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08:00 27.07.2019
Als Sudan noch lebte, wurde das letzte lebende Nördliche Breitmaulnashorn ständig von einem Pfleger bewacht. Quelle: Str/AP/dpa
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Berlin

Am Fuß des Mount Kenia, dem zweithöchsten Bergmassiv in Afrika, erzählen die Dinge traurige Geschichten über eines der größten und ältesten Säugetiere der Erde. Mitten in der Savanne unter dem Schatten einer ausladenden Akazie entstand vor zehn Jahren ein außergewöhnlicher Friedhof – ein Friedhof für Nashörner.

Wildhüter des Reservats Ol Pejeta hatten die Gedenkstätte errichtet, um auf das Schicksal eines der am meisten bedrohten Tiere der Welt aufmerksam zu machen. 20 Gräber sind es inzwischen. An den Steinhaufen stehen die Namen der Tiere.

Im März 2018 kam Sudan hinzu. Sein Tod bewegte die Welt: Das Nördliche Breitmaulnashorn war der letzte männliche Vertreter seiner Art. Der scharf bewachte Bulle, von seinen Pflegern liebevoll „Last Man Standing“ genannt, starb an Altersschwäche, bevor er Nachkommen zeugen konnte. Nun sind nur noch zwei Kühe von der Unterart übrig, beide unfruchtbar. Das Nördliche Breitmaulnashorn ist damit faktisch ausgestorben.

„Nur die knallharte Reproduktion kann dieser Art noch helfen“

Doch die Wissenschaft hat andere Pläne. Gut 6000 Kilometer Luftlinie von Kenia entfernt setzt ein internationales Forscherteam um das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) derzeit alles daran, Sudans Gattung noch zu retten. Mit Hilfe modernster Reproduktions- und Stammzelltechnologie soll deren Fortbestand gesichert werden.

„Nur die knallharte Reproduktion kann dieser Art noch helfen“, sagt der Berliner Forscher und Tierarzt Thomas Hildebrandt. Dafür soll in Berlin langfristig ein Speziallabor entstehen. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt mit vier Millionen Euro, wie es kürzlich beim offiziellen Start des Projekts BioRescue bekanntgab.

Hildebrandt und sein Team wollen nun so bald wie möglich nach Kenia reisen, um den beiden letzten Kühen des Nördlichen Breitmaulnashorns Eizellen zu entnehmen. Mit den tiefgefrorenen Spermien längst verstorbener Bullen der Unterart sollen diese dann im Labor befruchtet werden. Allerdings sei die Qualität schlecht, sagt Hildebrandt, deshalb müssten die Spermien jeweils direkt in die Eizelle gespritzt werden.

Eizellenentnahme bei einem Südlichen Breitmaulnashorn im Zoo von Chorzów in Polen. Die Weibchen des Südlichen Breitmaulnashorns sollen Leihmütter für die Embryos des Nördlichen Breitmaulnashorns sein. Quelle: Jan Stejska/IZW/dpa

Dafür arbeiten die Forscher mit einem italienischen Unternehmen zusammen, das das Verfahren auch bei Pferden und Rindern nutzt. Die sogenannte Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) ist auch bei Menschen eine gängige Methode zur künstlichen Befruchtung.

Allerdings sind die beiden in Kenia verbliebenden Nashorn-Kühe Najin und Fatu altersbedingt nicht mehr in der Lage, selbst Kälber auszutragen. Deshalb werden Leihmütter benötigt. Dafür eignen sich besonders Südliche Breitmaulnashörner, sie gehören zur gleichen Gattung, und von ihnen gibt es noch 20 000 Tiere.

Schon 2018 hatten die Pioniere aus Berlin einen „Durchbruch“ in der Nashornreproduktion verkündet. Ihnen war es mit der ICSI-Methode gelungen, mehrere Nashorn-Embryos im Labor zu züchten. Diese werden derzeit im flüssigen Stickstoff dauerhaft konserviert. Allerdings handelt es sich bei den Keimlingen noch um Hybride aus dem Südlichen und dem Nördlichen Breitmaulnashorn.

