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Wissen Friseurbesuch, Rasierer, Parfüms: Warum zahlen Frauen mehr als Männer?
Nachrichten Wissen Friseurbesuch, Rasierer, Parfüms: Warum zahlen Frauen mehr als Männer?
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19:10 11.07.2019
Trotz nahezu identischer Inhaltsstoffe oder Produkte gibt es teilweise große Preisunterschiede zwischen Frauen- und Männer-Produkten, unter anderem bei Rasierern. Quelle: Christophe Gateau/dpa
Hannover

Rosa für die Frau, blau für den Mann – diese Regel gilt hierzulande seit Jahrzehnten und bringt vor allem der Industrie satte Gewinne. Egal ob Kleidung, Kugelschreiber, Pflaster oder Handyhüllen: Produziert wird meist in zweifacher Ausführung, damit Mädchen und Jungen, Frauen und Männer auch das Passende für sich finden. Obwohl Verbraucherschützer das Phänomen seit Jahren kritisieren, sind Produkte in weiblicher Ausfertigung weiterhin oft teurer als das männliche Pendant.

Sowohl bei einigen Dienstleitungen, wie zum Beispiel dem Friseurbesuch, als auch bei etlichen Kosmetikprodukten gibt es immer wieder Beispiele für die sogenannte „Pink Tax“: ein Aufschlag auf Artikel, die für Frauen bestimmt sind. Bei einer Stichprobe im Februar 2019 verglichen Experten der Verbraucherzentrale Hamburg unter anderem Preise für Produkte wie Einwegrasierer oder Rasierschaum miteinander. Dabei stießen sie auf Preisaufschläge für Frauen von bis zu 100 Prozent.

Preisunterschiede sind kein Zufall

Die Marktstichprobe hatte die Verbraucherzentrale Hamburg bereits zum vierten Mal durchgeführt. „Leider hat sich in den letzten Jahren nur wenig verändert“, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale. Zwar hätten sich Preisunterschiede bei Pflegeartikeln zwischen einigen Frauen- und Männer-Produkten etwas reduziert, sie seien aber weiterhin vorhanden.

Bei den Preisunterschieden handelt es sich laut den Verbraucherschützern keinesfalls um Zufälle, sondern um wirtschaftliches Kalkül. „Frauen sind weniger preissensibel und oft bereit, mehr Geld für ihr Äußeres auszugeben, als Männer“, erklärt Schwartau. Diese Tatsache würde von einigen Unternehmen ausgenutzt und resultiert im sogenannten „Gender Pricing“.

Deutliche Unterschiede bei Rasierern und Pflegeartikeln

Viele Produkte des täglichen Bedarfs, darunter auch persönliche Pflegeartikel, werden geschlechtsspezifisch vermarktet und richten sich gezielt an Frauen oder Männer. Das schlägt sich auch in den Preisen nieder. Vor allem für Rasierprodukte wie Einwegrasierer und Rasierschaum sowie Parfüms müssen Frauen laut Verbraucherzentrale Hamburg oft erheblich mehr zahlen.

Bei elf der im Marktcheck untersuchten Rasierprodukten aus verschiedenen Drogeriemärkten waren die Preise für die Frauenvariante durchschnittlich knapp 38 Prozent höher. Bei den zwei stichprobenartig untersuchten Eau de Toilettes stellten die Verbraucherschützer einen Aufpreis von 24 Prozent (bruno banani) und 57 Prozent (Eau de Toilette von Mexx) fest. Dabei seien die Inhaltsstoffe und die Bauart in den meisten Fällen nahezu identisch. Unterschiede zwischen den für Männer und Frauen bestimmten Produkten konnten die Tester hauptsächlich in Farbe und Aufmachung der Verpackung entdecken.

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Für die Verbraucherzentrale Hamburg steht deswegen fest: „Die Höhe der geschlechtsspezifischen Preisunterschiede ist in vielen Fällen nicht zu rechtfertigen.“ Auch dann nicht, wenn sich die Inhaltsstoffe in manchen Produkten etwas unterscheiden. Denn die Inhaltsstoffe machen oft nur einen Bruchteil der Herstellungskosten aus.

