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Nachrichten Wissen Tierversuche im All: So ergeht es Mäusen auf der ISS
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20:00 11.04.2019
Bilder der Überwachungskamera auf der ISS: Nach einigen Tagen liefen die Mäuseweibchen nur noch im Kreis. Quelle: April Ronca et al
Moffett Field

Nicht nur Pflanzen und etliche Fadenwürmer sind schon zur Raumstation ISS gereist, auch Mäuse mussten sich dort schon an ein Leben in Schwerelosigkeit gewöhnen. Nach kurzer Zeit hätten die Tiere zwar gefressen, miteinander agiert und sich geputzt wie auf der Erde auch, berichten Forscher der US-Raumfahrtagentur Nasa im Fachmagazin „Scientific Reports“ über einen der Versuche. Nach einiger Zeit sei ein Teil der Mäuse allerdings fortwährend im Kreis durch die kleine Box gerannt.

Tiere klammern sich mit dem Schwanz ans Gitter

Solche Tierversuche auf der ISS sollen abschätzen helfen, wie Menschen auf Langzeitmissionen etwa zum Mars reagieren würden. Die Wissenschaftler um April Ronca vom Nasa Ames Research Center in Moffett Field (Kalifornien/USA) hatten Videos von 20 Mäuseweibchen ausgewertet und ihr Verhalten mit dem einer Kontrollgruppe auf der Erde verglichen. Die Tiere waren zwischen 16 und 32 Wochen alt, ihre „ISS-Mission“ dauerte 17 bis 33 Tage. Für Mäuse sei das wegen ihrer kurzen Lebensspanne eine Langzeitmission, erklären die Forscher.

Um nicht frei herumzuschweben, hätten sich die Mäuse auf der ISS mit ihren Hinterpfoten oder dem Schwanz am Käfiggitter festgeklammert. Zur Fortbewegung hätten sie zumindest anfangs oft nur ihre Vorderbeine genutzt. Die Tiere seien am Ende bei guter Gesundheit gewesen, ihr Gewicht habe sich nicht von dem der auf der Erde verbliebenen Artgenossen unterschieden. Sie seien während des Experiments auch aktiv geblieben und hätten ihren Käfig erkundet.

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Mäuse zeigen nach kurzer Zeit Stressreaktionen

Allerdings zeigten die jüngeren „Flug-Mäuse“ acht bis zehn Tage nach ihrem Start ins All dauerhaft Verhaltensauffälligkeiten: Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie die Tiere hintereinander im immer gleichen Kreis an den Wänden ihrer Bleibe entlanghasten wie Hamster in einem Hamsterrad. Möglicherweise handele es sich um eine Stressreaktion oder sogenanntes stereotypes Verhalten – wie bei einem auf immer gleichem Pfad herumlaufenden Zootier.

Dies wäre ein Zeichen für mangelndes Wohlbefinden. Stereotypien auf der Erde sind etwa bei Pferden, Elefanten und Großkatzen bekannt, sie sind häufig auf zu kleine Gehege, fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten und mangelnden Kontakt zu Artgenossen zurückzuführen.

In den Käfigen auf der ISS gebe es zum Beispiel für die Mäuse keine Möglichkeit, sich ein Nest zu bauen, erläutern die Forscher. Dies gelte allerdings auch für die Boxen der Vergleichstiere auf der Erde – und die hätten kein Kreislaufen gezeigt. Neben der Schwerelosigkeit könnten demnach Faktoren wie der höhere CO2-Gehalt und die niedrige Umgebungstemperatur auf der ISS entscheidend sein.

Weitere Studien nötig

Denkbar sei als Ursache für das sinnlos scheinende Bahnenziehen auch, dass die Mäuse zur Stimulation ihres Gleichgewichtsorgans im Ohr im Kreis liefen, das in der Schwerelosigkeit sonst keine Impulse von außen erhalte, schreiben die Forscher. Zur Klärung seien weitere Studien nötig.

Reisen ins All gingen in der Vergangenheit häufig für einen großen Teil der Tiere tödlich aus – und das nicht nur, weil sie im Rahmen von Versuchsreihen gezielt von Raumfahrern getötet und präpariert wurden. Bei einem Experiment der italienischen Raumfahrtagentur im Jahr 2009 auf der ISS verendete die Hälfte der Mäuse, beim Flug des russischen Forschungsmoduls „Bion-M“ im Jahr 2013 überlebten wegen einer Fehlfunktion des Futterautomaten ebenfalls nur etwa die Hälfte der anfangs 45 Mäuse, wie die Nasa-Forscher schreiben.

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Raumfahrer leiden mit den Tieren

Für Raumfahrer ist das Elend der Tiere mitunter kein schöner Anblick. Der US-Astronaut Scott Kelly, inzwischen nicht mehr in den Diensten der Nasa, beschreibt in seinem Buch „Endurance“, wie die Raumfahrer auf der ISS eine Maus mit fehlendem Bein einschläfern – „offenbar hatten die übrigen Mäuse oder sie selbst es abgebissen“. Es habe ihn sehr geärgert zu wissen, dass das Tier die ganze Nacht habe leiden müssen, obwohl die Bodenstation davon wusste, schreibt Kelly, der 2015/16 fast ein ganzes Jahr auf der Raumstation verbrachte. Das Kontrollzentrum auf der Erde habe auf den Schlaf der Astronauten Rücksicht nehmen wollen, „aber das hätten wir doch gern selbst entschieden“.

So entsteht Schwerelosigkeit auf der ISS

Die ISS rast mit einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde in etwa 90 Minuten um die Erde. Schwerelos sind die Raumfahrer – und die „Maustronauten“ – in der Station nicht wegen der Flughöhe von knapp 400 Kilometern: In dieser Entfernung sind noch 89 Prozent der Erdanziehungskraft vorhanden. Die Schwerelosigkeit entsteht, weil sich die ISS in ständigem freien Fall in einem großen Kreis um die Erde befindet. Hätte sie nicht ihre hohe Geschwindigkeit, würde sie direkt nach unten fallen.

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Von Annett Stein/dpa

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