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06:00 17.11.2018
5 bis 20 Prozent der Einbruchsopfer leiden langfristig unter Ängsten. Quelle: Wordley Calvo Stock - stock.adobe
Hannover

Als sie es hört, ist ihr Tee noch warm. Viktoria, die ihren echten Namen nicht verraten will, trinkt daraus und überlegt: schweigen oder pöbeln? Es ist Nacht, gleich 1 Uhr. Warum zur Hölle gelten Nachtzeiten nicht für Studenten-WGs? Warum dieses ständige Gepolter? Warum jetzt noch? Egal, was soll’s. Noch ein Schluck Tee, dann legt sich Viktoria ins Bett, steckt den Kopf unter das Kopfkissen. Kurz darauf vibriert ihr Handy. Die Mitbewohnerin schreibt. „Bist du das?“ „Nein.“ „Mist.“

Wer auch immer da poltert, er gehört nicht zur WG. „Leg dich hin und tu, als ob du schläfst.“ Keine Antwort, weil der Fremde die Zimmer wechselt. Viktoria presst sich auf ihre Matratze, als könne sie das unsichtbar machen. Dann öffnet sich auch ihre Tür. Viktoria liegt verkrampft da, traut sich nicht, die Augen zu öffnen, versucht, gezwungen ruhig zu atmen, schwitzt. Ihr Kopf ist so voll mit Gedanken, dass jede Erinnerung an diesen Moment ihr später schwerfallen wird.

Zehn Minuten später ist alles vorbei, 15 Minuten später hat sie die Polizei alarmiert, 20 Minuten später sitzen Viktoria und ihre Mitbewohnerin in der Küche und trinken eine neue Tasse Tee. Viktoria weint, ihre Mitbewohnerin ebenfalls. Die beiden Studentinnen sind Opfer eines Einbruchs geworden. Beide Laptops sind weg, ein Portemonnaie, sogar einige Haushaltsgegenstände.

Einbruch belastet auch Privatsphäre-Empfinden

Viktoria und ihre Mitbewohnerin reden jetzt über das, was jeder weiß – und was sie bisher nicht interessierte. Dass sie das Küchenfenster hätten sichern müssen, dass man es nicht kippen darf. Nicht nachts. Nicht im Erdgeschoss. Nicht in Leipzig-Reudnitz, wo die beiden wohnen. Dass sie verdammtes Glück gehabt haben. Und sie sagen noch etwas: dass sie sich in ihrer eigenen Wohnung unwohl fühlen. Sie haben Angst. Was, wenn es wieder passiert?

Dieser Gedanke ist zunächst leise, er wird jedoch umso lauter, je öfter Viktoria den Abend durchgeht. Die Polizisten sagen, dass Einbrecher eine Wohnung oft mehrmals besteigen. Ihre Eltern, die auf dem Dorf wohnen, sagen, sie solle raus aus der Großstadt. Ihre Freunde meinen, das wäre zu viel für sie. Drei Monate später lebt Viktoria in einer neuen Wohnung in einer besseren Wohngegend, Leipzig-Gohlis, in einer oberen Etage.

So wie Viktoria geht es vielen. Ein Einbruch in die eigene Wohnung ist ein Schock. Nicht nur, weil wertvolle Dinge gestohlen werden. Denn neben dem Verlust von materiellen Werten müssen Einbruchsopfer vor allem verkraften, dass jemand in ihre Privatsphäre eingedrungen ist. Ihr Zuhause, der intime Rückzugsraum, in dem sie sich immer geborgen fühlten, erscheint ihnen plötzlich nicht mehr sicher.

Schnelle Hilfe für Opfer von Einbrüchen

„Das Grundvertrauen ist gestört“, sagt Gerd Reimann von der Deutschen Psychologen Akademie in Berlin. „Das ist eine starke psychologische Belastung, die sich in verschiedenen Symptomen äußern kann: Ängste, Nervosität, Schlafstörungen, Albträume bis hin zu psychosomatischen Störungen wie Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf- oder Magen-Darm-Problemen.“

15 bis 20 Prozent der Einbruchsopfer leiden langfristig unter Ängsten und psychosomatischen Belastungen, erläutert der Weiße Ring, ein Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten in Mainz.

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Viele Opfer stellen sich immer wieder die quälende Frage, ob ihnen so etwas wieder passieren könnte. Ob sie vielleicht selbst durch Nachlässigkeit die Diebe angelockt haben? Auch Ekel spielt eine Rolle: Was hat der Eindringling angefasst? In welchen Räumen hielt er sich auf? „Etwa 25 Prozent aller Einbruchsopfer leiden so stark, dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen wollen. 10 Prozent tun das auch wirklich“, sagt Reimann.