Gender Pricing auch bei Dienstleistungen

Eine im Dezember 2017 veröffentlichte Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes belegt: nicht nur bei Kosmetikartikeln werden Frauen benachteiligt. Das Institut für sozioökonomische Forschung untersuchte im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle Preisunterschiede bei Dienstleitungen und Produkten – von Spielzeug über Bekleidung bis hin zu Pflegeprodukten. Fazit: der überwiegende Teil der Produkt- und Dienstleistungsvarianten wird in Deutschland für beide Geschlechter zwar preisgleich angeboten. 3,7 Prozent der Produktvarianten unterschieden sich jedoch beim Preis. 2,2 Prozent waren für Frauen, 1,4 Prozent für Männer teurer. Der Preisaufschlag lag bei durchschnittlich rund fünf Euro.

Bei Dienstleistungen zeigten sich noch größere geschlechtsspezifische Unterschiede. Das gilt besonders für Reinigungen und Friseurbesuche: So boten nur 11 Prozent der untersuchten Friseure einen gleichartigen Kurzhaarschnitt auch zum gleichen Preis an. Auch beim Reinigen von Blusen mussten Frauen für die gleiche Leistung teilweise deutlich mehr zahlen als Männer.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine jährliche Analyse im Auftrag des Kosmetikkonzerns Wella. Im vergangenen Jahr haben Frauen für einen einfachen Nasshaarschnitt im Schnitt 29,70 Euro gezahlt, Männer dagegen nur 22,90 Euro. Aufgrund von steigenden Personalkosten werden Friseurbesuche für deutsche Verbraucher außerdem immer teurer. Und auch dabei zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Während die Preise bei den Männern gegenüber dem Vorjahr um 8,0 Prozent stiegen, waren es bei den Frauen 9,2 Prozent.

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Blau statt Pink kaufen

Den höheren Preisen für Dienstleistungen können Frauen sich kaum entziehen. Bei Kosmetikprodukten haben sie zumindest theoretisch die Möglichkeit, sich bewusst für das billigste Produkt zu entscheiden. Vor dem Ladenregal ist es häufig jedoch gar nicht so einfach herauszufinden, welcher Rasierschaum, welches Parfüm oder welche Haarkur letztendlich am wenigsten kostet.

Unterschiedliche Füllmengen und Packungsgrößen verlangen ungeübten Kunden für den direkten Preisvergleich einiges an Rechenleistung ab. Zudem platzieren Drogeriemärkte ihr Angebot für Frauen und Männer in der Regel fein säuberlich getrennt voneinander, so dass Frauen die billigeren Männerprodukte gar nicht erst im Blick haben. Teilweise unterscheiden sich die Produkte außerdem geringfügig in der Zusammensetzung. „Es kann nicht der richtige Weg sein, dass Frauen im Laden nach günstigeren Produkten lange suchen müssen“, kritisiert Schwartau deswegen.

Wer sparen möchte, sollte sich trotzdem am besten gegen das rosafarbene Design entscheiden. So weiblich, wie oft behauptet, ist die Farbe sowieso nicht: Bis in die 1940er Jahre galt Rosa in Deutschland als männlich, während Frauen in Anlehnung an die Jungfrau Maria die Farbe Blau zugesprochen wurde.

In New York und Kalifornien ist Gender Pricing verboten

In anderen Ländern steht die preisliche Diskriminierung von Frauen bereits seit einigen Jahren auf der politischen Agenda. Die amerikanischen Bundesstaaten New York und Kalifornien haben das sogenannte Gender Pricing offiziell verboten: Produkte und Dienstleistungen dürfen nicht mehr je nach Geschlecht unterschiedlich viel kosten. Auch in Österreich gibt es seit 2008 ein Gesetz, das die Benachteiligung eines Geschlechtes bei der „Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen“ untersagt.

In Deutschland sind unterschiedliche Preise für baugleiche oder inhaltsgleiche Produkte rechtlich nicht verboten. Die Verbraucherzentrale Hamburg appelliert deswegen an Hersteller und Händler, die Preisdiskriminierung von Frauen in jeglicher Hinsicht zu unterlassen. „Es darf nicht sein, dass Frauen durch höhere Preise diskriminiert werden“, so Schwartau. Frauen würden durch die „Pink Tax“ in doppelter Hinsicht benachteiligt: Denn sie zahlen nicht nur mehr, sondern verdienen durchschnittlich auch weniger als Männer.

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Die Verbraucherzentrale dokumentiert Preisunterschiede in einer stetig wachsenden Liste. Beispiele für Produkte, für die Frauen tiefer in die Tasche greifen müssen als Männer, nehmen die Verbraucherschützer per E-Mail entgegen. Zudem können Frauen Beschwerde bei den Herstellern einlegen.

Von RND/Alena Hecker/Luisa Ziegler

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