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Nachrichten Wissen Trend Social Freezing: Kinderwunsch mit Kühltruhe
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06:30 07.06.2019
In der Universitätsfrauenklinik in Leipzig wird eine von einer Patientin bei einer Operation entnommene Flüssigkeit auf vorhandene Eizellen für eine künstliche Befruchtung untersucht. Quelle: Waltraud Grubitzsch/dpa
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Berlin

Viele Frauen wollen Kinder haben – aber nicht zu jeder Zeit. Wenn Karriere, gesundheitliche Situation oder fehlender Partner nicht zur Familienplanung passen, legen manche zwar nicht ihren Kinderwunsch aufs Eis, aber dafür ihre Eizellen.

Beim Social Freezing, das Mediziner als Kryokonservierung bezeichnen, lassen sich Frauen im gebärfähigen Alter Eizellen entnehmen, um die Chance auf eine spätere Schwangerschaft zu erhöhen. Vor dem Eingriff sorgt eine spezielle Hormontherapie mit Spritzen dafür, dass besonders viele Oozyten heranreifen. Während einer leichten Narkose werden Eizellen dann unter Ultraschall-Kontrolle entnommen. Danach werden sie in einem besonders schnellen Verfahren schockgefrostet. Das verhindert, dass sich Eiskristalle bilden, die die Eizelle verletzen könnten.

Schockgefrostete Eizellen: wie ein Flugzeug auf Reisehöhe

Laut Schätzungen geht beim Einfrieren etwa ein Zehntel der Eizellen verloren. Die übrigen sind bei Temperaturen um minus 200 Grad Celsius auf unbestimmte Zeit konserviert. „Das ist wie bei einem Flugzeug, das auf Reiseflughöhe ist. Da passiert so gut wie nichts mehr“, sagt der Münchner Reproduktionsmediziner Jörg Puchta. „Start und Landung sind das Problem. Genauso ist es beim Auf- und Abtauen der Eizellen.“

Will eine Frau schwanger werden, taut man die Zellen auf und befruchtet sie in einem Reagenzglas mit Spermien. Im Rahmen des natürlichen Zyklus setzt man sie der Frau dann in die Gebärmutter ein. Die Chancen, dass dies klappt, sind laut Puchta ähnlich wie bei einer normalen künstlichen Befruchtung. Allerdings sei dies auch vom Alter der Eizellen, der Zeugungsfähigkeit des Partners und der Qualität der Behandlung abhängig. „Bei einer 30-jährigen Frau würde ich von einer Schwangerschaftsrate von 50 Prozent pro Versuch ausgehen. Wenn die Eizellen älter sind, reduziert sich dies entsprechend“, sagt der Mediziner.

Während die Methode in den USA schon recht verbreitet ist, sind die Deutschen eher zurückhaltend. Bisher gibt es keine umfassende Statistik. Puchta schätzt jedoch, dass die Zahl der Frauen, die Eizellen einfrieren lassen, bisher bundesweit unter 10 000 pro Jahr liegt. „Das zeigt, dass wir Deutschen generell etwas zurückhaltender sind, was Neues angeht“, sagt der Mediziner, der jedoch eine steigende Tendenz feststellt. Sein Münchner Zentrum führt zurzeit etwa 500 Entnahmen pro Jahr durch – 2007 sei man mit rund 20 im Jahr gestartet, berichtet Puchta.

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Facebook und Apple bezahlen Mitarbeiterinnen das Social Freezing

Auch Großkonzerne tragen dazu bei, dass Social Freezing in den USA bekannter und beliebter ist als hierzulande. Facebook und Apple etwa, die ihren Mitarbeitern umfangreiche Sozialprogramme bieten, übernehmen auch die Kosten, wenn sich ihre Mitarbeiterinnen für Social Freezing entscheiden. Aus Deutschland hagelte es daran Kritik.

Für den Hamburger Gynäkologen Frank Nawroth, der sich seit Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt, ist es unvorstellbar, dass Arbeitgeber hierzulande ähnliche Angebote machen. „Bei uns ist der Chor, der so etwas bewertet, vielstimmiger. Viele Meinungsbildner wie Kirchen und Parteien äußern sich. Ein Unternehmen, das so etwas anbietet, würde öffentlich sicher stark kritisiert werden.“ Dabei sind die Kosten, die für die Methode anfallen, nicht unerheblich. Allein für die Vorbehandlung, Entnahme und Lagerung veranschlagen Ärzte 3000 bis 4000 Euro. Viele Mediziner arbeiten mit speziellen Instituten, sogenannten „Kryobanken“, die die gefrorenen Eizellen einlagern. Einige Mediziner, darunter Puchta, setzen sich dafür ein, dass Krankenkassen künftig die Leistung übernehmen. „Dass die Unternehmen das bezahlen, ist nicht die optimale Variante. Das hat einen Beigeschmack von Einmischung oder Erwartungshaltung“, sagt er.

