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Weltweit Versorger befürchten Lastspitzen: Nicht alle können gleichzeitig ihr E-Auto laden
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Versorger befürchten Lastspitzen: Nicht alle können gleichzeitig ihr E-Auto laden
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16:17 28.05.2019
Genug Strom für zehn Millionen E-Autos wird in Deutschland durchaus produziert. Aber die Lastspitzen beim Laden könnten für die Netze gefährlich werden. Quelle: dpa
Berlin

Stell dir vor, alle kommen mit ihren Elektroautos von der Arbeit nach Hause und keiner will aufs Laden der Batterie verzichten. Für Energieunternehmen ist das eine Horrorvorstellung. Netze könnten überlastet werden, ein Blackout könnte gar drohen. Deshalb fordert die Branche, dass die örtlichen Stromanbieter bestimmen, wer wann Strom bekommt. Das dürfte in Zukunft noch für einige Diskussionen sorgen. Und das ist nicht das einzige Problem beim Hochlauf der Elektromobilität.

Wo es lang gehen soll, ist klar. Will Deutschland sein Ziel beim Klimaschutz für 2030 erreichen, müssen die CO2-Emissionen im Verkehr um gut 40 Prozent von 163 Millionen Tonnen auf rund 95 Millionen Tonnen gesenkt werden.

Das funktioniert nur, wenn die Stromerzeugung aus regenerativen Quellen deutlich ausgebaut und die Zahl der Elektroautos auf den Straßen noch deutlicher erhöht wird. Derzeit sind es gerade einmal um die 180.000 E-Pkw (inklusive Plug-in-Hybride), 2022 soll es schon eine Million sein. Und 2030 müssen es nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Verkehrswende mindestens zehn Millionen sein. Hinzu kommen noch Elektrobusse und jede Menge Nutzfahrzeuge mit batterie-elektrischem Antrieb.

Es wird genug Strom produziert

Und wo soll all der Strom für die Stromer herkommen? Da gibt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) Entwarnung: „Netzbetreiber sind startklar für den Boom der Elektromobilität“, heißt es. Beispiel Berlin. Derzeit könne man bereits 250 000 Elektrofahrzeuge integrieren, ohne dass es zu einer Instabilität des Netzes komme, sagte Thomas Schäfer, Chef der Stromnetz Berlin GmbH.

Bundesweit sieht es ähnlich aus. Denn nach Berechnungen des Öko-Instituts würden die zehn Millionen E-Autos noch nicht einmal sieben Prozent des gesamten Strombedarfs hierzulande benötigen.

Nie gekannte Lastspitzen befürchtet

Die Strommenge ist nicht das Problem. Sorgen bereitet den Netzbetreibern, wann die elektrische Energie benötigt wird. Da wird in der Branche immer wieder über das Phänomen der Pendler diskutiert, die zwischen 18 und 20 Uhr nach Hause kommen und laden wollen – eine Umfrage des BDEW hat ergeben, dass zwei Drittel der Deutschen das heimische Stromtanken bevorzugen.

Dieses Verhaltensmuster könnte eine bislang nicht gekannte „Lastspitze“ erzeugen. Was den Netzbetreibern einiges an Anstrengungen abverlangen würde, sie müssten ihre Netze an vielen Stellen stärken. Deshalb kehrt Schäfer denn auch hervor, dass beim weiteren Ausbau der Infrastruktur „intelligentes Laden der Schlüssel“ zum Erfolg sei. Gemeint ist damit, dass die Zeiträume fürs Zapfen des Stroms so gesteuert werden, dass Lastspitzen vermieden werden.

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Nach 20 Uhr sinkt im Tagesverlauf der Bedarf nach elektrischer Energie kontinuierlich bis zu seinem Tiefpunkt zwischen zwei und drei Uhr nachts. Die Nachtstunden wären ideal zum Laden. Dies liefe darauf hinaus, dass der Stecker an der Ladebox in der Garage zwar am Feuerabend eingesteckt wird, Strom aber erst Stunden später fließt.

Auch Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer des BDEW, betont: Der Gesetzgeber müsse nun die Voraussetzung dafür schaffen, dass Instrumente zur Bewältigung des zusätzlichen Strombedarfs zum Einsatz kommen.

Besitzer sollen Nachts aufladen

So könnte nach seinen Worten die von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) angekündigte staatliche Förderung des privaten Ladens an ein intelligentes Lademanagement gekoppelt werden. Konkret würde es bedeuten, dass die Netzbetreiber die Kontrolle über die Ladeboxen erhalten, um den Strom dann fließen zu lassen, wenn es am besten in deren Laststeuerung passt.

In einigen Städten wird dies bereits getestet, nach Informationen aus Branchenkreisen allerdings mit sehr zurückhaltendem Zuspruch bei den Kunden. Die scheuen sich davor, die Kontrolle über ihre Ladebox aus der Hand zu geben.

Wird Strom Nachts günstiger?

Doch es kursieren auch andere Konzepte: So sollen Elektroauto-Besitzer mit besonders günstigen Tarifen dazu gebracht werden, den Nachtstrom freiwillig zu tanken. Das könnte sogar so weit gehen, dass die Energie in bestimmten Situationen verschenkt wird: Wenn Wind heftig weht und es in der Nacht ein Überangebot an Strom gibt. Jedenfalls macht sich auch Kapferer dafür stark, dass über das „Energiewirtschaftsgesetz stärkere Anreize geschaffen werden“, damit Kunden intelligent laden. Der Effekt für Netzbetreiber ist klar: Investitionen in die Verteilnetze könnten optimiert werden, betont Schäfer.

Der BDEW verlangt überdies ebenso wie Agora Verkehrswende Änderungen der Bestimmungen für Mieter und Wohnungseigentümer. Sie sollen künftig ein Recht auf eine Ladestation in der Tiefgarage auf einem anderweitigen festen Stellplatz haben – bislang können sich Mitbewohner quer legen. Und schließlich müssten die Genehmigungen für private Ladeeinrichtungen schneller erteilt werden.

Bis zu zwei Monate dauere es derzeit, von der Kommune eine einfache Erlaubnis für einen Standard-Ladepunkt zu bekommen, heißt es beim BDEW. Komplizierter wird es erst, wenn der E-Autofahrer mit einer Leistung von zwölf Kilowatt und mehr schneller laden will – dann braucht es eine Genehmigung vom Netzbetreiber.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel