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Wissen Rettet den Wald! Denn der Wald rettet uns
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14:00 26.01.2019
Je besorgter Klimaschützer sind, dass der CO2-Ausstoß international weiter wächst, desto stärker rückt der Wald als Klimaretter in den Fokus: als grüne Müllabfuhr und Deponie für unsere Wohlstandsabgase. Quelle: unsplash
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Berlin

Seit 193 Jahren steht sie da, 29 Meter hoch, mitten im Berliner Tiergarten, nahe am Regierungsviertel. Sie hat ein Kaiserreich, Revolutionen und Weltkriege überdauert. Besonders fit ist die alte Flatter-Ulme nicht mehr, das Bezirksamt hat Faulstellen und Pilzbefall festgestellt.

Trotzdem: Der alte Baum tut mehr für die Menschen, als die meisten wissen. Er verbessert die Luft und hilft dem Klima. Auch deshalb ist die Flatterulme zum Baum des Jahres 2019 gekürt worden. Denn Ulmen, wie Wälder überhaupt, sind wunderbare Kohlenstoffspeicher. Und damit so etwas wie die Kühlschränke der Natur – wertvolle Helfer im Kampf gegen die Klimaerwärmung.

Um Biomasse zu bilden, um zu wachsen, holen Bäume das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid, kurz CO2, aus der Luft. Sie binden dessen Kohlenstoff – und setzen Sauerstoff frei. Wie viel CO2 ein einzelner Baum wie die Berliner Ulme im Lauf der Jahrzehnte aus der Atmosphäre gefiltert hat, ist nur sehr aufwendig zu ermitteln. Dabei spielen neben der Holzmenge auch Niederschlag, Durchschnittstemperatur und die CO2-Konzentration eine Rolle.

Eine Flatter-Ulme (Ulmus laevis) im Berliner Tiergarten. Die Flatter-Ulme ist Baum des Jahres 2019. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Je besorgter Klimaschützer sind, dass der CO2-Ausstoß international weiter wächst, desto stärker rückt der Wald als Klimaretter in den Fokus: als grüne Müllabfuhr und Deponie für unsere Wohlstandsabgase. Wenn das Einsparen nicht so klappt, dass das Aufheizen der Erde bei plus zwei Grad, gestoppt wird, muss das Gas rausgefiltert werden. Dazu könnten neue Großtechniken dienen – und unsere Vegetation.

Die Vereinten Nationen und die Organisation Plant-for-the-Planet des Deutschen Felix Finkbeiner werben inzwischen gemeinsam für eine gigantische Pflanzaktion mit einer Billion Bäume. Bei der „Trillion Tree Campaign“ gibt es „Baumsparverträge“ zur Geldanlage, Spendenaktionen für mehr Wald und jede Menge Chancen, überall auf der Welt aktiv zu werden.

Experten warnen zwar auch: Nicht jede Aufforstung ist nachhaltig, die natürliche Vegetation kann in Bedrängnis geraten, manche Baumplantagen gehen schnell wieder ein, die Klimawirkung von Bäumen ist regional sehr unterschiedlich. Und doch: Der Blick auf den Wald ändert sich. Wir stellen vier Menschen vor, die an dieser Veränderung mitwirken.

Die Internetmanagerin

Wer etwas für Bäume tun will, muss nicht unbedingt in den Wald gehen. Er kann zum Beispiel auch googeln. Oder besser: ecosia-en.

Ecosia ist eine Websuchmaschine wie Google. Das Unternehmen unterstützt mit seinen Gewinnen Baumpflanzprojekte. Auf der Homepage läuft ein Zähler, alle 1,5 Sekunden wird ein neuer Baum gesetzt. Das sei natürlich ein Durchschnittswert, sagt Génica Schäfgen. „Sonst müsste die Zahl manchmal springen und dann wieder eine Weile gleich bleiben“, erklärt die 25-jährige Managerin von Ecosia in Deutschland.

Schäfgen, blonde lange Haare, Berliner Hipster-Chic, mag ihre Arbeit: „Ich war davor im Marketing, da ging es darum, Konsum anzutreiben. Und ich habe mich damit immer unwohler gefühlt“, erzählt sie. „Ich wollte in einer Firma arbeiten, an die ich glaube.“

Genica Schäfgen, Country Managerin für den deutschsprachigen Raum bei der Suchmaschine Ecosia, steht im Berliner Tiergarten. Die Suchmaschine Ecosia nutzt die aus Anzeigen gemachten Gewinne, um weltweit Bäume zu pflanzen. Nach eigenen Angaben konnten so bereits mehr als 41 Millionen Bäume gepflanzt werden. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Gegründet wurde Ecosia 2009 von Christian Kroll, einem Wittenberger. Dem studierten Betriebswirt war auf einer Weltreise klar geworden, wie wichtig Wälder und Bäume für den Planeten Erde sind. „Jeder kann Gutes tun“, steht auf der Website von Ecosia. Das Unternehmen ist deutsch, hat aber auch Nutzer in den USA, Großbritannien oder Frankreich.

Das Geschäft funktioniert so: Ecosia sucht nicht selbst, sondern zeigt Ergebnisse von Bing an, dem Google-Konkurrenten von Microsoft. Auch die Werbeanzeigen kommen über Bing. Für Klicks auf eine Anzeige bekommt Ecosia Geld. Dieses Anzeigeneinkommen deckt laufende Kosten, davon werden Rücklagen gebildet und Baumprojekte unterstützt.

Die Pflanzungen liegen vor allem in Afrika, Süd- und Mittelamerika sowie Indonesien. Ecosia fördert etwa die Aufforstung der Sahelzone. Für fast 6,7 Millionen Euro seien mehr als 43 Millionen Bäume gepflanzt worden, heißt es auf der Website. „Im Schnitt musst du etwa 45-mal mit Ecosia suchen, um einen Baum zu pflanzen.“

„Wir möchten hinter dem stehen können, was da passiert“

Schäfgen erklärt: „Wir orientieren uns an Biodiversitäts-Hotspots, also an Ökosystemen, die besonders vielfältig sind, aber auch besonders bedroht, etwa durch Abholzung.“ Da lasse sich eine größere Wirkung erreichen als in Deutschland. „Uns ist auch Gleichberechtigung wichtig, faire Arbeitsbedingungen, keine Kinderarbeit.“ Ecosia arbeite eng mit lokalen Organisationen zusammen. „Wir möchten hinter dem stehen können, was da passiert.“

Auch andere Unternehmen setzen auf Wald und Bäume. Bekannt ist das Regenwaldprojekt von Krombacher, für das einst Günther Jauch warb. Inzwischen engagieren sich der Verband WWF und der Bierbrauer für Torfmoorwälder in Indonesien. Werden diese teils trockengelegten Wälder wieder unter Wasser gesetzt, binden sie Kohlenstoff und verhindern die Freisetzung von Treibhausgasen, die im Boden lagern.

Der Waldbeauftragte

Mit 16 Jahren hat Cajus Julius Caesar – so heißt er wirklich – sein erstes Waldstück gekauft. Heute ist der Diplom-Forstingenieur 67 Jahre alt, besitzt „ein paar Parzellen“ in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Kalletal, pflanzt Weihnachtsbäume und ist Waldbeauftragter der Bundesregierung.

In dieser Funktion will Caesar den Menschen die Bedeutung des deutschen Waldes bewusster machen: Die Wald- und Forstwirtschaft biete wie die Autoindustrie Hunderttausende von Arbeitsplätzen. „Ohne den Wald läge bei uns der CO2-Ausstoß 14 Prozent höher, weltweit bis zu 20 Prozent“, sagt Caesar.

