Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Wissen Artensterben gefährdet die Menschheit – Sind wir noch zu retten?
Nachrichten Wissen Artensterben gefährdet die Menschheit – Sind wir noch zu retten?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:34 07.05.2019
Das letzte Nördliche Breitmaulnashorn: Vor einem Jahr ist der Bulle Sudan in Kenia gestorben. Quelle: SHUTTERSTOCK.COM
Anzeige
Frankfurt

Im Südosten von Laos fand Peter Jäger die wahrscheinlich größte Spinne der Welt: die Heteropoda maxima. Spannweite: 30 Zentimeter, das entspricht dem Durchmesser einer Pizza. Kurz zuvor hatte er ein Exemplar in einem Pariser Museum gesehen, tot und in einem Glas mit Alkohol konserviert. Drei Habitate standen auf dem Etikett. Ob es sie in der Natur aber überhaupt noch gibt, wusste da noch niemand. Also machte sich der Arachnologe des Frankfurter Senckenberg-Museums nach Laos auf.

Der bei der Expedition entstandene Film erinnert ein bisschen ans „Dschungelcamp“: Jägers Team durchstreift das Labyrinth einer Kalksteinhöhle, es ist dunkel und nass und die Wände scheinen zu leben – Tausende Spinnentiere wuseln dort herum. Hinter einem der Felsvorsprünge sitzen sie dann tatsächlich, die wohl größten Spinnen der Welt. Dem Frankfurter Forscher gelingt es, ein Exemplar zu fangen. „Das war mein bisher größter Erfolg“, resümiert Jäger, „dass ich nachweisen konnte, dass die Spinne noch lebt.“

Lobbyist der viel missachteten, aber im Konzert der Artenvielfalt wichtigen Spinnentiere: Arachnologe Peter Jäger. Quelle: Peter Jäger

Das ist alles andere als selbstverständlich. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit beschreiben sogenannte Taxonomen bis zu 10 000 neue Arten im Jahr, Pflanzen, Insekten, Spinnentiere, Amphibien. Bis heute sind insgesamt etwa 1,8 Millionen Spezies erfasst. Erst. Denn die Wissenschaft schätzt, dass dies nicht einmal 10 Prozent aller existierenden Tier- und Pflanzenarten ist. Es gibt also noch viel zu tun.

Nur: Es wird für viele Tiere und Pflanzen knapp, im Katalog des Lebens registriert zu werden. „Aufgrund der Lebensraumzerstörung sterben viele Spinnenarten aus, noch bevor wir sie entdeckt haben“, sagt auch Jäger. „Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit.“

Und das gilt längst nicht nur für Spinnen.

Der größte Killer ist der Mensch

Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind in den kommenden Jahrzehnten vom Aussterben bedroht – wenn die Menschen nicht grundsätzlich umdenken, das Land anders nutzen, die Umwelt besser schützen, den Klimawandel eindämmen. Die größten Killer sind Landwirtschaft, Fischerei, Klimawandel und Umweltverschmutzung, kurz: die Menschen.

So jedenfalls sieht es der Biodiversitätsrat der Vereinten Nationen und schickt deshalb einen Weckruf um die Welt. Schon jetzt sei die Geschwindigkeit, in der Tier- und Pflanzenarten aussterben, zwischen zehn- und hundertmal höher als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahren.

Experten sprechen von einem Massenaussterben. Davon hat es in den letzten 500 Millionen Jahren Erdgeschichte erst fünf gegeben, zuletzt vor 66 Millionen Jahren, als ein Asteroideneinschlag den Dinosauriern den Garaus machte. Zwar entstanden Millionen neue Arten – diesen Ausgleich der Natur macht aber inzwischen die Zerstörung durch den Menschen zunichte.

Am Montag hat das UN-Gremium mit dem sperrigen Namen „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES) in Paris nun einen umfassenden Bericht zum Zustand der globalen Artenvielfalt veröffentlicht. Drei Jahre lang haben rund 150 Experten aus 50 Ländern das Wissen aus Tausenden Studien zusammengetragen und analysiert – ähnlich wie der Weltklimarat IPCC seine Sachstandsberichte zum Klimawandel.

