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Wissen Übergewicht: Ich will so bleiben, wie ich bin
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13:37 19.02.2019
Aus medizinischer Sicht scheint es häufig sinnvoll, die Fettpolsterchen zu akzeptieren. Quelle: Fotolia
Hannover

„Ein bisschen pervers muss er schon sein, dass er so was wie dich mag.“ Das musste sich Natalie Rosenke von einem Familienmitglied anhören, als sie ihre erste Beziehung hatte. Schon ihr Leben lang muss sie sich Beleidigungen und Diskriminierung gefallen lassen – nur, weil sie dick ist. Heute berichtet sie auf Twitter und in einer Kolumne für die „Süddeutsche Zeitung“ darüber. „Regelmäßig sagen mir Menschen einfach so ins Gesicht, dass sie meinen dicken Körper abstoßend finden“, twittert Rosenke. Und sie berichtet, wie sie auf Jobbewerbungen nie eine Antwort bekam, bis sie eines Tages das Foto wegließ. Sie beschreibt auch, wie sie eigentlich ganz zufrieden ist mit sich selbst, dass sie gern Sport macht, und warum sie keine Lust hat, ihren Körper unter wallenden Gewändern zu verstecken.

Dicksein: Mobbing im Internet

Allein dafür schlägt Rosenke im Internet blanker Hass entgegen. Vor allem männliche Twitter-Nutzer beschimpfen oder bedrohen sie: „Ab ins Gas“, schrieb einer erst kürzlich. „Viele Menschen fühlen sich im Recht, wenn sie Dicke beleidigen oder kritisieren“, sagt sie. „Man sieht Dicksein als selbst verschuldeten und gewählten, die Gesellschaft schädigenden Lebensstil.“

Dagegen will Natalie Rosenke vorgehen. Sie ist Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG), die vom amerikanischen „Fat Acceptance Movement“ inspiriert ist. Die Idee dahinter ist, selbstbewusst zu seinem Dicksein zu stehen und sich gegen Kränkungen und Benachteiligung zu wehren. Die GgG will unter anderem erreichen, dass in Schulen über Gewichtsdiskriminierung aufgeklärt wird, um das Mobbing von dicken Schülern zu verhindern. Sie fordert auch ein Verbot von Werbung, die Dicke verspottet, geeignete Sitzplätze im Nahverkehr oder Bewerbungen ohne Foto im öffentlichen Dienst.

Die Gesundheitsrisiken von hohem Körpergewicht würden oft übertrieben, sagt Rosenke. Dafür könnten die ständigen Schmähungen der Gesundheit dicker Menschen Schaden zufügen, über die ständige persönliche Kränkung hinaus: „Manche gehen nicht mehr zum Arzt, weil sie dort schlecht behandelt werden.“ Auch ins Schwimmbad oder Fitnesscenter trauten sich Dicke oft gar nicht erst, weil sie dort Spott und kränkenden Blicken ausgesetzt sind. Und selbst gut gemeinte Kampagnen für ein gesünderes Essverhalten seien kontraproduktiv – wenn sie mit dem Motto „Fit statt fett“ Dicke von vornherein unter Druck setzen oder zu Diäten drängen.

Übergewicht: Gewicht halten lautet die Devise

Am „Fat Acceptance Movement“ gibt es auch sachlichere Kritik: Wer sein Übergewicht als gegeben akzeptiere oder das von anderen verlange, der tue nicht genug dagegen, tönt es aus der Fitnesscommunity. Das Dicksein werde verharmlost oder mit Slogans wie „big is beautiful“ sogar verherrlicht. Wer hat recht?