Cajus Julius Caesar, Waldbeauftragter der Bundesregierung, zwischen jungen Küstentannen und Fichten im Stadtwald von Barntrup. Quelle: privat/dpa

Und dann sei da noch die Gesundheit: „Es ist erwiesen, dass die Menschen, die sich mehr im Wald aufhalten, länger gesund bleiben. Dass etwa bei Burn-Out das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken im Wald hilft, wieder gesund zu werden. Dafür muss man mehr werben.“

Die hiesige Forstwirtschaft nennt Caesar vorbildlich, weil insgesamt nicht mehr Bäume gefällt würden, als nachwachsen können. „Das gibt es sonst kaum.“ Umweltverbände fordern, viel mehr Wald sich selbst zu überlassen.

Caesar dagegen wirbt vor allem für einen „integrativen“ Naturschutz innerhalb der Bewirtschaftung und verweist auf deren Vorteile für den Klimaschutz: „Wir müssen schauen, dass wir zum Beispiel das Bauen mit Holz voranbringen. Wenn wir ein Gebäude aus Holz bauen statt aus mineralischen Produkten, dann entstehen 55 bis 60 Prozent weniger Emissionen.“

Die Klimaforscherin

Egal durch welches Fenster Julia Pongratz aus ihrem Eckbüro in München guckt, immer blickt sie in Baumkronen. Und hinter ihrem Schreibtisch an der Wand hängen drei Forstfotos, ein Hinweis auf ihr Forschungsfeld: den Wald als natürliches Kohlenstofflager. „An den Zusammenhängen von Vegetation und Klima forsche ich seit meiner Studentenzeit“, sagt die 38-jährige Professorin.

Es geht ihr weniger um das Einzelexemplar vor dem Fenster. Die Geografin, die an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg arbeitet, hat globale Prozesse im Blick. Sie spricht über Erdsystemmodelle und Kohlenstoffsenken – und in ihrer Stimme ist zu hören, dass sie mit dem Herzen dabei ist.

Sie berechnet, wie sich die CO2-Mengen in der Atmosphäre je nach Nutzung von Landflächen entwickeln: wenn Wälder abgeholzt, abgefackelt oder aufgeforstet werden, wenn Ackerflächen auf dem Terrain zunehmen oder wenn sie schrumpfen.

Julia Pongratz, Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme an der Ludwigs-Maximilians-Universität München, lehnt vor ihrem Fakultätsgebäude an einem Baum. Pongratz erforscht die Chancen von Aufforstung um die Klimaerwärmung zu verlangsamen. Quelle: Tobias Hase/dpa

Mit ihren Teams füttert Pongratz Großrechner in Garching und am Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg sowohl mit historischen Daten als auch mit aktuellen Zahlen über Landnutzung. Diese erhält sie durch Satellitendaten. Einfach gesprochen verknüpfen die Wissenschaftler diese beiden Datensets mit den gesicherten Angaben über die Mengen von CO2, die der Wald aufnimmt und lange einlagert.

In der Realität sind diese Prozesse vielschichtig und kompliziert. Aber das Wissen der Experten reicht, um Modelle für die Zukunft zu bauen: Wenn die Menschheit die Fläche der Wälder um einen bestimmten Wert aufpäppelt – um wie viel Grad könnte das den Temperaturanstieg abbremsen?

„Dafür müsste das Entwalden gestoppt werden“, sagt Pongratz, die am Weltklimabericht 2013 mitgewirkt hat und zurzeit wieder an einem neuen arbeitet. Es müssten Bäume gepflanzt, bestehende Wälder erhalten sowie die Forstwirtschaft optimiert werden. „Alles zusammengezählt kommt man nach derzeitigen Abschätzungen auf eine Größenordnung von einigen Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr“, fasst die Wissenschaftlerin die Ergebnisse verschiedener Studien zusammen.

Dichter Atlantischer Regenwald auf der Ilha do Cardoso im Bundesstaat Sao Paulo. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa

Pongratz selbst ließ kürzlich in ihrem Klimamodell ein spezielles Szenario für Wiederaufforstung durchlaufen, das sie für plausibel hält. Dabei gäbe es noch genug Flächen für Landwirtschaft, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. „Wenn wir auf etwa acht Millionen Quadratkilometern Wald nachwachsen lassen würden, kriegen wir ein Minus beim Temperaturanstieg global von etwa 0,3 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts hin“, sagt die zweifache Mutter. Die Fläche entspricht grob der Größe Brasiliens oder fast der Hälfte Russlands.