„Die Belege sind unbestreitbar: Die Zerstörung der Artenvielfalt und der Ökosysteme hat ein Niveau erreicht, das unser Wohlergehen mindestens genauso bedroht wie der durch den Menschen verursachte Klimawandel“, sagt IPBES-Chef Robert Watson. Beide Faktoren hätten nicht nur Einfluss auf die Umwelt, sondern auch auf Entwicklungs- und Wirtschaftsfragen. „Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität.“ Nur „tief greifende Veränderungen“ könnten den Schaden für die Artenvielfalt noch begrenzen.

Vorarbeit für ein Schutzabkommen

Das gelingt aber nur mit weltweiter Vernetzung. Genau dafür bietet die Studie die wissenschaftliche Grundlage: Sie soll den Regierungen der 193 UN-Mitgliedsstaaten helfen, ein Rahmenabkommen zur Bewahrung der biologischen Vielfalt auszuhandeln und beim Weltnaturschutzgipfel 2020 zu beschließen.

Ein Auszug aus der globalen Bestandsaufnahme:

Seit dem späten 19. Jahrhundert ist etwa die Hälfte aller Korallenriffe verschwunden.

Seit 1980 sind mehr als 200 Millionen Hektar tropischer Regenwald abgeholzt worden.

9 Prozent aller Nutztierrassen sind ausgestorben.

85 Prozent der Feuchtgebiete sind zerstört.

Die Zerstörung von Küstengebieten wie Mangrovenwäldern gefährdet die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen.

23 Prozent der Landfläche des Planeten sind ökologisch abgewirtschaftet und können nicht mehr genutzt werden.

Das Sterben von Bestäuberinsekten bedroht die Produktion von Nahrungsmitteln im Wert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr.

Fleißig, aber gefährdet: Hummeln sind ausgezeichnete Bestäuber, aber sie werden immer weniger. Ein naturnaher, blütenreicher garten hilft ihnen. Quelle: dpaWolfgang Kumm/dpa

Auf „Ungewissheiten“ allerdings verweist der Bericht bei der Zahl der weniger bekannter Arten, vor allem der Insekten. Auch wenn diese derzeit als besonders bedroht gelten. Ihre Zahl hat sich in Europa in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits um rund 80 Prozent verringert, haben Studien ergeben. Das große Insektensterben hat auch Teile Deutschlands erfasst, wie das Bundesumweltministerium im Sommer 2017 warnte.

Fehlen Bienen, Fliegen und Schmetterlinge, gerät die Nahrungskette in Gefahr: Pflanzen werden nicht mehr bestäubt, Vögeln und anderen Tieren fehlt Nahrung – und früher oder später fehlt sie auch den Menschen. Genau darum geht es im Kern beim Artenschutz: Ohne das Zusammenspiel der Arten gäbe es kein Leben auf dem Planeten. Keine Pflanzen und Pilze, die aus Materie Biomasse erzeugen. Keine Tiere, die sich von den Tieren ernähren, die dank dieser Pflanzen leben. Und keine Lebewesen, die tote Lebewesen ersetzen und darauf neues Leben ermöglichen. Es ist ein ewiger Kreislauf, den die Natur sich in Millionen Jahren zum Überleben geschaffen hat. „Würde es keine Spinnen geben, hätten wir kaum noch Luft zum Atmen – denn dann wäre unsere Luft voller Insekten“, sagt Spinnenforscher Jäger.

Leben in natürlichen Grenzen

Die Regionen um den Mekong und den Amazonas, wo viel Regenwald gerodet wird, gelten als artenreichste der Welt. Manchmal werden Hunderte von Arten dort in einem Jahr neu entdeckt – darunter skurrile Kreaturen wie fliegende Frösche oder blinde Schlangen. Vielfach geht es um endemische Arten, also solche, die weltweit nur in einem kleinen Verbreitungsgebiet vorkommen können.

