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Wissen Polypharmazie: Wie man im Medikamenten-Chaos den Durchblick behält
Nachrichten Wissen Polypharmazie: Wie man im Medikamenten-Chaos den Durchblick behält
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15:00 19.07.2019
Welches Medikament zur welchen Zeit? Bei der gleichzeitigen Einnahme von mehreren Arzneimitteln können Tablettenboxen hilfreich sein. Quelle: Caroline Seidel/dpa-tmn
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Bremen/Tübingen

Nimmt ein Patient dauerhaft mehrere Medikamente gleichzeitig, kann er nicht nur den Überblick verlieren. Bei der sogenannten Polypharmazie lauern auch einige Gefahren. „Wichtig ist, dass auch die Medikamente dazu zählen, die nicht vom Arzt verschrieben werden, sondern die man sich selbst in der Apotheke kauft“, erklärt Hannah Haumann vom Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen.

Wirkstoffe: Kombination kann gefährlich werden

„Wer Kopfschmerzen und verschiedene Behandler wie etwa den Neurologen, den Hausarzt und den Orthopäden hat, und vielleicht noch Rat von Freunden oder Nachbarn bekommt, bei dem kann schon eine Kombination von vielen Wirkstoffen auftreten“, sagt die Expertin. Das kann auch jüngere Patienten betreffen. Doch vor allem ältere Menschen, bei denen zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck oder Herzkrankheiten häufiger vorkommen, müssen über den Tag oft etliche Tabletten schlucken.

Da beginnen die Probleme schon bei der Einnahme – wenn man den Überblick behalten und alles zur richtigen Zeit in der richtigen Dosis einnehmen muss. Mit zunehmendem Alter kann das immer schwieriger werden. „Einige meiner Patienten sehen nicht mehr so gut“, sagt Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbandes. „Da ist es nicht leicht, die ganzen Beipackzettel auseinanderzuhalten.“ Tablettenboxen können da hilfreich sein.

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Medikationsplan: Anspruch besteht ab drei Arzneimitteln

Gesetzlich Versicherte, die mindestens drei verordnete Arzneimittel dauerhaft einnehmen, haben außerdem Anspruch auf einen Medikationsplan. Darauf weist Annekathrin Schrödl hin, Apothekerin bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Das standardisierte Formular dient dem Patienten als verständlicher Einnahmeplan. „Darauf steht ein Wirkstoff und daneben, welche Dosierung erforderlich ist und wann und wie das Medikament eingenommen werden soll“, erklärt Schrödl.

Gerade bei Polypharmazie besteht das Risiko, dass ein Medikament neben der gewünschten eine unerwünschte Wirkung hat – zum Beispiel, weil es auf ein anderes Medikament reagiert. Wechselwirkungen nennen Experten das. „Besonders aufpassen muss man zum Beispiel bei Medikamenten, die die Blutgerinnung des Körpers beeinflussen“, erklärt Hausarzt Mühlenfeld. So können in der Kombination manche Mittel deren Wirkung herabsetzen, andere können die Blutungsneigung dagegen verstärken.

Nebenwirkungen: Nieren können geschädigt werden

Auch das Risiko von Nebenwirkungen steigt, je kränker ein Patient ist und je mehr Medikamente er einnimmt. „Etwas mehr als sechs Prozent aller Vorstellungen in den Notaufnahmen in Deutschland können laut einer aktuellen Studie mit Nebenwirkungen von Medikamenten begründet werden“, sagt Hannah Haumann. Die Nierenfunktion spielt für Nebenwirkungen eine besondere Rolle und lässt im Alter ohnehin nach, Medikamente werden anders im Körper abgebaut. Eine Gefahr sind auch Schwindel und ein höheres Sturzrisiko.

Mehrwert: Abwägung von Nebenwirkungen

„Spätestens ab dem dritten, vierten Medikament weiß kein Professor für Pharmakologie mehr, was in einem Menschen passiert“, sagt Mühlenfeld. Er sieht eine wichtige Aufgabe der Hausärzte darin, von Polypharmazie betroffene Menschen zu „demedikamentisieren“.

„Ein Spezialist sieht zum Beispiel im Ultraschall eine Verkalkung an der Schlagader. Nach der Leitlinie braucht der Patient ein Medikament“, erklärt Mühlenfeld. Wenn es jedoch die zehnte Tablette sei, müsse man den medizinischen Mehrwert und die möglichen Nebenwirkungen im Zusammenhang betrachten. Im Gespräch mit dem Patienten entscheidet Mühlenfeld, ob das Medikament aus dem Plan genommen wird.

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Polypharmazie: Bei manchen Patienten unumgänglich

Gewichtet wird gemeinsam mit dem Patienten: „Es gibt Medikamente, mit denen ich Symptome wie Schlafstörungen, Luftnot oder Wasser in der Lunge behandle“, erklärt Mühlenfeld. „Andere nehme ich zur Prophylaxe, etwa gegen Verkalkung.“ Je nach Lebensalter und Stärke der Beschwerden können manche Medikamente unter Umständen weggelassen werden.

Dabei wird die Einnahme aber nicht um jeden Preis reduziert. „Wenn die Therapie gut begründet, auf Belege gestützt und für den Patienten notwendig ist, gibt es Situationen, in denen Polypharmazie nicht vermeidbar ist“, betont Haumann. Schon gar nicht sollten Patienten eigenmächtig bestimmte Medikamente absetzen.

Arzneimittel: Jährlich die Notwendigkeit prüfen

Wichtig ist eine zentrale, die Behandlung koordinierende Stelle – bei vielen Patienten ist das der Hausarzt. Mühlenfeld empfiehlt, einmal im Jahr mit allen Tabletten in die Praxis zu kommen. Dort kommt jedes Medikament auf den Prüfstand. Zuerst einmal wird geklärt: Warum wird es genommen? „Die nächste Frage ist: Gibt es ausreichende Belege dafür, dass es für diese Erkrankung und das Alter genau das Richtige ist?“, so Mühlenfeld. „Bei älteren Patienten stellt sich die Frage, ob eine Nierenschwäche vorliegt, und die vierte Frage ist: Was will ich mit dem Medikament überhaupt erreichen?“

Bei der Unabhängigen Patientenberatung melden sich immer wieder auch Angehörige. „Die sagen: Ich habe den Eindruck, mein Opa nimmt so viele Medikamente und das wirkt alles so unkoordiniert“, berichtet Annekathrin Schrödl. Sie ermutigt jeden, bei Verwandten die Medikamente im Blick zu haben. So könnten letztlich viele Beschwerden und Folgeerkrankungen vermieden werden.

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