Diese 0,3 Grad wären für Julia Pongratz aber jede Anstrengung wert. Gleichzeitig ist der Forscherin klar: Mehr Bäume allein werden das Weltklima nicht retten. Das massive Einsparen von CO2 aus Kohle, Öl und Gas bleibt ohne Alternative.

Dann sagt die Klimaexpertin, die so viel Tatkraft ausstrahlt, etwas Düsteres: Der fortschreitende Klimawandel mit Dürren und Bränden könne auch bewirken, dass Wälder Schaden nehmen und, statt Kohlenstoffspeicher zu sein, immer öfter zum Emittenten werden. „Wenn Sie eine Borkenkäferplage haben, eine lange Trockenheit oder Feuer: Das sind Dinge, die den CO2-Speicher zunichtemachen.“ Sollte das auf weiten Flächen geschehen, hätten wir ein „Riesenproblem“.

Der Waldmacher

Wenn Tony Rinaudo ein Pessimist wäre, gäbe es heute viele Millionen Bäume weniger. „Scheitern ist für mich nur die Aufforderung, nach einem anderen Weg zu suchen“, sagt der 61-jährige Australier. „Es ist wichtig nicht aufzugeben, wenn man an etwas glaubt.“ Gerade hat der groß gewachsene Mann mit dem breiten Lächeln den alternativen Nobelpreis erhalten für seine Methode, in der Sahelzone ausgetrocknete Böden wieder zu begrünen und aufzuforsten.

Angefangen als „Waldmacher“ hatte Rinaudo in den 80er-Jahren in Niger, einem der ärmsten Länder der Erde. Dort sollte er für ein Missionsprojekt junge Bäume pflanzen. Die allermeisten gingen schnell wieder ein.

Als der Agrarwissenschaftler gerade wieder mit einer Ladung von Setzlingen über Land fuhr, stoppte er. „Ich schaute in alle Richtungen, und es gab nur karges Land, und ich wusste, dass es Zeitverschwendung ist, Bäume zu pflanzen“, erzählt der Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision bei einem Besuch in Berlin.

Tony Rinaudo, Agrarwissenschaftler und Gewinner des Alternativen Nobelpreises, aufgenommen im Berliner Tiergarten. Er erhielt die Auszeichnung für seine Methode, in der Sahel-Region in Afrikas ausgetrocknete Böden natürlich zu begrünen und aufzuforsten. Quelle: Britta Pedersen/dpa

Dann fielen ihm Pflanzen auf, die wie kleine Büsche aussahen. „Doch es waren keine Büsche, sondern Triebe von Bäumen, die abgeholzt worden waren und deren Wurzeln im kargen Boden weiterlebten.“

Da kam ihm die Idee: Er beschnitt die Masse der Triebe, um aus den starken Zweigen neue Bäume großzuziehen. Oft gebe es im Boden noch Wurzelreste. Allein in Niger seien so mittlerweile etwa 200 Millionen Bäume aus alten Wurzeln gewachsen, berichtet er. Auch in anderen Staaten wird seine Methode eingesetzt.

Rinaudo propagiert eine Landwirtschaft, bei der auf Agrarflächen verstreut Bäume stehen. Nächstes Ziel: Er möchte, dass in 100 Ländern großflächig Wälder aufgeforstet werden. „Viele Menschen denken, dass Nahrungsproduktion und Aufforstung in Konkurrenz stehen. Aber das stimmt so nicht“, sagt er. „Es gibt heute auf der Erde große Bereiche, die degradiert und kaum ertragreich nutzbar sind. Dort kann man häufig Bäume ziehen.“

Isländer wollen ihren Urwald zurück

Junge Nadelbäume stehen bei Egilsstadir im Osten Islands. In Zeiten der Besiedlung war Island noch üppig bewaldet. Durch Rodungen zur Weidelandgewinnung, für Brennholz und zur Holzköhlerei verschwanden diese Wälder. Seit 1938 versucht die Regierung das Land wieder aufzuforsten. Quelle: Ole Spata/dpa

Island ist berühmt für seine karge, moosbedeckte Landschaft, für Lavafelder und Gletscher. Und nicht für Wald. Dabei war vor etwa 1000 Jahren mehr als ein Viertel der Landesfläche mit Bäumen bedeckt. Doch die Wikinger, die damals auf der arktischen Insel im Nordatlantik siedelten, holzten kräftig ab.

