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Weltweit Warum der Brexit Portugals Textilindustrie bedroht
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12:25 07.02.2019
Das portugiesische Textilunternehmen Pedrosa & Rodrigues beobachtet gespannt die Entwicklungen im Brexit-Chaos. Quelle: AP
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Für die 120 Angestellten der Firma Pedrosa & Rodrigues hängt derzeit alles davon ab, was knapp 2000 Kilometer nördlich passiert. Bislang lässt sich „Made in Portugal“ in Großbritannien gut verkaufen.

Doch wenn das Land aus der EU austritt, dürften die Textilwaren des Familienbetriebs dort deutlich teurer werden. Der Absatz könnte mit einem Schlag einbrechen. In der Produktion drohen deswegen Entlassungen.

Pedrosa & Rodrigues hat einen Jahresumsatz von etwa 14 Millionen Euro. Die Hälfte davon wird mit Exporten nach Großbritannien erwirtschaftet. „Im schlimmsten Fall gehen uns sieben Millionen Euro verloren“ – und zwar jedes Jahr, sagt Ana Pedrosa Rodrigues, die in dem Unternehmen im Nordwesten Portugals für die Kundenbetreuung zuständig ist. „Das wäre extrem beunruhigend.“

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Ähnlich geht es derzeit vielen Betrieben – nicht nur in Portugal, sondern auch in anderen Staaten der EU. Wenn sich London tatsächlich aus dem Europäischen Binnenmarkt verabschiedet, dürften Produkte aus den verbliebenen Mitgliedsstaaten wegen neuer Zölle und Wartezeiten an Attraktivität verlieren.

Für Portugal könnte der Kollateralschaden des Brexits besonders gravierend sein. Die Regierung in Lissabon rechnet beim Export von Gütern und Dienstleistungen mit einem Rückgang von bis zu 26 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt würde um einen Prozentpunkt geschwächt.

Großbritannien leidet im Fall eines „harten Brexit“ am meisten

Nach Berechnungen der OECD könnte im Falle eines „harten Brexits“, also eines Austritts ohne Abkommen, bis 2020 auch für die EU insgesamt ein Einbruch beim Bruttoinlandsprodukt von etwa einem Prozentpunkt drohen. Das wäre nach aktuellem Stand mehr als die Hälfte des jährlichen Wachstums.

Für Großbritannien selbst wären die Folgen laut OECD sogar dreimal so schlimm. Die Organisation betont allerdings, dass die Auswirkungen von Region zu Region und von Branche zu Branche sehr unterschiedlich ausfallen dürften.

Das größte Risiko bestehe wegen der geografischen Nähe sowie der engen wirtschaftlichen Verbindungen für Irland, hieß es kürzlich in einem Bericht des Europäischen Ausschusses der Regionen, einem Beratungsgremium der EU.

Auch wohlhabende Regionen müssten den Angaben zufolge mit Einschnitten rechnen – in Deutschland etwa der von Exporten der Automobilbranche profitierende Großraum Stuttgart, in Belgien und den Niederlanden die wichtigen Standorte der Chemie- und Kunststoffindustrie.

„Es geht um den für uns viertwichtigsten Markt“

In Portugal, dessen enge Verbindungen zu Großbritannien auf den „Vertrag von Windsor“ von 1386 zurückgehen, ist vor allem die Textilindustrie in Gefahr. Die meisten Unternehmen der Branche sind im Nordwesten des Landes ansässig – in einer Region, die zu den ärmsten Portugals und zugleich ganz Westeuropas zählt.

Seit dem Brexit-Referendum im Jahr 2016 seien die Exporte hier bereits um mehr als drei Prozent zurückgegangen, sagt Paulo Vaz, Leiter des portugiesischen Verbands der Textil- und Bekleidungsindustrie.

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Als Hauptgründe dafür nennt Vaz den Absturz des britischen Pfunds, der Importe aus Ländern der Euro-Zone teurer gemacht habe, sowie die Verunsicherung der britischen Kunden. Die Entwicklung sei für viele Betriebe in Portugal schwer zu verkraften.

„Es geht um den für uns viertwichtigsten Markt, in dem wir jährlich etwa 450 Millionen Euro erwirtschaften, der bisher weiteres Wachstum versprach und der nun stark in Mitleidenschaft gezogen werden könnte“, sagt der Verbandschef.

Branche mit 130.000 Mitarbeitern

Die zweistöckige Fabrik von Pedrosa & Rodrigues steht in einer Region, in der die Textilindustrie etwa 130.000 Menschen einen Job bietet. Im Inneren des Gebäudes zeugt die Geräuschkulisse aus summenden Nähmaschinen, zischenden Bügeleisen und ratternden Stoffschneidemaschinen von regem Betrieb. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1982, von den Eltern von Ana Pedrosa Rodrigues – mit zunächst fünf Mitarbeitern in einer Garage.

Inzwischen sind Ana und ihre beiden älteren Brüder mit im Geschäft.

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Unter den weiteren Angestellten sind Ehepartner, Väter, Söhne und andere Verwandte. In der Region ist es nicht ungewöhnlich, dass ganze Generationen in der Branche tätig sind. Die meisten Angestellten von Pedrosa & Rodrigues leben in der Umgebung, zur Arbeit kommen viele morgens zu Fuß. Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei 19 Jahren.

Das Erfolgsrezept des Unternehmens ist die Spezialisierung auf „erschwinglichen Luxus“. Produziert wird unter anderem für britische Modemarken wie ME+EM oder L.K. Bennett – ein Label, das auch die britische Premierministerin Theresa May gelegentlich trägt.

„Wir sind das Ende einer Lieferkette“

Jeden Freitag werden Dutzende Kartons auf Lastwagen verladen, die binnen zwei bis drei Tagen die britischen Kaufhäuser erreichen. Bisher werden die Fahrer unterwegs nirgendwo von Grenzkontrollen aufgehalten.

Durch den Brexit drohen nun Zölle, Wartezeiten und zusätzliche Bürokratie. Das Unternehmen rechnet mit Mehrkosten von zwölf Prozent. Dies würde sich dann wohl auch in den Preisen der Produkte in den Geschäften widerspiegeln.

Sollten die Verkäufe in Großbritannien deswegen zurückgehen, hätte das unweigerlich Folgen für die Arbeitsplätze beim Hersteller – und zwar nicht nur in der Fabrik selbst, sagt Ana Pedrosa Rodrigues.

„Wir sind das Ende einer Lieferkette. Die Verluste hätten also auch Auswirkungen auf Zulieferer“, betont die Managerin. Ob Stoffmacher, Färber, Drucker oder Sticker – „den Folgen würde niemand entgehen.“

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Von RND/dpa/lf

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