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Weltweit Weniger Sanierungen: Vonovia will wegen Mietendeckel „auf Verschleiß fahren“
Nachrichten Wirtschaft Weltweit Weniger Sanierungen: Vonovia will wegen Mietendeckel „auf Verschleiß fahren“
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14:54 25.06.2019
„Wir werden auf Verschleiß fahren“, warnt der Vonovia-Chef für den Fall einer bundesweiten Einführung des Mietendeckels. Quelle: Marcel Kusch/dpa
München

Wohnungsunternehmen genießen in Deutschland keinen guten Ruf. In Großstädten gelten sie vielfach als Abzocker und geraten deshalb immer mehr unter Druck. In Berlin kommt nun ein Mietpreisstopp. Und erste Politiker fordern eine ähnliche Lösung für die ganze Bundesrepublik. Auch nach Enteignung von Immobilienkonzernen wird gerufen. Aktien der Branchengrößen Deutsche Wohnen und Vonovia bröckeln. Das Duo wehrt sich und greift zu einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche.

Zum Hintergrund

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Deutsche Wohnen will Mieten nur noch so erhöhen, dass Haushalte höchstens 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für Kaltmiete zahlen müssen. Vonovia verspricht, dass kein Mieter über 70 Jahren mehr ausziehen muss, weil er eine Mieterhöhungen nicht verkraften kann.

Zugleich wird aber auch gedroht. „Dann kaufen wir Wohnungsbestände in Schweden“, sagt Vonovia-Chef Rolf Buch zu den mutmaßlichen Konsequenzen des geplanten fünfjährigen Einfrierens der Mieten in Berlin. Vonovia werde Investitionen dann eben umschichten.

„Investitionen werden de facto verboten“

Am Beispiel der Bundeshauptstadt dekliniert der 54-jährige durch, wie Wohnungskonzerne wohl auf Mietpreisstopps nach Berliner Vorbild reagieren würden und warum das für Mieter wie Gesellschaft keine gute Entwicklung sei.

Wenn Vonovia & Co künftig wie in Berlin geplant sich jede Modernisierung von der Verwaltung genehmigen lassen müssten, käme das bei den üblichen Bearbeitungszeiten einem Modernisierungsstopp nahe, unkt Buch. „Investitionen werden dann de facto verboten“, sagt er. Häuser würden nicht mehr energetisch saniert oder altengerecht umgebaut. Weil der Wohnungsbestand in Deutschland überaltert ist und Gebäude für knapp ein Drittel am Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid beteiligt sind, drohe das alle Klimaziele zu sabotieren.

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Derzeit modernisiere Vonovia jährlich fünf Prozent aller bundesweit rund 400 000 Wohnungen. Branchenüblich seien 1,5 Prozent. In Städten, wo die Mieten eingefroren wurden, würden es künftig nahe null Prozent sein. Berliner Wohnungen drohten zum Umweltsünder Nummer eins unter deutschen Großstädten zu werden.

Keine Schaffung altersgerechter Wohnungen mehr

Die drei Millionen altersgerechten Wohnungen, die Deutschland binnen zehn Jahren demografisch bedingt benötige, würden bei Mietpreisstopps nicht entstehen, so Buch. Auch dringend nötiger Neubau werde gedrosselt.

Schon jetzt könne Vonovia mangels Genehmigungen hier zu Lande jährlich nur 3000 Wohnungen bauen, obwohl der Konzern Grundstücke für mehr als das Zehnfache habe. Wenn zudem fünf Jahre lang die Kosten für Vermieter steigen, die Einnahmen aber per Mietpreisdeckel gleich blieben, lasse sich das im Bestand nur durch verminderte Instandhaltung kompensieren. „Wir werden auf Verschleiß fahren“, warnt Buch vor einem Verfall der Bausubstanz speziell in Berlin.

Ab nach Skandinavien?

Vonovia sieht er deswegen aber nicht in der Bredouille. Wenn für Investitionen gedachte Gelder in Deutschland nicht mehr eingesetzt werden können, gehe man eben verstärkt ins Ausland. In Österreich und Schweden ist der Bochumer Marktführer bereits aktiv. Das skandinavische Land stehe dabei im Fokus der Auslandsstrategie.

Auch nach Frankreich hat das nach eigenen Angaben größte Wohnungsbauunternehmen der westlichen Welt bereits die Fühler ausgestreckt und in Paris erste 400 Wohnungen gekauft, um die dortigen Verhältnisse kennenzulernen. „Der deutsche und französische Markt sind sich sehr ähnlich“, lautet Buchs Fazit. Es gäbe also Alternativen für Vonovia, wenn die Geschäfte in Deutschland zu schwierig würden.

Von RND/Thomas Magenheim