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Social Freezing keine medizinische Notwendigkeit

Der Medizinethiker Maximilian Schochow von der Universität Ulm ist anderer Meinung: Gemeinsam mit Ko-Autoren der Universität Halle schreibt er in der Fachzeitschrift „Science and Engineering Ethics“, Social Freezing sei keine medizinische Notwendigkeit, sondern diene der Erfüllung eines individuellen Wunsches. Deshalb solle jeder selbst die Kosten dafür tragen müssen.

Aus medizinischen Gründen, etwa bei Krebspatientinnen, ist die Methode schon länger gängige Praxis. Doch erst seit einigen Jahren wird sie vermehrt auch aus Gründen der individuellen Lebensplanung eingesetzt. Puchta sieht das als Chance und Risiko zugleich: „Es bringt mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit, aber am Ende auch mehr Last. Es bedeutet das Verschieben von etwas, das wir von unserer Biologie her eigentlich in jungen Jahren machen sollten.“

Ob sich der Aufwand und die Kosten letzten Endes lohnen, ist schwer vorhersehbar. Die Methode ist noch zu jung, um ein aussagekräftiges Fazit zu ziehen. Eines zeichnet sich bereits ab: Die wenigsten eingefrorenen Eizellen kommen derzeit zum Einsatz. Die Auswertung von Daten des Zentrums für Reproduktionsmedizin in Brüssel, die im vergangenen Jahr auf einer Konferenz der European Society of Human Reproduction and Embryology vorgestellt wurde, zeigt: Nur knapp acht Prozent der Kundinnen wollten letztlich die Eier auftauen und sich für eine Schwangerschaft einsetzen lassen.

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Viele Kundinnen werden noch auf natürlichem Wege schwanger

Das hat einen einfachen Grund: „Es sind überwiegend nicht die Karriereristen, die kommen. Die meisten haben ein Problem damit, den richtigen Partner zu finden“, erzählt Nawroth über seine Patientinnen. Viele finden nach dem Einfrieren ihrer Eier doch noch den richtigen Partner und werden auf natürliche Weise schwanger. Die meisten Frauen sind Medizinern zufolge Mitte bis Ende 30, wenn sie sich zum ersten Mal beraten lassen. Schochow und seine Kollegen warnen davor, Social Freezing als „Fruchtbarkeits-Versicherung“ zu verstehen. Denn: Je älter die Frau bei der Entnahme ist, desto schlechter die Qualität der Eizellen, desto schlechter auch die Chancen auf eine Schwangerschaft.

Puchta sieht in der Tendenz zum Verschieben auch ein generelles gesellschaftliches Problem: „Wir trennen uns, tauschen aus, hoffen auf etwas Besseres. Unsere Multioptionsgesellschaft macht uns kaputt“, meint der Mediziner. Dass auch der Beruf für manche Frauen ihrem Kinderwunsch im Weg steht, sei kein Problem, dass die Medizin lösen könne, schreiben Schochow und Kollegen. Hier sehen die Forscher die Politik in der Pflicht.

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Grenze oft schon bei 35 Jahren

Gynäkologe Nawroth, der sich bereits in der Frühphase des deutschen Social Freezings klar positionierte, warnt Arztpraxen davor, Social Freezing wirtschaftlich auszunutzen und auch bei Frauen anzuwenden, deren Chancen sehr schlecht stehen. Bei seinen eigenen Behandlungen zieht der Gynäkologe beim Alter von 39 Jahren die Grenze. Wer älter ist, kommt nicht mehr infrage für die Methode. Andere Arztpraxen ziehen die Grenze schon bei 35 Jahren. Auch den Zeitpunkt des Auftauens und der möglichen Schwangerschaft solle man nicht zu lange hinauszögern, empfiehlt Nawroth. Die Handlungsfähigkeit der Ärzte sei begrenzt – auch die Frauen seien in der Pflicht, vernünftige Entscheidungen zu treffen. „Man kann warnen. Aber es kann trotzdem jeder sagen: Ich fahre mit 49 ins Ausland und mache, was ich will“, meint Nawroth.

„Wir sollten so jung wie möglich Kinder bekommen“

Auch sein Kollege Puchta plädiert dafür, Schwangerschaften in fortgeschrittenem Alter zu vermeiden. „Wir sollten so jung wie möglich Kinder bekommen“, sagt er. Jüngere Eltern hätten in der Regel mehr Energie und weniger medizinische Probleme. Eine Befragung von Medizinethiker Schochow und seinen Kollegen zeigt: Die Mehrheit der befragten deutschen Gynäkologen sieht Social Freezing nicht als Zukunft des Kinderkriegens, sondern empfiehlt klar die natürliche Fortpflanzung.

Vernünftige Entscheidungen erfordern fundierte Informationen. Und dafür braucht es umfassendere und bessere Aufklärung – das ist das Fazit der Experten. „Man muss kritisch aufklären, damit die Frauen realistische Erwartungen an die Methode haben“, sagt Nawroth. Denn so verführerisch die Verheißungen des Social Freezings sein mögen – als Garantie fürs Kinderglück taugen sie nicht.

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Von RND/dpa/Larissa Schwedes

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