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Wissen Hitler war wohl gar kein so guter Wahlkampfredner
Nachrichten Wissen Hitler war wohl gar kein so guter Wahlkampfredner
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14:17 06.08.2018
Adolf Hitler hält etwa 1936 eine Rede. Quelle: Hulton Archive/Keystone/Getty Images
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Konstanz/Berlin

Die Wahlkampfauftritte Adolf Hitlers haben seiner Partei, der NSDAP, neusten Forschungen zufolge nur einen geringen Stimmenzuwachs beschert. Politikwissenschaftler der Universität Konstanz und der Hertie School (Berlin) kommen nach einer Datenanalyse zu dem Schluss, dass das Bild des Diktators von einem der einflussreichsten Redner in der Geschichte relativiert werden müsse, teilte die Universität am Montag mit. Die Forscher analysierten die Wahlstatistiken aus 1.000 Landkreisen und Bezirken sowie aus 3.864 Kommunen.

Zwischen 1927 und 1933 gab es fünf Reichtagswahlen und die Wahl zum Reichspräsidenten. In dieser kurzen Zeit stieg der Stimmenanteil der NSDAP von drei auf 44 Prozent. Der Vergleich von Regionen, in denen Hitler einen von insgesamt 455 öffentlichen Auftritten hatte, mit Gebieten ohne seine Präsenz zeigt den Angaben zufolge nur eine geringe persönliche Wirkung Hitlers auf die Wähler. „Wir sind überrascht, wie marginal der Effekt von Hitlers Wahlauftritten war, obwohl ihm von Zeitzeugen und Historikern gleichermaßen überragende rhetorische Fähigkeiten attestiert werden“, so Peter Selb von der Uni Konstanz und Simon Munzert von der Hertie School of Governance in Berlin. Ähnlich schwach stelle sich die Wirkung von Joseph Goebbels dar.

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Charismatische Führungsfiguren nicht so wichtig

Das stärkste Echo beobachtet das Forscherteam bei der Stichwahl um das Amt des Reichspräsidenten 1932. Hitlers Konkurrent Paul von Hindenburg absolvierte keinerlei öffentliche Auftritte, Hitler holte mit seinem persönlichen Engagement rund zwei Millionen Stimmen zusätzlich. Zu einem Wahlsieg reichte es dennoch nicht. Die Autoren schätzen den durch Wahlkampfauftritte erreichten Stimmenzuwachs auf maximal zwei Prozentpunkte.

Die Ergebnisse sind den Wissenschaftlern zufolge umso bemerkenswerter, als Hitlers Wahlkampf als historischer Beleg für starke Kampagneneffekte gilt. Im Gegensatz zu seinen politischen Konkurrenten setzte er neue Techniken ein, etwa den Lautsprecher und das Flugzeug, mit dem er das Land bereiste. Auf der Grundlage ihrer Analysen empfehlen die Forscher, die herkömmliche Meinung skeptisch zu betrachten, dass charismatische Führungsfiguren einen entscheidenden Erfolgsfaktor für den Aufstieg zum Beispiel rechtspopulistischer Bewegungen darstellten.

Von epd/RND

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