Elisabeth Rauh ist Fachärztin für Psychotherapie und Vorstandsmitglied im Bundesfachverband Essstörungen. Tatsächlich sei es kontraproduktiv, Dicke ständig wegen ihres Gewichts an den Pranger zu stellen: „Kritik hat noch niemandem geholfen, sie führt auch nicht zur Verhaltensänderung.“ Übergewicht an sich sei übrigens keine Krankheit, auch stecke längst nicht immer eine Essstörung dahinter. „Unser Gewicht ist zum größten Anteil genetisch bedingt“, sagt Rauh. Führt tatsächlich ein krankhaftes Essverhalten zum Übergewicht, dann könne Selbstakzeptanz ein wichtiger Baustein der Therapie sein. „Man bemüht sich dabei vor allem um die Herstellung von psychischem Wohlbefinden. Denn je wohler sich jemand fühlt, desto besser ist er vor Essanfällen geschützt“, sagt Rauh.

Auch aus medizinischer Sicht scheint es häufig sinnvoll, das Dicksein zu akzeptieren. Denn dauerhaft abzunehmen, das schaffe höchstens eine Minderheit der Adipösen, sagt Mathias Faßhauer, Professor am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas Erkrankungen der Universitätsklinik Leipzig. Andere wiegen nach Diäten sogar mehr. Den meisten übergewichtigen Patienten rät Faßhauer deshalb nicht zum Abnehmen, sondern dazu, ihr Gewicht zu halten.

Wann ist dick zu dick?

Ob jemand als zu dick gilt, ist durchaus auch eine Frage der Interpretation oder sogar der Mode. Mollige Frauen fand man in der Zeit des Barock zum Beispiel besonders attraktiv. Doch kommen verschiedene Studien in Deutschland und anderen westlichen Ländern zu dem Schluss, dass ihre Bevölkerung übergewichtig ist. Im Jahr 2006 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO sogar eine Charta zur Bekämpfung der Adipositas, also des starken Übergewichts, verabschiedet.

Laut einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) gelten in Deutschland 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen als übergewichtig. 5 Prozent der Jungen und Mädchen werden als stark übergewichtig (adipös), bezeichnet. Die Zahlen bei den Erwachsenen liegen noch höher. So sind laut RKI 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig. Rund ein Viertel der deutschen Erwachsenen ist stark übergewichtig.

Zahlreiche Untersuchungen – vor allem auch von Krankenkassen – kommen immer wieder zu dem Schluss, dass Übergewicht viele Beschwerden und zudem die Entwicklung chronischer Krankheiten beeinflusst. Gerade Krankenkassen versuchen deshalb mit verschiedenen Programmen, Menschen zum Abnehmen zu motivieren. Denn: Die direkten und indirekten Kosten von Übergewicht gehen pro Jahr in die Milliarden.

Übergewichtige fordern Akzeptanz

Medizinisch betrachtet sei der Gewichtsverlust bei mittlerem Übergewicht auch nicht zwingend, es habe kaum Einfluss auf die Lebenserwartung. Eindeutig leiden würde die Gesundheit erst bei stark adipösen Patienten mit einem BMI-Wert (Gewicht in Kilogramm durch Körpergröße in Metern zum Quadrat) über 35, sagt Faßhauer. Ab einem BMI von 25 von Übergewicht zu sprechen, wie lange üblich, ist daher auch unter Experten längst umstritten. Es stimmt also, dass die gesundheitlichen Folgen des Dickseins oft übertrieben werden. Ein gängiger Irrtum ist auch, dass es in Deutschland immer mehr dicke Menschen gibt: Der Anteil der – selbst nach den strengen BMI-Richtlinien – übergewichtigen Erwachsenen stagniert seit einigen Jahren.

Gegen eine gesunde Lebensweise habe im Übrigen niemand etwas, sagt Natalie Rosenke. „Aber Gesundheit ist etwas sehr Individuelles, sie lässt sich nicht an einem Normkörper messen.“ Auch um eine Verherrlichung des Dickseins gehe es nicht. „Wir möchten ganz einfach nur als Teil der Gesellschaft toleriert und akzeptiert werden.“

Natalie Rosenke ist Kolumnistin des „SZ Magazins“ und Künstlerin. Seit 2013 ist sie Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Quelle: Natalie Rosenke

Von Irene Habich/RND

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