärkten der Hauptstadt mieten könnten. Chinesen oder Vietnamesen sollten sich lieber mal „ausruhen“.

„Auf dem Tscherkison“, sagt die 50-jährige Oxana, „habe ich für meinen Stand 8000 Rubel Pachtgebühren bezahlt. In Luschniki wollen sie mehr als das Dreifache von mir“. Oxana handelt nicht mit Ramsch aus China, sondern mit Kleidung aus gutem Leinen, hergestellt im russischen Iwanowo, 250 Kilometer nördlich von Moskau und Hochburg der heimischen Textilbranche. Von dort, meint sie, komme bald Verstärkung für den Protest der Moskauer Migranten und Marktfrauen. „Weil wir nichts mehr verkaufen, bekommt die Industrie ihr Geld nicht zurück, in mehreren Betrieben stehen die Maschinen bereits still.“

Dass offiziell nur von maximal 200.000 Arbeitsplätzen die Rede ist, die durch die Schließung des Marktes vernichtetet werden, hält Oxana, ehemalige Dozentin für Marxismus-Leninismus, für Augenwischerei: „Millionen Existenzen werden hier vernichtet. Wir haben eine vorrevolutionäre Situation.“

von Elke Windisch 
und Stefan Scholl