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Weltweit Volkswagentochter Scania prüft Zusammenschluss mit MAN
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Volkswagentochter Scania prüft Zusammenschluss mit MAN
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21:39 15.11.2010
Nach den Plänen von VW soll Scania den Schwesterkonzern MAN übernehmen.
Nach den Plänen von VW soll Scania den Schwesterkonzern MAN übernehmen. Quelle: dpa
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Die MAN-Aktionäre freuen sich auf ein Übernahmeangebot. Die Aktie des Lkw- und Maschinenbaukonzerns lag gestern zeitweise bei 88 Euro mit 8  Prozent im Plus, nachdem Pläne für einen Zusammenschluss von MAN und Scania unter dem VW-Dach bekannt geworden waren. Da Volkswagen bisher nur knapp 30 Prozent an MAN gehören, lassen sich die Pläne nur mit einem Abfindungsangebot an die anderen MAN-Aktionäre realisieren. „Dem Kurs der Aktie sollte die gegenwärtige Gerüchtelage nicht schaden“, sagte Nord/LB-Analyst Frank Schwope.

„Die Gespräche und Verhandlungen laufen auf Hochtouren“, hieß es gestern bei Beteiligten. Allerdings gebe es noch viele offene Fragen. So dürfte der VW-Aufsichtsrat das Thema Ende der Woche besprechen, es steht aber kein Beschluss auf der Tagesordnung.

VW versucht seit Jahren weitgehend vergeblich, Scania und MAN zur Kooperation zu bewegen. An Scania halten die Wolfsburger mittlerweile die Mehrheit, bei MAN sind sie größter Aktionär. Gleichzeitig ist MAN an Scania beteiligt. Ferdinand Piëch, Aufsichtsratschef bei VW und MAN, hat in den vergangenen Monaten mehrmals erkennen lassen, dass er endlich eine Zusammenarbeit sehen will. Während die Münchener schon vor Jahren eine Fusion unter ihrer Führung wollten, legten die Schweden stets Wert auf Unabhängigkeit – auch gegenüber VW. Beim gemeinsamen Einkauf stößt das Duo zudem auf Kartellprobleme.

Dennoch soll der Zusammenschluss nun über Scania laufen, weil dieser Weg für VW finanziell günstiger ist. Nach Informationen dieser Zeitung ist zunächst eine Kapitalerhöhung bei Scania geplant, die großenteils VW schultern würde. Außerdem soll MAN seine Scania-Beteiligung an Volkswagen verkaufen. So käme VW letztlich auf 70 bis 75 Prozent Kapitalanteil bei Scania, der Anteil an den Stimmrechten wäre noch höher.

Im nächsten Schritt soll Scania mit dem frischen Geld aus der Kapitalerhöhung den MAN-Aktionären ein Übernahmeangebot machen. Ziel dürften mindestens 75 Prozent der MAN-Aktien sein, denn das ist die Voraussetzung für einen Beherrschungsvertrag.

An dem Plan werde schon einige Zeit gearbeitet, er sei aber noch nicht im VW-Aufsichtsrat auf den Tisch gekommen, hieß es in Konzernkreisen. Die größten Probleme bereitet dem Vernehmen nach das Verhältnis zwischen Scania und MAN. Es müsse ein Weg gefunden werden, die Münchener mit ins Boot zu holen. MAN wolle nicht übernommen werden, aber die Konstruktion laufe genau darauf hinaus.

Das Verhältnis ist vergiftet, seit MAN vor Jahren selbst versuchte, Scania zu kaufen. In München ist mit Georg Pachta-Reyhofen inzwischen zwar ein neuer, in dieser Hinsicht unbelasteter Chef am Ruder, in Södertälje regiert allerdings weiter Leif Östling. Der Scania-Chef hat mehrmals erklärt, dass ein Zusammenschluss mit MAN nichts bringe. Unter den neuen Vorzeichen sieht Östling das offenbar anders: „Eine engere Kooperation durch Kombination beider Unternehmen“ sei nötig, um gemeinsames Potenzial auszuschöpfen, teilte Scania mit. Jetzt spielt MAN den zurückhaltenden Part: „Basis für die freundschaftlich geführten gemeinsamen Gespräche“ sei es, das operative Geschäft und die Markenwerte beider Firmen zu erhalten. Bisher sei kein Ergebnis der Diskussionen absehbar, hieß es in München.
Zu den ungeklärten Fragen dürfte gehören, von wem ein neuer Lkw-Konzern geführt wird. Piëch hat Östling und Pachta-Reyhofen gleichermaßen den
Rücken gestärkt. Auch der künftige Firmensitz ist noch offen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind die freien MAN-Aktionäre, die um einen hohen Übernahmepreis pokern dürften und VW unter Erfolgsdruck sehen. Außerdem müssten sie zustimmen, VW den Scania-Anteil zu verkaufen. Schon in der Vergangenheit hatten sie immer wieder Interessenkonflikte Piëchs als „Doppelaufseher“ angeprangert. Dieses Geschäft dürfte weiteren Anlass bieten.

Stefan Winter/dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.