Damit sich Ängste und Traumata nicht verfestigen, ist es wichtig, Betroffene unmittelbar nach dem Einbruch zu unterstützen. „Es kann bereits helfen, über Erlebtes zu sprechen und so das Geschehene zu verarbeiten“, sagt etwa Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des Weißen Rings. Es ist also sinnvoll, sich aktiv Beistand zu holen, bei Verwandten, Freunden, aber auch bei Hilfseinrichtungen oder Psychologen.

Nach Einbruch sollten Opfer Vorsorge treffen

Allerdings sollten sich Freunde und Helfer mit eigenen Kommentaren und Bewertungen der Situation zurückhalten. „Das könnte die Selbstvorwürfe und Schuldgefühle der Opfer verstärken“, warnt Reimann. Er beobachtet, dass auch Aussagen bei polizeilichen Ermittlungen und Gespräche mit Versicherungen für Betroffene eine große psychologische Belastung darstellen können: „Notwendige Fragen nach den Tatumständen, nach Sicherheitslücken und Schutzvorrichtungen werden oft als Schuldzuweisung interpretiert. Danach fühlen sich die Opfer noch schlechter.“

Wenn Ängste und andere psychische Symptome nicht nach einigen Tagen oder innerhalb der folgenden zwei bis drei Wochen zurückgehen, sollten sich Betroffene psychologische Hilfe suchen. „Etwa ein Drittel der Opfer kommt allein nicht zurecht“, sagt Reimann. „Viele Menschen neigen dazu, unangenehme Dinge zu vermeiden. Das ist zunächst auch in Ordnung.“ Verfestigt sich aber die Vermeidungsstrategie, sei Hilfe notwendig. Reimann betont: „Ein Einbruchsopfer, das aus Angst in eine andere Wohnung zieht, wird sich dort nicht automatisch sicherer fühlen. Im Gegenteil: Die Ängste werden nicht weniger, sondern stärker.“

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Stattdessen kommt es darauf an, Gedanken und Handeln der Betroffenen auf konkrete Pläne und Veränderungen zu richten. „Es hilft, sich darüber zu informieren, was man selbst tun kann, um künftigen Einbrüchen bestmöglich vorzubeugen“, erklärt Biwer. Etwa, mit welchen technischen Mitteln wie Türsicherungen, Alarmanlage oder Rollläden kann man es Einbrechern so schwierig wie möglich machen? Das gibt Einbruchsopfern oft das Gefühl, dass sie aktiv dazu beitragen können, weitere Einbrüche zu verhindern.

Soziale Beziehungen stärken Sicherheitsgefühl von Einbruchsopfern

„Was konkret getan werden muss, lässt sich am besten herausfinden, wenn man systematisch das ganze Haus durchgeht“, rät Helmut Rieche, Vorsitzender der Initiative für aktiven Einbruchschutz „Nicht bei mir!“. Wichtig ist, alle potenziellen Einstiegswege zu identifizieren. Wie umfangreich die Sicherungsmaßnahmen dann ausfallen, hängt vom persönlichen Sicherheitsgefühl und den lokalen Bedingungen ab. „Wichtig ist, alle Einstiegswege gleichwertig abzusichern“, rät Rieche. „Es genügt nicht, die Haustür mit Schlössern und Ketten zu versehen, wenn andererseits die Fenster leicht aufzuhebeln sind. Die Einbrecher kennen die üblichen Schwachstellen ganz genau.“ Den Einbau der Technik übernimmt am besten ein Fachbetrieb. Dann ist man auch gegenüber der Hausratversicherung auf der sicheren Seite.

Mitunter neigen Einbruchsopfer dazu, ihre Wohnung zu einer Festung zu machen und sie kaum noch zu verlassen. Das hilft aber nicht bei der Verarbeitung des Geschehens. Besser ist es, soziale Beziehungen zu pflegen, Kontakt zu Freunden und Verwandten zu halten. „Das sorgt für ein höheres Sicherheitsgefühl“, betont Bianca Biwer von der Opferberatung. „Gibt es mehrere Orte, an denen ich mich sicher und geborgen fühle, verliert die eigene Wohnung etwas an Bedeutung – und damit sinkt auch die Angst vor einem Einbruch.“

Hier finden Sie Hilfe

Sie sind Opfer von Gewalt geworden? Nehmen Sie Hilfe in Anspruch und wenden Sie sich an eine Beratungsstelle:

Opfer-Telefon des Weissen Rings, 116 006, alle Tage von 7 bis 22 Uhr.

Hilfe-Telefon „Gewalt gegen Frauen“ des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, 08000 116 016, alle Tage rund um die Uhr.

Von RND/Julius Heinrichs und Katja Fischer

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