Sie nutzten Birken und Espen zum Heizen im Winter, als Baumaterial für Häuser und Boote. Große Waldflächen wurden abgebrannt, um Ackerland und Weideland für Tiere zu schaffen. Zusammen mit dem harschen Klima sorgte das für eine fast beispiellose Abholzung. Heute ist nach Zahlen des isländischen Forstverbands nur noch etwas mehr als ein Prozent der Fläche mit Wald bedeckt.

Seit einiger Zeit versuchen die Isländer jetzt, ihren Wald zurückzuholen. Jedes Jahr werden etwa drei Millionen Setzlinge gepflanzt, inzwischen gibt es wieder erste kleine Wälder. Wer lange Waldspaziergänge liebt, braucht aber Geduld für Generationen: Erst im Jahr 2100 sollen 12 Prozent der Fläche aufgeforstet sein. Etwas erleben die Isländer aber jetzt schon: Es werden jede Menge Weihnachtsbäume angebaut.

„Klimaerwärmung könnte durch mehr Wald um 0,3 Grad sinken“

Julia Pongratz, Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme an der Ludwigs-Maximilians-Universität München, hält in ihrem Büro den IPPC-Bericht "Climate Change 2013" in den Händen an dem sie mitgewirkt hat. Pongratz erforscht die Chancen von Aufforstung um die Klimaerwärmung zu verlangsamen. Quelle: Tobias Hase/dpa

Was ist das interessanteste Neue in Ihren Forschungen?

Wir lernen immer mehr darüber, wie die Menschen das Klimasystem bewusst beeinflussen können, etwa durch Änderungen in der Landnutzung. Gemeint sind beispielsweise das Aufforsten von Grünland oder das Abholzen von Wäldern für Ackerland. Änderung dort heißt auch Änderungen bei den Kohlendioxidmengen in der Luft. Spannend ist, dass neben diesen Änderungen in der Landnutzung Bäume und Pflanzen der Menschheit per se einen enormen Dienst erweisen im Kampf gegen steigende CO2-Konzentrationen und Klimawandel.

Was genau meinen Sie?

Derzeit geben wir bei den CO2-Emissionen aus fossilen Energien und veränderter Landnutzung etwa elf Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr in die Atmosphäre. Davon werden knapp 30 Prozent vom Land wieder zurückgespeichert, gut 20 Prozent von den Ozeanen. Das ist ein enormer Dienst, den die Vegetation für uns leistet. Pflanzen wachsen besser, wenn die CO2-Werte höher sind – das ist der Hauptgrund dafür, dass die Vegetation heute so viel von unseren Emissionen rückspeichern kann. Für die Zukunft aber gilt: Die Anstrengungen, wie stark wir fossile Emissionen abschwächen müssen, hängen direkt davon ab, wie groß diese sogenannte Senke der Vegetation künftig sein wird.

Wenn wir die Erde höchstens um 1,5 oder zwei Grad aufheizen dürfen, was ist wichtiger: dass wir CO2 einsparen oder dass wir das ausgestoßene CO2 aus der Luft holen, etwa durch Aufforsten?

Wenn man wirklich einen merkbaren Effekt haben will, werden wir zwangsläufig mehrere Maßnahmen kombinieren müssen. Auf den Wald bezogen gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten: Wenn wir das Abholzen besonders in den Tropen stoppen, wenn wir wiederaufforsten, verhindern, dass sich die Qualität von Wald und seinem Boden verschlechtert, und forstwirtschaftliche Maßnahmen auf Kohlenstoffspeicherung optimieren. Alles zusammengezählt kommt man nach derzeitigen Abschätzungen auf eine Größenordnung von einigen Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr. Jetzt ist es eine Ansichtssache, ob man sagt, das ist viel oder wenig.

Und was sagen Sie?

Derzeit emittieren wir – wie erwähnt – etwa elf Milliarden Tonnen pro Jahr, Tendenz steigend. Als Teil einer Mischung von Maßnahmen kann Wald uns helfen. Ohne deutliche Reduktion der fossilen Emissionen aber ist ein 1,5- oder Zwei-Grad-Ziel nicht zu erreichen.

In einer Studie haben Sie ein konkretes Szenario untersucht, in dem landwirtschaftliche Flächen aufgegeben und zu Wald werden. Was bedeuten Ihre Ergebnisse für den Temperaturanstieg?

Es gibt ein Szenario, das davon ausgeht, dass in der Zukunft Flächen frei werden, weil man landwirtschaftlich stark intensiviert. Darauf können Sie Wald nachwachsen lassen, ohne mit der Nahrungsmittelproduktion zu konkurrieren. In unserem Erdsystemmodell haben wir simuliert, wie stark die CO2-Aufnahme und die Temperaturänderung über das 21. Jahrhundert sind. Wenn wir auf etwa acht Millionen Quadratkilometern Wald nachwachsen lassen würden, bekommen wir ein Minus beim globalen Temperaturanstieg von etwa 0,3 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts hin. Dies ist die „Abkühlung“ relativ gesehen zu dem Referenzszenario, in dem sich landwirtschaftliche Flächen weiter auf Kosten des Waldes ausdehnen.

Gefällte Bäume liegen am Rande eines Urwaldes in der Amazonasregion in Brasilien. Die Abholzung in den Tropen, oft für landwirtschaftliche Anbauflächen, gilt als besonders problematisch. Quelle: Marcelo Sayao/EFE/dpa

Ist jede Art der Aufforstung gleich wertvoll, egal ob man in Deutschland pflanzt oder im Regenwald?

Diese Zahlen hätte man gern. Das wäre für die Politik enorm wichtig. Wir kommen in der Wissenschaft aber erst langsam dahinter, die Prozesse im Detail zu verstehen. Dazu gehören Aspekte wie: Wald ist unterschiedlich dicht – er hat damit pro Fläche einen unterschiedlichen Kohlenstoffgehalt, auch im Boden.

Kann mehr Wald auch schlecht fürs Klima sein?

Sie können sich vorstellen, dass ein Regenwald mit seinen vielen Blättern oft mehr Wasser verdunstet als ein Acker. Das kann lokal die Temperaturen senken. Gleichzeitig gibt es auch umgekehrte Effekte: Wenn man aus der Vogelperspektive auf einen Wald blickt, ist er in der Regel dunkler als Ackerland. Das bedeutet: Ein Wald absorbiert mehr Sonnenstrahlung. Das hieße, dass mehr Wald das Klima auch erwärmen kann und wir einen Teil des Abkühlungseffekts von Wald wieder verlieren. Welcher dieser Effekte dominiert, hängt nun aber stark davon ab, welche Region und welche Pflanzenarten wir betrachten.

Wie lange speichert Wald den Kohlenstoff?

Bis ein Wald voll aufgewachsen ist, das kann typischerweise 100 Jahre dauern. Noch länger dauert das Nachwachsen des Speichers von Kohlenstoff im Boden.

Und dann?

Wenn der Wald vollständig aufgewachsen ist, wird er sich in ein neues Gleichgewicht begeben mit den Klimabedingungen. Und Sie können an der Stelle nicht noch mehr Wald pflanzen. Dann müssen Sie überlegen, wie Sie diese Senke pflegen. Indem sie etwa nachhaltig Holz entnehmen und daraus sehr langlebige Dinge herstellen.

Von Teresa Dapp und Petra Kaminsky

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