Spermien und Eizellen aus Hautzellen

Zwei der Embryos sind jetzt Zoo-Nashörnern der südlichen Spezies eingepflanzt worden. „Wir wollen zeigen, dass es funktioniert“, sagt Hildebrandt. Parallel zur künstlichen Befruchtung arbeiten Forscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin an Stammzelltechnik, um aus erhaltenen Nashorn-Körperzellen Spermien und Eizellen zu züchten.

Denn nur so könnte man eine genetische Vielfalt herstellen, die für den Aufbau einer Population groß genug wäre. Zunächst wollen sie, sagt Hildebrandt, „so schnell wie möglich“ viele Nashorn-Babys gewinnen. Aus ihren Hautzellen sollen dann mittels Stammzelltechnik weitere Spermien und Eizellen in der Petrischale gewonnen werden.

Die Vision: In zehn Jahren könnten vielleicht schon wieder 30 Nördliche Breitmaulnashörner auf der Erde sein, und in 25 Jahren vielleicht schon wieder ein paar Hundert Tiere in freier Wildbahn leben. Nashörner, die keine Klone mehr sind, sondern sich wieder auf natürliche Weise vermehren.

Viele der in Kenia beerdigten Nashörner sind grausam getötet und verstümmelt worden, damit die Wilderer an ihre Hörner kommen. Quelle: AP/dpa

Doch vor allem der Mensch ist der Feind der Nashörner, Habgier der Hauptgrund für ihren Schwund. In Afrika herrscht seit Jahren eine „Wilderei-Krise von biblischem Ausmaß“, stellte der Deutsche Bundestag im Jahr 2016 fest. Auch viele der in Kenia beerdigten Nashörner sind grausam getötet und verstümmelt worden, damit die Wilderer an ihre Hörner kommen.

Die gelten in Asien als Wundermedizin und erzielen auf dem Schwarzmarkt erhebliche Preise. In Afrika werden die Tiere deshalb im Akkord getötet – alle sieben Stunden eines, 1200 im Jahr, so die Schätzungen des Umweltverbandes WWF. Bei Elefanten sind die Zahlen noch drastischer, da werden pro Jahr 20 000 Exemplare hingerichtet. Aber von ihnen gibt es noch mehr.

Mittlerweile bestehen nur noch fünf Nashornarten weltweit. Drei davon gelten als extrem gefährdet. Vom Java- und Sumatra-Nashorn soll es gar nur noch 30 bis 50 Tiere geben. Auch um das Schwarze Nashorn steht es schlecht. Passiert nicht ein Wunder, verschwinden auch diese Arten bald von der Erde. Die Methoden der Reproduktionsmediziner sollen auch für sie eine Vorlage liefern – und für den Erhalt weiterer bedrohter Wildtierarten.

„Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“

Doch ist das die Lösung? Tiere künstlich zu kopieren, die die Menschheit auf dem Gewissen hat? Auch die Wissenschaft ist zutiefst zerstritten: Ist das noch Artenschutz? Oder greifen wir zu stark in die Natur ein? Hildebrandt und sein Team müssen sich diesen Fragen öfter stellen. „Das ist unser Manko“, sagt er. „Aber wir sehen uns nicht als die Problemlöser für schlechte politische Entscheidungen. Wir sind die letzten, die Profitgier oder korrupte Systeme fördern wollen, die dazu geführt haben, schlampig mit unseren Ressourcen umzugehen.“

Infrage für Reproduktionsmethoden kommen ihm zufolge nur extreme Fälle der Artenrettung – sie dürften nur das letzte Mittel sein. Ohnehin seien sie viel zu aufwendig und kostspielig, um massenhaft Tiere zu produzieren, meint Hildebrandt.

Ob Sudans Spezies überhaupt noch eine Chance hat, hängt aktuell an einem Stück Papier: Hildebrandts Team wartet seit Monaten auf die Genehmigung aus Kenia, um den Nashornkühen Eizellen zu entnehmen und auszuführen. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, sagt Hildebrandt. Er klingt verzweifelt.

Von Sonja Fröhlich

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