„Für uns Taxonomen sind das unsere Babys“, sagt Jäger. „Wenn wir dann in ein Gebiet kommen, wo große Waldgebiete einfach abgeholzt wurden, wissen wir, dass da im Falllaub viele ausgestorbene Arten stecken.“ Es gebe Kollegen, die nicht mehr nach Nepal oder Madagaskar reisen wollten – weil der Raubbau dort zu sehr schmerze.

Ein Opfer der zerstörerischen Holzwirtschaft Indonesiens: Der Sumatra-Orang-Utan. Quelle: EPA

Wie können wir unsere Tiere und Pflanzen also noch retten? Der ­IPBES-Bericht kommt zu dem Schluss, dass nur ein radikaler Wandel des menschlichen Wirtschaftens und Konsumverhaltens, der Nahrungsmittelproduktion und des weltweiten Handels helfen kann. Subventionen für die Agrarindustrie, Viehzucht und Fischerei führten dagegen zu Ineffizienz und überhöhtem Konsum.

Derzeit verbrauche die Menschheit weit mehr Nahrungsmittel und andere Ressourcen als innerhalb eines Jahres wieder nachwachsen könnten – als habe sie 1,7 Erden und nicht nur einen Planeten zur Verfügung, hat die Organisation Global Footprint errechnet. Aber: „Noch können wir zum Wirtschaften in den natürlichen Grenzen der Erde zurückfinden“, betont Jörg-Andreas Krüger, Naturschutzexperte der Umweltstiftung WWF.

Verbände rund um den Globus versuchen mit aufwendigen Projekten, die Arten zu bewahren. Tierschützer kritisieren jedoch, dass „unattraktives“ Getier dabei benachteiligt werde. Spinnen, Maden, Ratten und Schlangen etwa sind äußerst nützliche Tiere – beim Artenschutz aber falle kaum Augenmerk auf sie, sagte der emeritierte Psychologieprofessor Hal Herzog von der Universität Western Carolina in den USA der Nachrichtenagentur dpa. Arten wie der Regenwurm wirkten „eher wie primitive Außerirdische als Tiere, mit denen ein Mensch sich identifizieren kann“. Dabei ist gerade der Regenwurm ein wichtiger Nützling, weil er die Böden fruchtbar macht.

Flussdelfine sind im Amazonas rar geworden: Die Rote Liste führt sie seit 2018 als „stark gefährdete Quelle: Shutterstock

Peter Jäger betreibt für seine Spinnentiere deshalb kreative Lobbyarbeit. Sein „Arachno-Blog“ auf dem Internetportal des Senckenberg-Museums listet seine bisher entdeckten Arten auf – und besonderen Funden verpasst der Frankfurter auch besondere Namen. Die Spinnen Udo Lindenberg, Loriot und Richard von Weizsäcker haben viel Aufmerksamkeit erregt.

Der Star aber ist die David-Bowie-Spinne. Als Jäger die malaysische Riesenkrabbenspinne nach dem britischen Sänger benannte, ging die Nachricht in kürzester Zeit um die Welt. Der Heteropoda davidbowie wurden eine Sonderausstellung und ein Kunstprojekt gewidmet. Im Internet erreichte der Forscher Millionen Menschen – immer verbunden mit der Nachricht, dass Lebensräume bedroht und durch Palmölplantagen zerstört sind. Jäger weiß: „Wenn die Art Heteropoda flavescens heißen würde, hätte mir doch keiner zugehört.“

Von Sonja Fröhlich/RND

Bundesumweltministerin Svenja Schulze über globale Strategien gegen den weltweiten Artenschwund – was jeder im eigenen Garten tun kann

07.05.2019

Auf Reisende zu Mars käme einiges an gesundheitlichen Risiken zu. Das zeigen Erfahrungen auf der Internationalen Raumstation. Für Veränderungen im Gehirn haben Forscher nun belegt, dass sie wohl langfristig bestehen bleiben – mit noch ungewissen Folgen.

06.05.2019

Ob am Stiel, in der Waffel oder als Riegel: Die Deutschen lieben Eis. Aber sowohl der Geschmack als auch die Qualität müssen stimmen – doch woran erkennt man gutes Eis und wie wird seitens der Hersteller getrickst?

06.05.2019