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Weltweit Wenig Rente und Altersarmut: Das droht bei Teilzeitjobs, Befristungen und Leiharbeit
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Wenig Rente und Altersarmut: Das droht bei Teilzeitjobs, Befristungen und Leiharbeit
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16:00 24.06.2019
Leiharbeiter, befristet Angestellte oder Frauen und Männer in Teilzeitjobs mit 20 Wochenstunden oder weniger machen hierzulande trotz zehn Jahren mit Konjunkturboom noch immer gut ein Fünftel der Arbeitnehmer aus. Quelle: Stefan Sauer/zb/dpa
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Frankfurt

Sie arbeiten in Krankenhäusern, Altenheimen, in der Gastronomie, aber auch an Universitäten: Leiharbeiter, befristet Angestellte oder Frauen und Männer in Teilzeitjobs mit 20 Wochenstunden oder weniger machen hierzulande trotz zehn Jahren mit Konjunkturboom noch immer gut ein Fünftel der Arbeitnehmer aus. Das geht aus Berechnungen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor, die auf Daten des Statistischen Bundesamts beruhen.

Den Trend zur atypischen Beschäftigung registrieren Arbeitsmarktexperten seit Ende der Achtzigerjahre. Er wurde nach der Jahrtausendwende durch diverse Deregulierungen verstärkt. Mit seiner „Agenda 2010“ machte es Kanzler Gerhard Schröder (SPD) Arbeitgebern einfacher, unter anderem mit Leiharbeit und Befristungen zu hantieren.

Da hat sich inzwischen einiges verfestigt. Etwa dass Nachwuchskräfte zunächst einmal einen Vertrag bekommen, der für ein Jahr oder zwei Jahre läuft. So kann das Unternehmen neue Beschäftigte schnell und geräuschlos wieder loswerden. Zudem werden Befristungen eingesetzt, um den Einsatz von Mitarbeitern anzuspornen, da sie als Belohnung auf eine unbefristete Stelle hoffen.

Arbeitgeber wollen „flexible“ Arbeit

Deshalb pocht die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) auf „flexible“ Beschäftigungsformen. Sie erleichterten den Einstieg in Arbeit und böten Perspektiven für Menschen mit geringer Qualifikation und für Langzeitarbeitslose.

Aus den WSI-Berechnungen geht jedenfalls hervor, dass unter den 15- bis 24-Jährigen in den hiesigen Belegschaften fast ein Drittel atypisch beschäftigt wird, wobei Unterschiede zwischen Frauen und Männern gering sind.

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Ganz anders ist die Lage bei den 35- bis 44-Jährigen. Männer in dieser Altersgruppe sind sehr häufig mit voller und fester Stelle abgesichert. Aber gut 34 Prozent aller Frauen verdienen atypisch ihr Geld, weil sie neben der Erwerbstätigkeit noch einen anderen Job ausüben: als Hausfrau und Mutter.

Dass dies eng mit den Angeboten für die Kinderbetreuung zusammenhängt, lässt sich am krassen Ost-West-Gefälle ablesen. In den östlichen Bundesländern inklusive Berlin mit ihrer traditionell stark ausgeprägten Kita- und Hortinfrastruktur übersteigt die Quote der atypischen Beschäftigung die Schwelle von 18 Prozent in keinem Fall – in Brandenburg liegt sie bei nur 14 Prozent. Im Westen hingegen sind deutlich mehr als 20 Prozent die Regel – Bremen kommt sogar auf den Spitzenwert von 26,2 Prozent.

Mütter würden gern mehr arbeiten

Klar ist für die Arbeitsmarktexperten: Viele berufstätige Mütter würden gern mehr arbeiten, wenn sich der Job besser mit dem Betreuung des Nachwuchses vereinbaren ließe. Deshalb machen sich Erik Seils und Helge Baumann, die Autoren der WSI-Studie, auch dafür stark „den Trend zu längeren Arbeitszeiten teilzeitbeschäftigter Frauen durch politische Maßnahmen zu flankieren“.

Konkret meinen sie damit einen „Ausbau der Kinderbetreuung“. Das könne zudem die prognostizierte Verknappung von Arbeitskräften dämpfen – in den nächsten zehn Jahren wird die arbeitsfähige Bevölkerung aufgrund der demografischen Entwicklung deutlich sinken.

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Doch atypische Beschäftigung ist überdies mit der konjunkturellen Lage verknüpft. So ging sie mit dem Aufschwung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise zu Beginn dieses Jahrzehnts zunächst einmal über mehrere Jahre kontinuierlich zurück. Doch seit 2014/2015 stagniert es mehr oder weniger. Die jüngsten Zahlen stammen von 2017, aktuellere Daten liegen nicht vor. Eine neuer Faktor kam zum Tragen: Migration. Unter deutschen Beschäftigen sank zwar die Zahl der atypisch Beschäftigten seit 2011 um rund 630 000.

Zugleich kam aber rund eine halbe Million Frauen und Männer aus dem Ausland hinzu. Bemerkenswert dabei ist, dass zwar die Grundregel gilt: Je weiter die Herkunftsregion von der Bundesrepublik entfernt ist, desto größer der Anteil der atypischen Arbeitsverhältnisse. Aber unter EU-Ausländern ist die Zahl der Leiharbeiter und der befristet Beschäftigten auffallend hoch.

Deutsche Hochschulen mitverantwortlich

Dort kommt offensichtlich eine Tendenz zum Tragen, die auch die Bundesbank bereits vor einiger Zeit festgestellt hat. Aus sogenannten Südländern mit hoher Arbeitslosigkeit wie Italien, Spanien und Griechenland sind Tausende Arbeitnehmer gekommen, die atypische Jobs mit einer geringen Bezahlung in Kauf nehmen. Arbeitsmigranten akzeptieren dabei häufig auch Tätigkeiten, die unter ihrer Qualifikation liegen. Wobei aber die generelle Faustformel gilt: Je niedriger die Abschlüsse der Arbeitnehmer, umso häufiger haben sie es mit Leiharbeit, Teilzeit und Befristungen zu tun.

Mit einer Ausnahme: Die Knauserigkeit vieler Hochschulen bedingt, dass sich viele Akademiker mit Stellen auf Zeit oft über viele Jahre über Wasser halten müssen.

Unterm Strich hat sich nach Berechnungen der WSI-Experten die Quote der atypischen Beschäftigung mit knapp 21 Prozent auf einem hohen Niveau stabilisiert. Für Sozialverbände wie den VDK liegt darin sozialer Sprengstoff. Wer sich jahrelang mit Mini- und Teilzeitjobs durchschlagen müsse, erhalte später nur eine kleine Rente und sei von Altersarmut bedroht.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel